Verbundenheit zu Deutschland

Israelische Familie auf Spurensuche in Wanfried und Mühlhausen

Wanfried/Mühlhausen. Arno Löbenstein wurde vor 95 Jahren in Wanfried geboren. Der Jude musste 1939 seine Heimat verlassen und wanderte nach Israel aus. Hier gründete er eine große Familie, die wie er immer den Kontakt in die Heimat suchte. Jetzt waren elf Familienmitglieder in drei Generationen zu Besuch in Wanfried und Mühlhausen.

Raffi Löbenstein ist überrascht, dass eine deutsche Zeitung darüber berichten möchte, dass seine Familie die letzten Anhaltspunkte ihrer Vorfahren in Deutschland besucht. Schon zum zweiten Mal in dieser Woche. „Wir wurden hier überall sehr warm und herzlich empfangen“, sagt der 69-Jährige beim Treffen auf dem jüdischen Friedhof in Wanfried auf Englisch. Deutsch sprechen er und seine Schwester nur noch ein bisschen, auf Englisch klappt die Verständigung in Deutschland besser. Sein Vater Arno, der Deutscher war, hat in seiner neuen Heimat Israel nur noch sehr selten seine Muttersprache gesprochen. Raffi Löbenstein war jetzt mit elf Nachfahren des Emigranten aus drei Generationen auf Spurensuche in Hessen und Thüringen.

Bereits am Mittwoch waren sie Ehrengäste in Mühlhausen. Dort verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig, der auch schon Eschwege und Herleshausen besuchte, neue Stolpersteine. Jetzt habe seine Familie einen Platz, wo sie sich an die verlorenen Verwandten erinnern und ihrer gedenken kann, sagt Raffi. Denn von während des Holocaust verschleppten und ermordeten Vorfahren gibt es keine Gräber.

Arno Löbenstein wurde 1919 in Wanfried geboren. Im Alter von fünf Jahren zog seine Familie nach Mühlhausen um. „Vater hat es aber immer wieder nach Wanfried gezogen, auch wenn er Orte und Häuser hier nur noch aus Erzählungen kannte“, sagt Raffi Löbenstein. Denn der inzwischen verstorbene Jude hatte Heimweh. 1939 musste Arno Löbenstein Deutschland verlassen, um vor dem sicheren Tod in Deutschland durch die Nazis zu fliehen. Seine Eltern und drei seiner sechs Geschwister entkamen nicht. Sie wurden in Konzentrationslagern in Dachau und Majdanek getötet.

Der 20-jährige Arno Löbenstein rettete sich über Jugoslawien nach Israel, wo er niemanden kannte und die Sprache nicht beherrschte. Was dann geschah, beschreibt Raffi Löbenstein heute als Wunder. „In einem fremden Land wagte mein Vater den Neustart in ein neues Leben. Herausgekommen sind rund 60 Nachfahren in vier Generationen.“ Arno Löbenstein fand eine Frau, die ebenfalls ihre Heimat verlassen musste und sich in Israel ein neues Leben aufbaute. Sie war Polin. Gemeinsame Sprache im Hause Löbenstein, die sich in der Nähe von Haifa niedergelassen hatte, war deshalb Hebräisch. „Vater sprach gerne Deutsch, hatte aber niemanden, mit dem er sich unterhalten konnte“, sagt Raffi. Die Kinder behielten nur ein paar Brocken, verstehen aber alles.

Mit über 80 Jahren kam Arno Löbenstein ein letztes Mal nach Deutschland zurück. Schon damals nahm er einen Teil seiner Familie mit, um ihnen ihre Herkunft näherzubringen. Diese Verbundenheit zu Deutschland und Wanfried blieb bestehen. Auch wenn die Familie keinen der Toten auf dem jüdischen Friedhof kennt, ist es ihnen ein Anliegen, hier zur Besinnung zu kommen. Außerdem wollen sie die Stadt kennenlernen, die ihr Vater, Großvater und Urgroßvater so mochte. Bürgermeister Wilhelm Gebhard zeigte ihnen den Hafen, die Stelle, wo früher die Synagoge in Wanfried stand und das heute noch erhaltene sogenannte jüdische Haus. „Es ist das Mindeste, diese Menschen bei uns willkommen zu heißen, nachdem ihren Vorfahren in Deutschland so viel Leid zugefügt wurde“, sagt Gebhard.

Wegen dieser Gastfreundschaft kamen die Löbensteins aus Israel auch gerne nach Mühlhausen. Hier fand unter großer Anteilnahme der Bevölkerung eine bewegende Gedenkaktion für die während der Nazi-Zeit deportierten und zumeist ermordeten jüdischen Bewohner statt. Bei diesem Mal wurden Stolpersteine für Horst Löbenstein und seine Schwestern Irmgard und Lieselotte verlegt. Es waren Onkel und Tanten von Raffi Löbenstein, die er nie kennenlernen durfte.

Von Tobias Stück

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