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Wanfried: Aus dem Tagebuch der Kriegsgefangenen Agnès Humbert

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Von: Jessica Sippel

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Die alte Postkarte zeigt das Schloss, in dem die französische Widerstandskämpferin Agnès Humbert mit vielen anderen Gefangenen untergebracht war. Das bestätigte jetzt eine Zeitzeugin aus Wanfried. Julia Hintermann hat ihre Geschichte nun aus dem Französischen übersetzt.
Die alte Postkarte zeigt das Schloss, in dem die französische Widerstandskämpferin Agnès Humbert mit vielen anderen Gefangenen untergebracht war. Das bestätigte jetzt eine Zeitzeugin aus Wanfried. Julia Hintermann hat ihre Geschichte nun aus dem Französischen übersetzt. © Archiv: Diana Wetzestein

Agnès Humbert engagierte sich in einer französischen Widerstandsgruppe gegen die Nazis in Paris, wurde verhaftet, deportiert, versklavt. Ihre letzte Station war das Lager in Wanfried.

Wanfried – Erstmals kennt Agnès Humbert den Namen des Zielortes, zu dem sie und viele weitere Frauen deportiert werden. Nach 14 Tagen im Gefängnis in Ziegenhain, wo sie mit 27 Frauen auf 25 Quadratmetern im Dachgeschoss hauste, geht es am 5. März 1945 nach Wanfried. Einen Großteil der knapp 100 Kilometer langen Strecke müssen die Zwangsarbeiterinnen zu Fuß zurücklegen.

Es ist eine mühsame Reise, wie es die Französin in ihrem Tagebuch beschreibt. Das bescheidene Gepäck wiegt schwer, die Füße, gekrümmt durch die Holzschuhe und die Arbeit im Stehen, schmerzen. Trotz ihrer Erschöpfung bestaunt Agnès Humbert bei ihrer Ankunft das märchenhafte Städtchen im Werratal, die aneinandergeschmiegten Fachwerkhäuser, die mit Blumen geschmückten Gassen. „Ihr Anblick ist so malerisch“, sagt die einstige Widerstandskämpferin.

Angès Humbert: Untergebracht in Wanfrieder Gutshof, der zum Gefängnis umfunktioniert war

Untergebracht ist die damals 50-Jährige in einem Gutshof. Bei ihrer Ankunft waren bereits 60 andere Gefangene vor Ort, beschreibt sie. In einem großen Saal stellen sie unter anderem Zelte, Schlafsäcke und Rucksäcke für Feldlager her. Verlassen durften sie das Schloss nicht. „Die Arbeit ist nicht schlimm, die Aufseherinnen sind freundlich.“ Auch das Essen sei akzeptabel, aber knapp. Der Hunger ist seit Jahren allgegenwärtig. Trotzdem: „Was für ein Paradies, verglichen mit der Hölle von Allendorf“, findet sie.

Denn im gerade geräumten KZ in Stadtallendorf, ihre kurze Station vor Ziegenhain am 20. Februar 1945, erlebt Agnès Humbert grauenhafte Zustände: von Stacheldraht umgebene Baracken, in den Zellen sind lebendige mit toten Frauen eingepfercht, die Suppe bestand aus einer Mischung aus Holzstücken, Papier und verschiedenem Dreck. „Allendorf ist die finsterste Erinnerung meines Lebens“, sagt sie.

In ihrem Buch erzählt Agnès Humbert von den Jahren in Gefangenschaft seit ihrer Verhaftung am 15. April 1941 in Paris. Nur knapp entkam die aktive Kämpferin der französischen Widerstandsgruppe „Musée de l’Homme“ dem Urteil der Todesstrafe wegen enger Verbindung zum Feind und Spionage. Die Männer der Organisation wurden erschossen, die Frauen wurden verhaftet.

Viele Gefängnisse durchlief Agnès Humbert, bevor sie 1945 nach Wanfried kam

Nach einem Jahr in Gefängnissen in Frankreich wird Agnès Humbert nach Deutschland deportiert. Zuerst in ein Gefängnis nach Anrath in Nordrhein-Westfalen, dann für ein Jahr zur Zwangsarbeit in die Spinnerei der Phrix-Fabrik nach Krefeld. „Hitler-Deutschland rächt sich mit Arbeit bis zum Tod, ein Sklavenhändler bereichert sich an unserem Schweiß“, so erzählt Agnès Humbert es in ihrem Buch. Oft denkt sie an ihre beiden Söhne, hofft, dass es ihnen gut geht.

Nach Krefeld geht es wieder nach Anrath auf eine Baustelle, dann nach Hövelhof in Nordrhein-Westfalen, wo sie Holzkisten herstellt. Danach wird sie für sechs Monate nach Schwelm in die Rondo-Munitionsfabrik gebracht. Es folgen Stadtallendorf, das Gefängnis in Ziegenhain und schließlich Wanfried.

Steckbrief

Agnès Humbert wurde 1894 im französischen Dieppe geboren. Sie hatte zwei Söhne. Die studierte Kunsthistorikerin arbeitete in einem Museum in Paris. Ab Oktober 1940 war sie in der Widerstandsgruppe Musée de l’Homme unter dem Decknamen Flurkaninchen aktiv. Sie verfasste und verteilte unter anderem Flugblätter gegen die Nazis. 1941 wurde sie verhaftet. Nach ihrer Befreiung im April 1945 blieb sie in Wanfried, um vor Ort zu helfen. Im Juni 1945 reiste sie zurück nach Paris und arbeitete später als Kuratorin. Ihre Erinnerungen an den Widerstand schrieb sie nieder. 1963 starb sie in Paris.

„Wir haben das Gefühl, uns in den letzten Stunden unserer Gefangenschaft zu befinden“, sagt Agnès Humbert am 19. März 1945. Drei Wochen sind seit ihrer Ankunft im Werratal vergangen. Aus dem Fenster des Schlafraums sehen die Frauen die langen Züge der sowohl zivilen als auch militärischen Flüchtlinge. Einige tragen eine weiße Fahne. Arbeit verlangen die Aufseherinnen zu dieser Zeit nicht mehr. Die gefangenen Frauen werden immer aufgeregter, es scheint unmöglich, mit so wenigem schlechten Essen weiterzuleben. Agnès Humbert ist sich aber sicher, dass in der Stadt als solcher kein Mangel an Essen herrscht, sieht sie doch Frauen unter den Fenstern vorbeiziehen, die „riesige rohe Kuchen zum Bäcker“ tragen.

Der Hunger ist unerträglich, ihr Magen zieht sich krampfend zusammen. Dazu ertönt immer wieder Kanonendonner, oft hört man sogar ganz klar Maschinengewehre in der Nähe. Am 1. April 1945 brennen die Dossiers auf dem Hof des Gutes und erleuchten die Nacht. Die Frauen lehnen sich zum Schauen so weit aus dem Fenster, wie es der Stacheldraht erlaubt. Am nächsten Tag bekommen die Frauen ihre Kleider und persönlichen Sachen zurück. „Ich kann kaum glauben, dass es das Ende ist.“ Bei Einbruch der Dunkelheit hört sie Explosionen: Die Brücken werden gesprengt. Die Amerikaner sind schon in Eschwege und nah.

Freiheit nach vier Jahren Gefangenschaft für die Widerstandskämpferin Agnès Humbert

Eine Aufseherin lässt die Gefangenen frei, will, dass sie das Schloss verlassen. Humbert ergreift das Wort: „Wir haben beschlossen, die Amerikaner im Gefängnis zu erwarten, wo wir in relativer Sicherheit sind.“ Die Gefahr, getötet zu werden ist auf der Straße größer. Die Aufseherinnen fürchten sich vor Vergeltungsaktionen. „Ich gebe ihnen mein Ehrenwort, dass sie auf keinen Fall, weder von uns noch von den Amerikanern, belästigt werden, weil sie uns sehr menschlich und mit Höflichkeit behandelt haben.“

Über Tage hört man Bombardierungen und Panzer. Agnès Humbert sieht durchs Fenster deutsche Soldaten am Schloss vorbeiziehen – dreckig, erschöpft, marschierend mit gebeugtem Rücken, haben ihre Waffen weggeworfen. „Oh, welche Freude, dies zu sehen – wie unsere Soldaten auf den Straßen im Juni 1940“, denkt sie sich. Der Hitlerismus stirbt. „Die Bestie verreckt langsam unter meinen Augen“, beschreibt sie im Tagebuch.

Als die Amerikaner in Wanfried ankamen, war sie frei, der Krieg aber noch nicht vorbei. In den Straßen wurde noch immer viel geschossen. In den kommenden Tagen herrscht Chaos in der Stadt. Die Polen rächten sich an den Menschen, vandalieren und plünderen. „Wanfried ist wundersamerweise auf einen Schlag von weißen Tüchern bedeckt.“ Auch am Schloss hängt ein weißes Tuch aus einem gut sichtbaren Fenster.

Agnès Humbert: Von der Zwangsarbeiterin zur Frau, die was zu sagen hat

Agnès Humbert verbündet sich mit einem amerikanischen Unteroffizier. Sie nennt ihn den „heiligen Georg“, da er zu ihrer Rettung kam. Sie versuchen, das Durcheinander in Wanfried in den Griff zu bekommen. Sie befreien zunächst das russische Zwangsarbeiterlager und sind erschüttert von den grausamen Zuständen dort.

Aus offiziellen Quellen erfährt sie bald, dass sich in den Wäldern rund um Wanfried zu diesem Zeitpunkt noch immer Nazis versteckt halten, in den Tagen darauf werden die Wälder durchkämmt, Nazis werden gejagt. Die SS hat indes Frieda wieder eingenommen. Alles droht zu kippen, als Wanfried wieder unter Artilleriefeuer steht – bis die Amerikaner feindliche Flugzeuge vom Himmel schießen.

Agnès Humberts Rolle in Wanfried wandelt sich in dieser Zeit von der Zwangsarbeiterin zur Koordinatorin vor Ort und Verbündeten der amerikanischen Offiziere. Sie organisiert die Versorgung der Tiere und der Bevölkerung, verteilt Aufgaben und ist Ansprechpartnerin für die Menschen. Dort, wo sie vor wenigen Tagen noch Gefangene war. „Das war der Krieg, wir waren an vorderster Front.“ Ihre Geschichte schreibt Agnès Humbert in den kommenden Tagen und Wochen weiter. Sie hat gekämpft und überlebt. Am 8. Mai 1945 schreibt sie in ihr Tagebuch: „Es ist alles vollbracht, Hitler ist besiegt.“

Zeitzeugen gesucht

Info: Eine Gruppe aus Wanfried hat sich der Aufarbeitung der NS-Zeit verschrieben. Sie sind stets auf der Suche nach Dokumenten, Fotos, Briefen und Zeitzeugen. Interessierte können sich bei Diana Wetzestein melden: 0170/4126615; Mail: kontakt@fachwerkagentur.de.

Die Übersetzerin Julia Hintermann

Erstmals wurden die Erinnerungen von Agnès Humbert, die sie in ihrem Buch „Notre Guerre. Souvenirs de Résistance“ komplett vom Französischen ins Deutsche übersetzt. Julia Hintermann hat sich des Projekts angenommen und gerade in dieser Woche die letzten Seiten übersetzt: „Unser Krieg – Erinnerungen an den Widerstand“. Nun sucht sie noch einen Verlag, der diese deutsche Übersetzung veröffentlicht. „Das Buch ist ein extrem wichtiges Dokument einer Zeitzeugin“, sagt sie.

Julia Hintermann lebt in der Schweiz, wurde in München geboren. Doch ihre mütterlichen und großmütterlichen Wurzeln sind in Wanfried. Bis heute ist die 66-jährige Historikerin und ehemalige Dozentin der Betriebswirtschaft, die auch Französisch studiert hat, oft für ihre Ferien im Werratal. Aus den alten Rezepten ihrer Großmutter zauberte sie vor einigen Jahren sogar ein Wanfrieder Kochbuch.

Von Jessica Sippel

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