„So fühlt sich Integration richtig an“

Vor fünf Jahren nach Wanfried geflüchtet: Ahmadjan Nezami hat Koch-Lehre bestanden

Fertiger Koch: Ahmadjan Nezami (Mitte) mit seinen Arbeitgebern und Quasi-Gasteltern Antje und Joachim Sommer vor der Schenke in Völkershausen.
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Fertiger Koch: Ahmadjan Nezami (Mitte) mit seinen Arbeitgebern und Quasi-Gasteltern Antje und Joachim Sommer vor der Schenke in Völkershausen.

Sieht man sich allein die Zeitleiste an, versteht man, welche Leistung hinter dieser abgeschlossenen Lehre steht.

Völkershausen - Ende 2015 kam Ahmadjan Nezamit Anfang 20 nach Deutschland. Zusammen mit drei Cousins ist er von Afghanistan geflüchtet und schlussendlich in Wanfried gelandet.

Dort nahm sich seiner die ehrenamtliche Betreuerin Janina Grebenstein an und verhalf ihm zu einem Praktikum in der Schenke von Familie Sommer. Aus dem Praktikum wurde ein Minijob, worauf drei Jahre Lehre folgten. Wäre Corona nicht gekommen, hätte er die Abschlussprüfung schon Anfang des Jahres ablegen können.

„Er gehört mittlerweile zur Familie“

Einen sechsmonatigen Deutschkurs besuchte er auch, doch das meiste lernte er im Job. Ausbilder Joachim Sommer sieht man an, dass er bei dieser Bilanz vor Stolz förmlich platzen könnte. „Ahmadjan hat gleich beim ersten Mal bestanden“, betont er daher auch freudestrahlend. Eigentlich wollte er nie ausbilden, doch der junge, ruhige Mann aus Afghanistan ist den Sommers spürbar ans Herz gewachsen. Als die Abschiebung drohte, mussten sie einfach handeln.

„Ohne Ausbildungsplatz hätte er nicht bleiben können. Ich begleitete ihn damals mit zum Abschiebungsinterview. Das war für mich eine sehr bedrückende Erfahrung.“ Mit viel Unterstützung durch das Eschweger Migrationsamt sowie das Arbeitsamt schaffte es Familie Sommer für Ahmadjan einen Ausbildungsplatz zu schaffen. „Er gehört mittlerweile zur Familie“, erklärt Antje Sommer.

Erste eigene Wohnung und Führerschein soll her

Seit mehr als einem Jahr wohnen sie alle zusammen im Mehrgenerationenhaus der Sommers – nicht immer harmonisch, wie alle schmunzelnd eingestehen. „Wir gehen ganz normal miteinander um und natürlich streiten wir auch mal. Wir sind keine perfekten Menschen, aber genauso fühlt sich Integration richtig an“, so Joachim Sommer.

Damit Ahmadjan die Möglichkeit hat, in Deutschland zu bleiben, muss er im Anschluss an die Lehre zwei Jahre als Koch arbeiten. Auch das möchte ihm die Familie ermöglichen. „Auch wir spüren natürlich die Auswirkungen von Corona, aber wir konnten jetzt nicht einfach stoppen“, berichtet Sommer weiter, der sich wünscht, irgendwann einmal, wenn es die Zustände erlauben, mit Ahmadjan nach Afghanistan zu reisen und dessen Eltern suchen.

Der Kontakt zur Familie ist seit der Flucht abgerissen, zu groß sei das Land, zu schwierig die Situation vor Ort. Ahmadjan plant kurzfristiger. Die erste eigene Wohnung soll her und der Führerschein, denn mit der Festeinstellung geht auch ein Reiserecht einher, das nun richtig genutzt werden will. (Ulrike Käbberich)

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