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Aufarbeitung der NS-Zeit im Kreis: Karl Vetter war eine Schlüsselfigur

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Von: Jessica Sippel

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Karl Vetter stieg vom Landwirt im Werra-Meißner-Kreis zum Reichstagsabgeordneten der NSDAP auf.
Karl Vetter stieg vom Landwirt im Werra-Meißner-Kreis zum Reichstagsabgeordneten der NSDAP auf. © Foto: Bundesarchiv

Die Zeit des Nationalsozialismus ist das dunkelste Kapitel in der deutschen Geschichte. Menschen in allen Städten und Gemeinden Deutschlands waren betroffen und/oder beteiligt – ebenso im Werra-Meißner-Kreis.

Werra-Meißner – Eine der maßgeblichen Schlüsselfiguren für den Aufstieg der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Kreis Eschwege und in Wanfried war Karl Vetter . Durch die Aufarbeitung der Wanfrieder NS-Geschichte wird auch seine Entnazifizierungsakte bekannt. Sie dokumentiert die Entwicklung seiner „Karriere“ – vom Landwirt in Wanfried zum NSDAP-Mitglied des Reichstags.

Lehre zum Landwirt in Wanfried

Als junger Mann machte Karl Vetter, der am 15. April 1895 in Todtnau in Baden als Sohn eines Fabrikanten und Buchdruckereibesitzers geboren wurde, in Wanfried ab 1910 zunächst eine Lehre zum Landwirt. In seinem selbst verfassten Lebenslauf für seine Entnazifizierungsverfahren spricht er von einem „von Kindheit an gehegten Wunsch“, in die Landwirtschaft zu gehen.

Später führte er landwirtschaftliche Betriebe in Wanfried und Walburg (damals Kreis Witzenhausen) und züchtete Rassegeflügel. In Wanfried heiratete er, aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. 1914 bis 1918 kämpfte er im Ersten Weltkrieg, wurde verwundet und als Leutnant der Reserve entlassen.

Politisch trat er am 1. Dezember 1929 in die NSDAP ein – gemeinsam mit dem späteren NSDAP-Ortsgruppenleiter Wanfrieds, Fritz Walter. Seinen Eintritt in die NSDAP begründet Vetter im Meldebogen für das Entnazifizierungsverfahren damit, er sei durch das Programm der Partei überzeugt gewesen, dass dem „rapiden Niedergang [seines] Berufsstandes und des deutschen Volkes Einhalt geboten würde“. An der landwirtschaftlichen Gesundung und damit an der Gesundung des gesamten deutschen Volkes habe er mitarbeiten wollen. Vetter stieg schnell auf: Durch seine Fachkenntnisse aus der Landwirtschaft wurde er Ende 1930 zum landwirtschaftlichen Abschnitts-Fachberater und später zum Referenten für Geflügelzucht im agrarpolitischen Apparat der NSDAP gewählt, von Januar bis Juni 1932 war er außerdem zum kommissarischen Kreisleiter seiner Partei für den Landkreis Eschwege eingesetzt worden. 1932 wurde er auch für die NSDAP in den preußischen Landtag gewählt.

SS-Standartenführer

Im Frühjahr 1933 wurde er zum Vorsitzenden des Reichsverbandes der Geflügelwirtschaft gewählt. Innerhalb des sogenannten Reichsnährstandes nahm er die kommissarische Abteilungsleiterfunktion der Abteilung III (Der Markt) ein. Der Reichsnährstand war eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die sich staatsunabhängig selbst verwaltete.In dieser Zeit ab 1934 war Karl Vetter auch in die Schutzstaffel (SS) der NSDAP eingebunden, wo er sich in den kommenden zwei Jahren vom SS-Sturmführer bis hin zum SS-Standartenführer hocharbeitete.

Reichstagsabgeordneter der NSDAP

Von 1933 bis 1945 war Karl Vetter Reichstagsabgeordneter der NSDAP in Berlin. Am 30. Januar 1939 saß er in den Reihen der NSDAP-Mitglieder in der Berliner Krolloper. An diesem Tag hielt Adolf Hitler seine Rede über die Vernichtung der Juden Europas. Im September darauf begann der Zweite Weltkrieg mit dem Angriff auf Polen. Er endete im Mai 1945.

Im April 1945 wurde Karl Vetter verhaftet und war drei Jahre lang im Gefängnis. Während seines Entnazifizierungsverfahrens war Karl Vetter zuerst als Hauptschuldiger angeklagt. Das Verfahren endete aber mit der milderen Einstufung als „Belasteter“.

Am 10. Juli 1948 wurde er aus dem Internierungslager Darmstadt entlassen. Er befürchtete, in der neuen Bundesrepublik weiterhin strafrechtlich verfolgt zu werden. 1951 wanderte er nach Argentinien aus. Zuletzt soll er dort in Sierra de La Ventana gelebt haben. Sein Todesdatum ist unbekannt.

Von Jessica Sippel

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