Euphorie und Verdruss

30 Jahre Deutsche Einheit: Wanfried und Treffurt seit 1990 im Vergleich

Dinge, die seit jeher verbinden: Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhard (links) und der Amtskollege aus Treffurt Michael Reinz vor Werra und Heldrastein.
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Dinge, die seit jeher verbinden: Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhard (links) und der Amtskollege aus Treffurt Michael Reinz vor Werra und Heldrastein.

Etwa acht Kilometer liegen zwischen den beiden Werra-Städtchen Wanfried (Hessen) und Treffurt (Thüringen). Fast 40 Jahre schienen diese acht Kilometer unüberwindbar. Nach der Grenzöffnung haben beide Städte eine ähnliche Entwicklung genommen. Ein Vergleich der drei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit.

1990 bis 2000

Treffurt: Die Euphorie der Grenzöffnung im Herbst 1989 hatte auch im Jahr der Einheit noch Bestand. Befeuert wurde die Begeisterung. durch die Währungsunion am 1. Juli 1990. „Alles war gut, bis sich 1991 Ernüchterung breitmachte“, erinnert sich Treffurts Bürgermeister Michael Reinz, damals knapp 22. Betriebe arbeiteten nach den Gesetzen der Marktwirtschaft nicht mehr wirtschaftlich. Die Zigarrenfabrik oder de Flamat-Werke mussten viele ihrer fast 1000 Mitarbeiter entlassen. „Treffurt, das bis dahin für fast jeden Einwohner einen Arbeitsplatz hatte, musste sich ein Jahr nach der Wiedervereinigung mit Arbeitslosigkeit und Existenzängsten beschäftigen“, sagt Reinz. Die Folge: Immer mehr Menschen wanderten bis Ende des Jahrzehnts ab – die meisten in Richtung Westen.

„Die Leute fragten sich, was ihnen diese Wiedervereinigung eigentlich gebracht hätte.“ Wanfried: Für die Stadt Wanfried hat sich ein Tor zur Welt wieder geöffnet. Plötzlich war die Fahrt nicht mehr nur in eine, sondern in alle vier Himmelsrichtungen möglich. „Die Wanfrieder Geschäftswelt hat wahnsinnig profitiert, weil sich ein neuer Markt eröffnet hat“, sagt Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhard, damals 14 Jahre alt. Durch die Währungsunion hatten die nahen Thüringer jetzt auch Geld, dass sie im Westen ausgeben wollten. Zwei, drei Jahre hielt dieser Boom an – bis in Thüringen die Infrastruktur nachgebessert wurde. Vom östlichsten Zipfel der Republik ist Wanfried nun in die Mitte gerutscht. Das hat allerdings auch einiges an Verkehr mit sich gebracht. Schnell wurde die Rufe nach einer Umgehungsstraße laut, die 2004 umgesetzt wurde. Wanfried wurde ohne Zonenrandlage auch als Wohnstandort attraktiv.´Die Medaille hatte aber auch eine Kehrseite. Die Zonenrandförderung wurde 1993 eingestellt. Stattdessen gab es staatliche Unterstützung für die Nachbarn in Thüringen.

2000 bis 2010

Wanfried: Das Fördergefälle zwischen Hessen und Thüringen hat voll zugeschlagen und Spuren hinterlassen. Der Markt hat sich gewandelt. Das bekommt auch die Wanfrieder Wirtschaft zu spüren. Anfang des Jahrtausends muss mit Bode Strickmoden der größte Arbeitgeber mit rund 400 Beschäftigten aufgeben. Handwerker spüren den Konkurrenzdruck aus dem Osten. Oft können sie mit den Preisen nicht mithalten. Die Kaufkraft bricht ein, Menschen wandern auch in Wanfried ab. „Zwischen 2000 und 2005 hatte man das Gefühl, dass sich die Menschen ihrem Schicksal ergeben haben“, sagt Gebhard. Gleichzeitig hoffte man auf Unterstützung des Staates, der in den Jahren der Zonenrandlage ja immer geholfen habe. Treffurt: Auch in Treffurt herrschte Ernüchterung vor – trotz der Förderung. „Die Stadt hat die Zeichen der Zeit nicht genutzt“, sagt Reinz rückblickend. In Treffurt wurden keine Gewerbegebiete ershlossen, in denen sich Firmen hätten ansiedeln können. Natur- und Hochwasserschutz waren kompliziert. Stattdessen setzte die Stadt auf einen sanften Tourismus. Rad- und Wanderwege entstanden. „Ohne Struktur durch einen Verband kann man als kleine Stadt aber wenig ausrichten“, sagt Reinz. Zudem traf die Finanz- und Wirtschaftskrise auch kleine Städte wie Treffurt oder Wanfried hart. Von der Euphorie 20 Jahre zuvor war Ende des Jahrzehnts nichts mehr zu spüren.

2010 bis heute

Wanfried und Treffurt: Die vergangenen zehn Jahre haben beide Städte genutzt, um sich den aktuellen Stand zu erarbeiten, den beide Bürgermeister mit solide beschreiben. Gebhard kam 2007 ins Amt, Reinz 2011. Seitdem hat sich das Verhältnis der beiden Städte, das nach der Wiedervereinigung als nicht lebhaft galt, verbessert. Die Zusammenarbeit wurde intensiviert. Die Idee von beiden Bürgermeistern ist, ihre Städte zu vermarkten. „Da sind wir Partner und Konkurrenten gleichermaßen“, sagt Gebhard, der seit etwa zehn Jahren eine Zuzugbereitschaft in den ländlichen Raum verspürt. Die Vermarktung von Bestandsimmobilien wurde konsequent vorangetrieben. Heute suchen junge Familien auch Bauplätze in der Stadt. „Wir haben aber auch verstanden, dass wir uns als Region über Ländergrenzen hinweg vermarkten müssen“, sagt Reinz. Deswegen sei der Kontakt auch mit Gemeinden wie Weißenborn, Ringgau, Katharinenberg oder Geismar verstärkt worden. „Unsere gute Lage inmitten von Deutschland müssen wir nutzen“, sagt Reinz.

Das Fazit

Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt habe man seinen Platz gefunden. Die von Helmut Kohl versprochenen blühenden Landschaften seien hier nicht eingetreten. „Wir haben uns aber ein Wohlstandsniveau erarbeitet, das vor 30 Jahren niemand für möglich gehalten hat. Keiner muss klagen“, sagt Reinz. Gebhard spricht von einem partnerschaftlichen Verhältnis auf Augenhöhe zwischen den beiden Städten. Was sie für die Zukunft angehen möchten? Für gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land kämpfen.

Von Tobias Stück

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