Tilo Prückner liest in Wanfried aus seinem Buch

War in Wanfried zu Gast: Tilo Prückner, der hier vor mehr als 30 Jahren die Hauptrolle im Willi-Busch-Report spielte. Foto:  Möller

Wanfried. Den Einheimischen ist er vor allem aus dem Willi-Busch-Report bekannt: Tilo Prückner. Damals spielte er die Hauptrolle in dem Film, der in Wanfried gedreht wurde. Jetzt kam er zurück, um aus seinem ersten Buch zu lesen.

Melodrama, Satire, Heimatfilm und Agentenstory - so umschrieben Kritiker 1979 den Willi-Busch-Report mit Tilo Prückner, in dem der Protagonist als Provinz-Journalist in der heimischen Region an der Grenze zur DDR um den Fortbestand seiner sterbenden Zeitung kämpfte. 36 Jahre später kommt der nun fast 75-jährige Schauspieler zurück an den einstigen Schauplatz des Geschehens, um einer rund 100-köpfigen Fangemeinde als Teil der Wanfrieder Lesung Auszüge aus seinem Erstlingswerk „Willi Merkatz wird verlassen“ zum Besten zu geben.

Die Handlung

Am Ende war es wohl eine denkwürdige Lesung auf einem schmalen Grat, in deren Mittelpunkt ein 60-jähriger, 1,69 Meter großer Berliner Arzt steht, der nach 39 Ehejahren von seiner Frau Katharina - klein, stämmig, blass - verlassen wird. Krise, Auszeit, Trennung? Willi Merkatz und sein Schöpfer Prückner bewegen sich zwischen Impotenz und Größenwahn, versinkt der Doc beim Selbstverwirklichungsgedanken seiner Frau in Selbstmitleid und versucht, sich sein neues Leben zurechtzubiegen. Die beantragte Auszeit hilft nicht viel, auch nicht der Ayurveda- und Meditationsaufenthalt in Indien. Willi ist erschüttert, gekränkt, vor allem aber in seinem Stolz verletzt.

Die Trennung verläuft langsam und Merkatz ist wie in Trance, zwischendurch ganz klar und gefasst. Doch zum Selbstmitleid, zur Wut und zur Trauer um die Liebe, um Rituale einer Ehe, kommt die Angst. Merkatz hält sich zwar für einen tollen Hecht, aber er fürchtet das Alter, die Einsamkeit, den Tod. Im Piemont in sexuelle Tagträume verfallen, in München ein mit Taubendreck besudeltes Zimmer gesäubert, in Berlin auf der Suche nach seiner Sprechstundenhilfe als Sexersatz, wird Merkatz in seiner Vorstellung zum Karate-Willi gegen einen imaginären Gegner, dem Lover seiner Frau. Die geplante Zusammenführung bei einer Mediatorin wird zum Desaster, spielt Merkatz den unbefriedigenden Alleinunterhalter, der spätestens ruhiger wird, als er von seinem Urologen Krebs diagnostiziert bekommt.

Das Urteil

Nichts für prüde Leser sind die aufgezeigten Sexphantasien, ist „Willi Merkatz wird verlassen“ Satire pur. Selbstmitleidig, ironisch, manchmal fantasievoll entrückt - das Markenzeichen von Prückner eben, der nach 60 Minuten sein Buch zuklappte. Eine Flasche aus der Brombeermann-Destille vom Kultur- und Verkehrsverein entschädigte Prückner für kleine Unzulänglichkeiten, der sich selbst beim Publikum für einige Verleser entschuldigte. Seine Fans störte das nicht.

Von Dieter Möller

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