Strohbärentag in Heldra: Hier werden Bären aufgebunden

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Am Aschermittwoch werden die bösen Geister ausgetrieben: In Heldra marschieren einmal im Jahr die Strohbären durchs Dorf.

Heldra. An Aschermittwoch endet die fünfte Jahreszeit - aber nicht in Heldra: Hier lockt der traditionelle Strohbärentag Jahr für Jahr zahlreiche Zuschauer in den Wanfrieder Satdtteil. 

Keine Angst, wenn du umfällst, dann fällst du wenigstens weich.“ Sprüche wie diesen muss sich Julian Schädler an diesem Vormittag mehrere anhören. Sollte er umfallen, wäre der Fall an sich noch das geringere Problem. Zur größeren Herausforderung würde wahrscheinlich das Aufstehen werden. Julian Schädler hat in diesen Jahr nämlich sein Debüt als Strohbär, und als solcher wird er in 30 Kilogramm Roggenstroh eingewickelt.

In jedem Jahr an Aschermittwoch wird in Heldra dieser Brauch gepflegt. Mit dem Umzug der Strohbären soll nach volkstümlicher Deutung der Winter ausgetrieben werden. Dabei geht die Figur des Strohbären auf die fränkische oder schwäbisch alemannische Fastnacht zurück und ist möglicherweise mit den Hugenotten nach Heldra gekommen. In dieser Tradition steht der Bär für den Wilden Mann und damit das Urtümliche, die Sphäre der Geister und Dämonen oder gar den Teufel selbst.

Die jungen Männer in Heldra halten den Brauch am Leben, und das mit vollem Körpereinsatz. Mitmachen darf, wer über 18 Jahre alt ist und aus Heldra stammt. Für zehn Jahre dürfen sie dann „ins Stroh“. Und obwohl das Tragen der schweren Kostüme im Laufe des Tages schon auch zur Tortur werden kann, betrachten sie es als Ehre, mit dabei zu sein.

Los geht es am Vormittag in der Scheune von Helmut Bockel. Die Neulinge müssen als erste ran. Neben Julian Schädler ist auch Jan Hoßbach in diesem Jahr zum ersten Mal mit dabei. Ihnen werden nun sprichwörtlich die Bären aufgebunden. Nur mit Strohseilen werden die Roggengarben in mühevoller Teamarbeit an ihnen festgeschnürt. „Früher wurde dazu altes Stroh verwendet, dass in der Landwirtschaft über Winter übriggeblieben war“, erklärt Stefan Behrndt, der seit über 30 Jahren in Heldra heimisch ist. „Heute jedoch muss das Stroh eigens angebaut und von Hand geerntet werden, denn es werden besonders lange Halme gebraucht.“

Angefangen bei den Füßen, wird nun Lage um Lage Stroh um den Leib der jungen Männer gebunden und gut festgezurrt. Die Strohpackung muss möglichst fest sitzen, damit der Bär nicht auseinanderfällt. „Spätestens wenn die Gesichtsfarbe der Jungs zu hummerrot wechselt, weiß man, dass man zu fest gewickelt hat“, sagt Mario Nemeth augenzwinkernd. Er hilft, die Bären zu schnüren, denn die „Altbären“, die bereits zehn Mal das Kostüm getragen haben, wissen am besten, wie es geht. Andererseits muss das Stroh aber auch einen gewissen Bewegungsspielraum zulassen, denn die Bären haben einen Marsch durchs Dorf zu bestehen.

Bilder vom Strohbärentag in Heldra

Jan Hoßbach hat schon die ganze Hierarchie des Brauchtums mitgemacht, denn zum Umzug der Strohbären gehören auch die Kinder, deren Gesichter mit Ruß oder Asche geschwärzt werden und die vor den Fängern wegrennen müssen, da sie die Kinder einfangen und zum Strohbär bringen wollen, damit dieser ihnen schließlich den Ruß abrubbelt – was, wenn man bedenkt, wie kratzig das Stroh ist, keine ganz so angenehme Prozedur ist. Jetzt trägt Jan Hoßbach das Kostüm zum ersten Mal und ist hochmotiviert. „Es fühlt sich eigentlich besser an als befürchtet“, sagt er. „So schwer ist es nicht. Nur das Laufen könnte schwierig werden.“

Eike Sieland hingegen ist bereits zum zehnten Mal im Stroh und damit zum letzten Mal. Etwas Wehmut stellt sich bei ihm ein. „So etwas wie Routine gibt es eigentlich nicht, denn jedes Mal ist anders“, erklärt er. „Das Unangenehmste ist die Hitze, denn nach einer Zeit wird es unter dem Stroh bis zu 50 Grad warm. Doch im Ganzen ist es jedes Mal wieder schön, Strohbär zu sein.“

Der Umzug beginnt schließlich pünktlich um 14 Uhr. Nun kommt für die jungen Männer der anstrengende Teil. Geführt vom katzenmusikalischen Spiel der Musiker werden sie von ihren Begleiterinnen an der Kette durchs Dorf geführt. Der Umzug endet, nachdem die Träger aus den Hüllen befreit wurden, mit dem Verbrennen des Strohs – und mit Freibier für alle. Das haben sich die Jungs redlich verdient.

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