Gebietsaustausch durch Wanfrieder Abkommen

Vor 75 Jahren wurde die Whisky-Wodka-Linie im Wanfrieder Kalkhof erschaffen

Das Rittergut Kalkhof bei Wanfried, wo am 17. September 1945 das Wanfrieder Abkommen besiegelt wurde.
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Das Rittergut Kalkhof bei Wanfried, wo am 17. September 1945 das Wanfrieder Abkommen besiegelt wurde.

Vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Am 17. September 1945 wurde durch das Wanfrieder Abkommen eine Grenzkorrektur durch Gebietstausch vorgenommen.

Wanfried – Die verhandelten Zonengrenzen zwischen amerikanischer und sowjetischer Besatzungszone wären eigentlich völlig unproblematisch gewesen, wenn nicht die für die Amerikaner wichtige „Nord-Süd-Bahnlinie“ von Bremerhaven kommend nunmehr rund vier Kilometer durch russisches Gebiet – etwa von der Mitte des sogenannten Bebenroth-Tunnels bis in die Mitte der Oberrieder Eisenbahnbrücke – verlaufen wäre. In Folge dieser Situation kam es bald zu ständigen Störungen des Bahnverkehrs durch die Russen.

Das führte immer wieder zu Reibereien: Die Russen blockierten die Linie auf Höhe von Oberrieden, sollen sogar einen deutschen Lokführer erschossen haben. Die Amerikaner drängten deshalb auf eine Lösung des Problems. Und die Lösung war relativ einfach: Durch einen Gebietstausch und die damit verbundene Grenzkorrektur konnte man beide Besatzungszonen so umgestalten, dass die Streckenführung der Bahnlinie in Zukunft komplett durch die amerikanische Zone verlaufen würde.

Einigung in Wanfried

Dies auszuhandeln und umzusetzen, trafen sich Mitte September 1945 im knapp 30 Kilometer entfernten Städtchen Wanfried die Delegationen der Amerikaner unter Führung des Brigadegenerals W.T. Sexton und der Sowjets mit Generalmajor V.S. Askalepov an der Spitze. Die Russen sahen hier ihre Chance gekommen: Sie wollten die Werra als natürliche Grenze, Wanfried wäre somit zur sowjetischen Zone gekommen. Doch die Amerikaner um Captain Michael Burda blieben hart: Wanfried sei nicht verhandelbar. Der Captain avancierte somit zum Retter der Stadt Wanfried. Am 17. September konnten die Verhandlungen im sogenannten Kalkhof erfolgreich abgeschlossen und in knappen Worten als das sogenannte Wanfrieder Abkommen zu Papier gebracht werden. Besiegelt wurde das Wanfrieder Abkommen den Überlieferungen zufolge mit den bevorzugten Getränken der Russen und der Amerikaner: Wodka und Whisky.

Russen und Amerikaner in Uniform auf dem Gelände des Kalkhofes 1945.

Der Vertragstext ist kurz und weder die Gründe, die zu dieser Vereinbarung geführt haben, werden genannt, noch die Dörfer, die getauscht werden sollen. Wichtigster Bestandteil der Vereinbarung ist daher eine Karte, auf der die alte und neue Demarkationslinie eingezeichnet ist. Aus der amerikanischen Zone kamen vom Kreis Witzenhausen die Dörfer Asbach, Sickenberg, Vatterode, Weidenbach und Hennigerode mit insgesamt 429 Einwohnern und 761 Hektar Fläche nach Thüringen – im Gegenzug erhielt Hessen die Dörfer Werleshausen und Neuseesen mit 560 Einwohnern und 845 Hektar Fläche.

Die Zonengrenze: Zeichnung mit dem Gebietsaustausch vor 75 Jahren.

Als besonders einschneidend erwies sich die Grenzkorrektur für die ehemals hessischen Dörfer, die, wie Landrat von Coelln am 19. September den „Amtsbürgermeistern des Kreises“ mitteilte, „heute Nachmittag um 18.00 Uhr von den Russen planmäßig besetzt werden“ und später als Teil der DDR aufgrund ihrer Zonenrandlage eine lange Leidenszeit erlebten.

Freude hingegen in Werleshausen und Neuseesen und große Erleichterung auch in Allendorf, das, wie der Landrat schrieb, „infolge der ständigen nicht zur Ruhe kommenden Gerüchte über eine eventuelle Besetzung durch die Russen (…) stark in Unruhe geraten war“.

Die Bahnlinie aber, die der Volksmund im Sommer 1945 in „Whisky-Wodka-Linie“ umgetauft hatte, konnte nun ohne Störungen befahren werden und wurde Teil einer der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen der späteren Bundesrepublik. (Von Matthias Roeper und Constanze Wüstefeld)

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