Streit um Schutz für Weidetiere: Doppelter Zeitaufwand „nicht zumutbar“

Drei Männer stehen mit Abstand vor einem mit Flatterband erhöhten Weidezaun. 
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Zäune, die zum Schutz vor Wölfen mit einem Flatterband auf 145 Zentimeter erhöht werden können: Flä chendeckend ist das nicht umsetzbar, meinen (von links) Helfried Berger, Anton Göbel und Burkhard Ernst. Göbel nutzt diese Variante bereits – aber nur für zwei Flächen, wo er den zusätzlichen Zeitaufwand bezahlt bekommt.

Weidetierhalter halten höhere Zäune als Schutz gegen Wolfsangriffe für sinnlos und erheben deutlichen Protest. Das Land will den haltern jetzt kostenlos Flatterband und Pfähle zur Verfügung stellen. 

Rockensüß/Witzenhausen/Herlefeld.  – Wie können Weidetierhalter den Nutztierangriffen der Stölzinger Wölfin begegnen? Mehrere Schäfer warnen nun erneut eindringlich davor, als vermeintliche Lösung höhere Zäune zu etablieren. „Es deutet sich an, dass das hessische Wolfsmanagement genau das tun will“, erklärt Burkhard Ernst, Pressesprecher des Hessischen Verbands für Schafzucht und -haltung, den Vorstoß der Schäfer. Für den deutlichen Protest gibt es mehrere Gründe.

Halter gehen von doppelten Zeitaufwand aus

Geplant sei, dass das Land Hessen Schaf- und Ziegenhaltern im Territorium der Wölfin Flatterbänder und Pfähle kostenlos zur Verfügung stellen möchte, mit denen Zäune auf bis zu 145 Zentimeter erhöht werden können. „Das Entscheidende sind nicht die Anschaffungskosten. Das Entscheidende ist der doppelte Zeitaufwand, der nicht kompensiert wird“, sagt Helfried Berger. Der Witzenhäuser ist Sprecher der am Projekt „Schaf schafft Landschaft“ beteiligten Schäfereien und hat im Nebenerwerb 50 Schafe und Ziegen, die stets in mehrere Herden unterteilt sind. „Wenn ich von der Arbeit komme, bin ich fast jeden Tag von 18 bis 20 Uhr damit beschäftigt, Zäune zu stellen. Wenn es so trocken ist wie im Moment, reicht das Gras auf einer Weide oft nur einen Tag als Futter. Dann müssen die Zäune abgebaut und auf der nächsten Wiese wieder aufgebaut werden“, erklärt Berger. Die doppelte Zeit würde bedeuten, dass das Zäunen von 18 bis 22 Uhr dauert. Das sei nicht umzusetzen.

Tests wurden gemacht, aber noch nicht ausgewertet

Bei dem Zeitaufwand beziehen sich Ernst, Göbel und Berger auf Tests, die die Schäfer und die Untere Naturschutzbehörde des Kreises Hersfeld-Rotenburg im Frühjahr initiiert haben (siehe Hintergrund). Gemeinsam mit dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) wurden die Praktikabilität und der Zeitaufwand von höheren Zäunen unter verschiedenen Bedingungen untersucht, dokumentiert vom LLH. Die Ergebnisse sind noch nicht veröffentlicht. 

Arnd Ritter vom LLH-Beratungsteam Tierzucht bestätigt aber auf HNA-Nachfrage: „Mit dem Flatterband wird der Zeitaufwand doppelt so hoch oder sogar mehr als doppelt so hoch.“ Der LLH ist ebenso wie das Wolfsmanagement dem Umweltministerium unterstellt. „Wenn das im Stölzinger Gebirge alle Schäfer und Ziegenhalter umsetzen würden, könnte das Resultat nur sein: Jeder schafft nur noch halb so viel Weidefläche, kann also nur noch halb so viele Tiere halten – und bräuchte 50 Prozent mehr Wertschöpfung“, rechnet Verbandssprecher Ernst vor. Das sei in der Theorie, wenn es entgegen dem Trend mehr Weidetierhalter gäbe, machbar. „In der Praxis wird es niemals funktionieren.“ All das könne nicht im Sinne von Politik und Gesellschaft sein – schließlich herrsche Einigkeit über die Verdienste der Weidetierhaltung für die Artenvielfalt und die Offenhaltung von Flächen.

Prüfen, ob Abschuss der Wölfin rechtlich möglich ist

„Wie man es dreht und wendet: Der doppelte Zeitaufwand bei der Einzäunung ist nicht zumutbar. Weder für Berufsschäfer noch für solche mit 20 oder 30 Tieren“, sagt Ernst. Das Wort „zumutbar“ spielt eine wichtige Rolle bei der Frage, ob ein Abschuss der Wölfin rechtlich möglich ist – das ist der Fall, wenn die Alternativen zur Abwendung von Nutztierrissen eben nicht „zumutbar“ sind. Laut Burkhard Ernst glaubt man im Verband auch nicht daran, dass die Erhöhung der Zäune die Wolfsübergriffe stoppt. Fast jeder Halter von Schafen, Ziegen und Rindern wisse aus Erfahrung: Es gebe immer einzelne Tiere, die wieder und wieder von der Weide ausbrechen, trotz ordnungsgemäßer Zäune.

„Man probiert es dann mit höheren Zäunen oder mit zwei Zäunen hintereinander – aber wenn ein Tier einmal gelernt hat, dass es den Zaun überwinden kann, wird es das immer wieder tun. Da bleibt nur der Weg zum Schlachter, was insbesondere Hobbyhaltern natürlich wehtut.“ Dass man bei Wölfen, die als intelligent gelten, damit Erfolg haben könnte, sei nicht plausibel zu erkären. „Bei der Stölzinger Wölfin ist der Zug abgefahren. Sie muss geschossen werden“, sagt Ernst.

Streit zwischen Schäfern und Naturschützern 

Die Erhebung über den Aufwand für das Stellen von höheren Zäunen kam im Frühjahr auf Initiative des Herlefelders Anton Göbel, anderer Schäfer und des Kreises Herfeld-Rotenburg zu Stande. Göbel verlangte nach Lösungen für den Schutz vor Wölfen auf den schwer zu zäunenden, aber auch für den Artenschutz wertvollen Flächen an Eschkopf, der dem Naturschutzbund Nabu gehört, und der Doline bei Rockensüß, wo Göbel einen Vertrag mit dem Landkreis hat. Er lobt dessen Untere Naturschutzbehörde. Der Nabu habe sich nicht an einer Lösung beteiligt. „Der Nabu streicht als allgemeinnütziger Verein das Geld für die Ökopunkte ein und betreibt Öffentlichkeitsarbeit für die Rückkehr des Wolfes, lässt die Rechnung aber andere bezahlen“, sagt Göbel. Der Nabu widerspricht: Man habe mehrfach im Austausch gestanden und angeboten, selbst Geld zur Verfügung zu stellen. 

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