Mit fremder Frau im OP-Saal

Die weite Welt und wir: Blinder Waldkappeler lebte in Irland

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Ist heute noch gerne in Irland: der erblindete Waldkappeler Markus Böttner, hier auf einem Boot in dem Land, in dem er zehn Jahre lebte, zu sehen.

Markus Böttner aus Waldkappel hat eine Menge erlebt: Zehn Jahre hat er in Irland verbracht. Dabei engagierte sich Böttner, der selbst blind ist, ehrenamtlich in der Blindenhilfe. 

Er begleitete eine fremde Frau mit gebrochenem Bein in den OP-Saal, übersetzte die Zeugenaussage eines Missbrauchsopfers, forschte an Universitäten und engagierte sich ehrenamtlich in der Blindenhilfe – und das alles, obwohl der Waldkappeler selbst blind ist. „Ich möchte die Zeit in Irland nicht missen, es war toll“, sagt der 40-Jährige heute.

Beeindruckende Natur: Die hat Irland zweifellos zu bieten. Böttner schätzt aber noch viel mehr die Iren an sich.

Doch wie kam Markus Böttner überhaupt dazu, eine so lange Zeit in Irland zu leben? „Schon während des Studiums habe ich ein Auslandsjahr dort verbracht. Ich fand das so cool, dass ich zurückwollte“, erinnert sich Böttner. Eigentlich war sein Ziel, Lehrer zu werden, er schwenkte dann an der Uni Bamberg aber auf einen Magisterabschluss in Anglistik und Soziologie um. „Bei meinen Praktika an Schulen war ich zu vielen Vorurteilen wegen meiner Blindheit ausgesetzt“, begründet er das.

Doch nicht nur, weil es da cool war, ging Böttner 2007 wieder nach Irland. Sondern auch, weil er seine damalige Lebensgefährtin und heutige Frau, die er wiederum in deren Auslandsjahr in Bamberg kennengelernt hatte, in ihre Heimat nach Irland begleiten wollte. Fortan lebten die beiden in Galway. Böttner forschte an Schulen, unterrichtete Deutsch an den Unis in Maynooth und Galway, gab Workshops für Schüler, Studenten, Dozenten und in der Lehrerfortbildung. Außerdem brachte er sich beim Blindenverband ein – beispielsweise als EDV-Trainer oder psychologischer Beistand für Spät-Erblindete.

„Ich bekam den liebevollen Spitznamen Go-To-Markus und kam über dieses Engagement als Trainer für EDV- und Office-Anwendungen für blinde Studenten an die Universität in Galway“, berichtet der computeraffine Böttner, der privat bei Instagram Fotos postet oder auf Youtube selbst gemachte Musikvideos hochlädt. Daneben verdiente er sich als Dolmetscher etwas dazu – wobei es zu den eingangs geschilderten Erlebnissen kam, bei denen er für eine deutsche Touristin im Krankenhaus und ein Opfer des Missbrauchsskandals in der irischen Kirche bei der Polizei übersetzen musste. „Es gab auch weniger schöne Erfahrungen, aber das gehört dazu“, sagt Böttner.

An Irland schätzt er im Nachhinein die Offenheit und Geselligkeit der Menschen. „Außerdem finde ich als Hobby-Musiker die Musikalität der Iren klasse.“ Trotzdem entschieden sich Markus Böttner und seine Frau 2017 nach zehn Jahren für den Umzug nach Deutschland – zuerst zu Mutter und Stiefvater in Waldkappel und dann in ein eigenes Haus. „Aus privaten und wirtschaftlichen Gründen“, sagt Böttner. In Irland ist das Paar mit den „zwei Heimaten“ natürlich immer noch regelmäßig zum Familienbesuch – und zwar sehr gerne.

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