Kampf mit krankhaftem Fett

Diagnose Lipödem: Betroffene Völkershäuserin macht Mut

Die Beine, Oberschenkel, Hüfte oder Arme sind sehr voluminös; Körpermitte, Hände und Füße aber bleiben schlank: Das kennzeichnet das Lipödem.
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Die Beine, Oberschenkel, Hüfte oder Arme sind sehr voluminös; Körpermitte, Hände und Füße aber bleiben schlank: Das kennzeichnet das Lipödem.

Die Völkershäuserin Constanze Ritzau-Schäffer ist eine von schätzungsweise 3,8 Millionen Frauen, die an einem Lipödem, einer krankhaften Störung der Fettverteilung, leiden. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Völkershausen – Weil viele Betroffene glauben, dass sie sich falsch ernähren oder sich zu wenig bewegen. Auch Ärzte erkennen die Erkrankung nicht immer. Jeden Tag Schmerzen, beinahe bis zur Unerträglichkeit. Dazu der wachsende psychische Druck: Wie soll es mit mir, mit meiner Familie, weitergehen, wenn das gewohnte Leben einfach nicht mehr möglich ist?

Insbesondere diesen Frauen möchte die 52-Jährige nun Mut machen, indem sie ihre Geschichte erzählt, das Gespräch anbietet – und zeigt, wie sehr es sich lohnt, für Gesundheit und Lebensqualität zu kämpfen.

Constanze Ritzau-Schäffer

„Mit 51 Jahren war ich ein Wrack“, sagt Constanze Ritzau-Schäffer – wer die fröhliche, energiegeladene Völkershäuserin, voll berufstätig, alleinerziehende Mutter und passionierte Tierbesitzerin heute erlebt, kann es kaum glauben. Und doch: „Im Jahr 2018 änderte sich alles. Meine Beine wurden immer schlechter.“ Ihr Umfang nimmt stetig zu, unterhalb beider Knie entsteht je ein Fettwulst. „In den Oberschenkeln war ein Schmerz, der sich anfühlte wie ein extremer Muskelkater. Wenn ich lief, hatte ich das Gefühl, einen Bleigürtel mitzuschleppen.“ Der ganze Körper verliert schließlich an Leistungsfähigkeit, die Völkershäuserin war ständig müde und schlapp, da der Körper durch die Beine ständig Höchstleistungen bringen musste.

Vom Facharzt gestellt ist die Diagnose Lipödem – verordnet wurde zunächst die klassisch-konservative Therapie, ein Mix aus Entstauungstherapie, regelmäßiger manueller Lymphdrainage und dem Tragen von Kompressionsstrümpfen.

„Die Lymphdrainage half meiner Meinung nach überhaupt nicht“, sagt Constanze Ritzau-Schäffer. Dazu kommt: Diese Behandlung begleitet die Patientinnen ein Leben lang. Wird sie abgesetzt, verstärken sich die Symptome wieder. „Wie sollte ich mit einer Flachstrick- strumpfhose an den Beinen, Sicherheitsstiefeln an den Füßen, mit einer stich- und schusssicheren Weste um den Oberkörper und einem Dienstkoppel um die Hüften meinen Dienst als Ordnungspolizistin bei der Stadt Eschwege versehen?“, fragt die 52-Jährige. Schier unmöglich – dabei ist der Beruf mit viel Bewegung eigentlich optimal für die Beine.

Die Stadt Eschwege reagiert sehr verständnisvoll; Constanze Ritzau-Schäffer wird für eine längere Zeit krankgeschrieben. Für sie aber beginnt eine Odyssee im Kampf um lang anhaltende Besserung – eine Fettabsaugung, fachmedizinisch Liposuktion.

Die Krankheit

Beim Lipödem vermehren sich die Fettzellen unkontrolliert im Fettgewebe der Unterhaut. Zwischen den Fettzellen kommt es zu Wassereinlagerungen – sogenannten Ödemen. Sie drücken auf das umliegende Gewebe. Die Krankheit verläuft in drei Stadien:

. Im Stadium I ist die Unterhautschicht noch gleichmäßig verdickt.

. Im Stadium II wird sie knotenförmig und führt zu Unebenheiten der Hautoberfläche.

. Im Stadium III verhärtet sich das Gewebe zunehmend, es entstehen ausgeprägte Fettwülste, die zu einer Behinderung beim Gehen führen können.

Die Fettansammlungen lassen sich durch Diäten oder Sport nicht reduzieren. Ab Stadium II ist eine gezielte Fettabsaugung denkbar. Dabei werden die krankhaften Fettmassen unter örtlicher Betäubung mit einer sehr dünnen, abgerundeten und vibrierenden Sonde abgesaugt. „In meinem Fall die einzige Möglichkeit zur Gesundung“, sagt Constanze Ritzau-Schäffer.

Das große „Aber“: Bisher übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten von mehreren Tausend Euro pro Eingriff nur in Einzelfällen. Der Posten stehe nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen; die dauerhafte Wirksamkeit der Methode sei außerdem nicht ausreichend belegt.

Abfinden will sich die Völkershäuserin damit nicht. Es beginnt ein Kampf um mehr Lebensqualität: Zu Beginn mit anwaltlicher Unterstützung, später auf sich allein gestellt. Beinahe tägliche Anrufe bei der Krankenkasse, schriftlich eingereichte persönliche Erklärungen, stetige Nachfragen, Informationssammlung: Constanze Ritzau-Schäffer gibt nicht auf. Ihr Ziel: Wieder zurück in die Vollzeitstelle; zurück in ihr altes Leben.

Nach fast einem Jahr quälender Ungewissheit die erlösende Nachricht: Endlich werden zwei Operationen genehmigt. Bereits im Februar dieses Jahres erfolgt die erste. Der Erfolg ist durchschlagend. „Ich bin wieder fast die Alte“, sagt die Völkershäuserin fröhlich. Zurück im Beruf, voll da für die Familie. Im Herbst folgt die zweite OP – ganz und gar zurück in ein Leben, das diese Bedeutung wieder verdient.

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