„Afrikaner müssen sich organisieren“

Interview mit dem Politikwissenschaftler Emmanuel Ametepe, der ein Forum für Afrika aufbauen will

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internationales Forum für Afrika.

Wanfried. In Wanfried entsteht gerade in Zusammenarbeit mit der Demokratie-Werkstatt, der Amnesty-International-Gruppe Eschwege und weiteren Mitstreitern ein internationales Forum für Afrika.

Ziel des Forums: einen Beitrag für Frieden und Menschenrechte in Afrika leisten. Wir sprachen mit dem Mitinitiator Emmanuel Ametepe über die Idee des internationalen Forums.

Wie entstand die Idee zu dem Forum für Afrika?

Emmanuel Ametepe: Die in Deutschland lebenden Afrikaner sind in vielen verschiedenen Vereinen und Projekten organisiert. Was fehlt, ist ein gemeinsames Forum, das das Netzwerk koordiniert. Dann habe ich Wolfgang Lieberknecht von der Demokratie-Werkstatt in Wanfried kennengelernt, der die gleiche Idee hatte, und so haben wir beschlossen, das Forum gemeinsam zu gründen.

Was ist das Ziel des Forums für Afrika?

Ametepe:Es gibt zwei Ziele, die das Forum als Netzwerk-Koordinator leisten soll: Zum einen sollen die in Deutschland lebenden Afrikaner motiviert werden, sich zu engagieren. Zum anderen wollen wir versuchen, die politischen Entscheidungsträger zu beeinflussen, damit sie bei weitreichenden Entscheidungen, die Afrika betreffen, auch die Menschenrechte berücksichtigen.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in diesem Bereich dringend verändern?

Ametepe: Laut der 1948 erlassenen UN-Menschenrechtserklärung haben alle Menschen auf dieser Welt das Recht auf gute Ernährung, eine Arbeit und so weiter – also auf ein menschenwürdiges Leben. Dieser Aspekt ist mir besonders wichtig. Betrachtet man die Flüchtlingswelle von Afrika nach Europa, sind ein Großteil der Afrikaner auf der Flucht, weil die das vor Ort eben nicht haben.

Deshalb ist es sehr wichtig, dass vor allem die Afrikaner, die hier in Deutschland leben, sich zusammenschließen, um die Politik der westlichen Länder dahingehend zu beeinflussen, damit Politiker in Ghana und anderen afrikanischen Staaten sich bewegen und anfangen, die Probleme ernst zu nehmen.

Was ist Ihrer Meinung nach in der Vergangenheit schief gelaufen in der Politik?

Ametepe:Sehr viel. Es gibt da vor allem zwei wichtige Aspekte: Erstens sind zwar nach der Kolonialzeit – vor allem in den 1960er-Jahren – viele Politiker in Afrika an der Macht gewesen, die das Wohl ihrer Bevölkerung im Blick hatten. Doch die ehemaligen Kolonialmächte haben alles daran gesetzt, diese Führungsfiguren zu vernichten. Danach sind in vielen afrikanischen Ländern Diktatoren an die Macht gekommen, die nur noch ihre eigenen Interessen verfolgt haben. Das hat eine sehr große Rolle gespielt für den Zustand Afrikas, den wir heute haben.

Der zweite Aspekt ist der Einfluss globaler Firmen, die durch Mithilfe der Politik ihre wirtschaftlichen Interessen durchbringen. Vor allem die Strukturanpassungsprogramme in den 1980er- und 1990er-Jahren haben ausländische Firmen in Afrika gestärkt – und die Wirtschaft vor Ort geschwächt.

Haben Sie ein Beispiel für diese Schwächung der Wirtschaft?

Ametepe:In meinem Heimatland Ghana ist ein aktuelles Beispiel der Untergang der Geflügelindustrie. Die Europäische Union hat Anfang des Jahrhunderts die ghanaische Regierung unter Druck gesetzt und gezwungen, die Märkte für Geflügel aus Europa zu öffnen. Gedroht wurde damit, die Entwicklungshilfe zu kürzen – auf die Ghana aber noch angewiesen ist. 2003 ist dann die heimische Geflügelindustrie in Ghana zusammengebrochen. Denn die EU subventioniert die europäische Geflügelindustrie, die dann ihr Geflügel günstig in Afrika verkaufen kann. Das Problem: Viele Einheimische können sich finanziell das teure Fleisch nicht leisten und kaufen dann die günstigen Importe – und die teureren einheimischen Firmen gehen pleite.

Was wäre denn Ihre Wunschvorstellung, wo es hingehen soll?

Ametepe: Ich habe zwei Lösungen: Aus afrikanischer Sicht wäre es wichtig, dass die normalen Leute sich zusammenschließen. Manche afrikanische Politiker haben sich mit den westlichen Politikern zusammengeschlossen und beuten ihr eigenes Volk aus. Gegen diese Regierungen muss sich die Bevölkerung zusammenschließen.

Aus Sicht der westlichen Länder wäre es wichtig zu beachten, dass die Bevölkerungszahl in Afrika sich in den kommenden 30 Jahren verdoppeln könnte. Wenn die Fluchtursachen in Afrika nicht behoben werden, dann bedeutet diese Bevölkerungs-Explosion auch ein stärkeres Flüchtlingsaufkommen in Europa. Neben dem moralischen Aspekt – den Menschen in Afrika ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen – sollte auch dieser pragmatische Aspekt bei den künftigen Enstcheidungen, die Afrika betreffen, Berücksichtigung finden.

Zur Person 

Emmanuel Ametepe stammt gebürtig aus dem westafrikanischen Land Ghana und ist zum Studieren nach Deutschland gekommen. Aktuell verteidigt Ametepe an der Universität Gießen seine Doktorarbeit, in der sich der Politikwissenschaftler mit den Auswirkungen der Tropenwald-Rodungen auf das Klima in seinem Heimatland beschäftigt hat. Ametepe ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt mit seiner Familie in Frankfurt. (dir)

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