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Stillgelegter Wald oder bewirtschafteter Forst? Unterwegs mit Förster Hermann Müller

Revierförster Hermann Müller (62) ist mit seiner Hündin Klärchen Müller in den Wäldern rund um Wanfried zu Hause. Ihm ist Achtsamkeit mit der Natur wichtig. Hier präsentiert er stolz eine etwa 250 Jahre alte und fast zwei Meter dicke Buche in seinem einzigartigem Bestand.
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Revierförster Hermann Müller (62) ist mit seiner Hündin Klärchen Müller in den Wäldern rund um Wanfried zu Hause. Ihm ist Achtsamkeit mit der Natur wichtig. Hier präsentiert er stolz eine etwa 250 Jahre alte und fast zwei Meter dicke Buche in seinem einzigartigem Bestand.

Wir waren mit mit dem Förster Hermann Müller bei Wanfried unterwegs. Er erklärt die Unterschiede vom Forst zum stillgelegten Wald.

Wanfried – Wenn der Förster Hermann Müller durch sein 1800 Hektar großes Revier bei Wanfried streift, über Artenvielfalt und die Bäume dort spricht, dann tut er das aus voller Leidenschaft. Dem 62-Jährigen ist eines besonders wichtig: und zwar die Achtsamkeit gegenüber der Natur. „Mein Leben ist Natur. Ich wollte immer Förster werden“, sagt er. Heute treibt es ihn in einen 800 Hektar großen Bereich seines Reviers, der vollständig stillgelegt ist. Das heißt: Dort findet kein Eingreifen durch die Forstwirtschaft mehr statt. Insgesamt sind bei Hessen-Forst zehn Prozent der Waldflächen stillgelegt, erklärt Müller.

Viele sehen in der Forstwirtschaft die reine Holzproduktion. Das sei zwar das Kerngeschäft, sagt Müller, es stecke aber so viel mehr dahinter. Denn der Effekt dieser Bewirtschaftung ist unter anderem der, dass die Bestände gepflegt werden, Baumkronen bekommen genügend Wuchsraum für ihre Entwicklung, ebenso wie die Bäume selbst.

Müller zeigt stolz eine im Durchmesser fast zwei Meter dicke und 250 Jahre alte Buche. „Dieser Bestand ist einzigartig. Ich habe schon vor Jahren dafür gesorgt, dass diese stattlichen Bäume nicht gefällt werden“, sagt Müller und lächelt. Offiziell stillgelegt ist dieser Bereich erst seit etwa vier Jahren. Damit sich bestimmte Bäume entfalten können, werden ein bis zwei bedrängende Bäume entfernt. Es kommt zu einem weiteren Nebeneffekt: Die Krautschicht auf dem Waldboden, bestehend etwa aus Orchideen und Jungpflanzen, wird erhalten. Denn wenn Förster vereinzelt bestimmte Bäume aus dem Bestand nehmen, gibt es genügend Lichteinfall auf den Waldboden, den viele Pflanzen brauchen, um zu gedeihen. „Artenvielfalt erhöht man, indem man etwas tut“, erklärt der Förster.

In einem stillgelegten Wald findet kein Eingreifen durch die Forstwirtschaft mehr statt

Ein stillgelegter Wald falle dagegen unter den Prozessschutz, eine Strategie, wonach nicht mehr in das Ökosystem eingegriffen wird.

„Das kann sich in bestimmten Wäldern aber auch in eine Richtung entwickeln, die nicht sehr artenreich ist.“ Als Beispiel führt Müller den Buchenwald an, in dem er steht. Die Buche spendet im Gegensatz zu anderen Baumarten viel Schatten und kann in diesem auch gut wachsen. Der Effekt: Legt man einen Buchenwald still, setzt sich die Buche im Bestand durch, die dichten Baumkronen sorgen für eine Verdunklung im Wald. Arten, die viel Licht brauchen, etwa die Edellaubbäume und die Krautschicht, werden verdrängt. Der Artenreichtum gehe dann zurück. Anders kann es dagegen in einem Eichenwald sein, denn Eichen sind weniger schattig.

Licht käme im stillgelegten Buchenwald erst dann wieder durch, wenn ein Baum nach einer gewissen Zeit abstirbt und dadurch ein Loch im Kronendach entsteht. Beispielhaft zeigt Hermann Müller auf einen abgestorbenen Holzstamm, umgeben von jungen Pflanzen, die in dem Lichtkegel sprießen. Dieser Teil des Waldes ist bereits seit 40 Jahren stillgelegt. Man erkenne das auch daran, dass die Buchen hier eher zögerlicher entwickelt sind, sie sind nicht so dick.

Dieser Buchenbestand bei Wanfried ist seit etwa 40 Jahren stillgelegt. Die Krautschicht am Boden ist ausgedunkelt.

Das besondere Flair eines stillgelegten Waldes sei, dass er einmal ein Naturwald wird, sagt Hermann Müller. „Von einem echten Naturwald kann man hier aber in frühestens 100 Jahren sprechen“, sagt er. Es brauche dazu mehrere Generationen Geduld. Artenvielfalt findet man hier in der Anfangszeit zwar noch nicht. Gleichzeitig kommen im stillgelegten Wald durch den höheren wertvollen Totholzanteil aber Arten vor, die es in bewirtschafteten Wäldern weniger gibt, bestimmte Pilze zum Beispiel.

Hermann Müller zieht ein Fazit: „Wir brauchen beides: stillgelegte und bewirtschaftete Flächen im Wald.“ Ein Biotopverbund. Dadurch sei ein breites Artenspektrum möglich. Die Frage ist, ob man dafür großflächig stilllegen muss. Für Artenreichtum sei zudem der Naturschutz wichtig. „Aber Naturschutz, der den Menschen ausgrenzt, funktioniert nicht“, sagt Müller. „Die Forstwirtschaft, wie ich sie mir vorstelle, setzt sich für Artenvielfalt durch Pflege ein.“

Sein Revier zeichnet sich zum Beispiel durch zahlreiche Habitatbäume aus, in denen Vögel leben. „Diese Bäume werden nicht gefällt.“ Er zeigt dadurch: Forstwirtschaft und Naturschutz können miteinander vernetzt sein. Man müsse die Waage halten. Forstwirtschaft habe auch Grenzen. Vielmehr gehe es um die Harmonie und den Einklang aller Facetten. (Von Jessica Sippel)

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