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Geschichten und Geheimnisse: Stadtführung durch das historische Wanfried

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Von: Jessica Sippel

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Perfekte Handelslage: Durch diesen Hafen etablierte sich Wanfried einst als Handelsstadt der Weser-Werra-Schifffahrt. Der Flusshandel brachte Reichtum und Wohlstand in den Ort. Direkt am Hafen gründeten die Gebrüder Ungewitter auch eine Tabak- und Zigarrenfabrik, die viele Arbeitsplätze brachte.
Perfekte Handelslage: Durch diesen Hafen etablierte sich Wanfried einst als Handelsstadt der Weser-Werra-Schifffahrt. Der Flusshandel brachte Reichtum und Wohlstand in den Ort. Direkt am Hafen gründeten die Gebrüder Ungewitter auch eine Tabak- und Zigarrenfabrik, die viele Arbeitsplätze brachte. © Jessica Sippel

Auf eine historische Stadtführung durch Wanfried: Märchen, Geschichten und Geheimnisse stecken hinter jedem Balken der Fachwerkstadt.

Wanfried – Märchenhafte Fachwerkhäuser, historisch wertvolle Gassen: Wanfried ist nicht nur hübsch anzusehen, hinter jedem Gebäude stecken auch interessante Geschichten, kleine Anekdoten und wunderliche Sagen.

Und das Team der Wanfrieder Gästeführer weiß jede dieser Geschichten aus dem Stegreif zu erzählen, wenn sie Einheimische und Besucher durch die im Jahr 813 erstmalig erwähnte Fachwerkstadt führen. Wir haben uns eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen.

Das Rathaus

Das ursprüngliche Rathaus stand einst mitten auf der Kreuzung der heutigen Marktstraße. Die direkt angrenzende Bahnhofsstraße gab es damals noch nicht, sie wurde erst geschaffen, bevor Wanfried 1902 ans Bahnnetz angeschlossen wurde.

Nur eines ist heute noch vom alten Rathaus übrig. Stadtführer Olaf Prehm, der verkleidet als die historische Figur Georg Ernst Ungewitter auftritt, deutet auf die Spitze des heutigen Rathauses. „Die Uhr ist die alte“, sagt er.

Das Gebäude des heutigen Rathauses gehörte einst der Bremer Kaufmannsfamilie Uckermann. Dass der Handelsmann Uckermann wohlhabend war, erkennt man auch an dem aufwendig verzierten Fachwerk, erklärt Prehm. Denn das war teuer. Bis 1861 lebten noch seine Nachfahren in dem Haus. Danach zog die Stadtverwaltung dort ein, als das alte Rathaus wegen Baufälligkeit abgerissen wurde.

Stadtführungen möglich

Stadtführungen finden nach Absprache mit Susanne Dahmer statt: Tel. 01 60/95 03 76 08.

Der Schwan

Direkt nebenan ranken sich eine Menge Märchen um das Hotel zum Schwan. Eine wahre Geschichte ist aber jene, wie das Gebäude entstanden ist. Die Geschichte des Schwans geht ebenfalls auf den Kaufmann Uckermann zurück. Er wollte sich damals entgegen der Konvention und dem Wunsch seines Vaters seine Braut selbst aussuchen.

Seine Angebetete stammte aus Schottland aus einer Textildynastie. „Es soll Liebe auf den ersten Blick gewesen sein“, erzählt Prehm. Das erste Treffen: in Bremen in einem Restaurant namens „Zum weißen Schwan“. Sie heirateten, er holte seine Braut nach Wanfried. Und mit ihrer Mitgift hat sie das Hotel „Zum Schwan“ gebaut und nach dem ersten Treffpunkt mit ihrem Liebsten benannt.

Und auch zu den beiden Steinskulpturen am Eingang weiß Prehm eine Sage zu erzählen: Der Legende nach sollen diese beiden Steinmänner die ganze Last des Schwans tragen. Nur ein einziges Mal im Jahr dürfen sie ihren Posten verlassen: Am 6. Dezember machen sie jedes Jahr den Kindern der Stadt eine Freude mit kleinen Überraschungen. In dieser Zeit müssen zwei Männer aus Wanfried ihren Platz einnehmen. Bis 23.59 Uhr müssen die Steinmänner aber zurück sein. „Das letzte Mal waren sie aber etwas spät dran, sodass sie ihre Plätze vertauschten.“ Der sanierte Steinmann steht seitdem auf dem unsanierten Sockel, und der unsanierte Steinmann steht auf dem sanierten Sockel.

Die alte Post

Vom Rathausplatz geht es bei der Stadtführung weiter die Marktstraße hinunter, vorbei an der alten Post, die in Wanfried schon um 1555 etabliert war. Im Innenhof des heute privat bewohnten Hauses sind noch immer Relikte vergangener Zeiten vorhanden: die Schmiede, die Pferdeställe, die heute ausgebaut und bewohnt sind, sowie einzelne Zimmer mit separaten Zugängen, in denen die Postkutschenfahrer rasteten. Die letzte Postkutsche fuhr hier am 30. April 1902 auf den Hof. „Am 1. Mai 1902 kam dann die Bahn.“

Das Harmes’sche Haus

Die Marktstraße hinunter geht es vorbei am Keudell’schen Schloss, das 1996 mit dem Denkmalschutzpreis ausgezeichnet wurde, der nach Plänen von Georg Gottlob Ungewitter 1888 erbauten Stadtkirche bis hin zum Harmes’schen Haus nahe der Schlagd. Am Hafen gründeten die Brüder Ungewitter einst eine Zigarrenfabrik. „Hier fand die Blütezeit der Werra-Schifffahrt in Wanfried statt“, sagt Prehm.

Olaf Prehm vor dem Harmes’schen Haus. Als historischer Gästeführer tritt er als Georg-Ernst Ungewitter auf. Prehms Großvater hatte bei Ungewitters gearbeitet.
Olaf Prehm vor dem Harmes’schen Haus. Als historischer Gästeführer tritt er als Georg-Ernst Ungewitter auf. Prehms Großvater hatte bei Ungewitters gearbeitet. © Jessica Sippel

Das nutzte auch der Bremer Handelskaufmann Wilhelm Anton Harmes, der vermutlich im 17. Jahrhundert in Wanfried eine Niederlassung aufbaute. Kurz nach der Heirat mit seiner Frau wurde sein Kind geboren, das aber früh verstarb. Aus Trauer starb auch seine Frau in dem Haus. Danach soll sich Wilhelm Anton Harmes zurückgezogen haben.

Laut der Sage habe er die Zeit vor allem in seiner Schatzkammer verbracht, das Haus selbst verließ er nur noch für den Kirchgang. Eines Tages blieb er aber auch diesem fern, sodass sich die Wanfrieder aufmachten, nach ihm zu sehen. Im Gewölbekeller fand man ihn: Mit beiden Armen in seiner Goldtruhe versunken und vom Deckel der Schatztruhe erschlagen – so erzählt man es sich.

Von Jessica Sippel

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