Interview

Wanfrieder Menschenrechtler Wolfgang Lieberknecht erläutert Fluchtursachen

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Aufklärung vor Ort: Wolfgang Lieberknecht und seine Frau Eunice klären in einer muslimischen Schule in Ghana über Fluchtursachen und die Risiken einer Flucht nach Europa auf. 

Wanfried – Der Wanfrieder Wolfgang Lieberknecht setzt sich seit über 25 Jahren für die Verständigung zwischen Europa und Afrika ein. Eines seiner Ziele: Fluchtursachen bekämpfen.

Wir sprachen mit dem Menschenrechtler, Gründer der Initiative Black&White,über die Situation vor Ort in Afrika, warum so viele Afrikaner nach Europa wollen und wie man als Deutscher helfen kann.

Herr Lieberknecht, Sie kommen gerade von einem mehrwöchigen Aufenthalt aus Ghana, wo Sie Aufklärungsarbeit geleistet haben. Ist Ghana ein typisches Flüchtlingsland?

Teilweise. Die Menschen dort – gerade die Jugend – leidet unter Perspektivlosigkeit. Das Bildungsniveau ist gestiegen, die Menschen flüchten vom Land in die Stadt. Sie haben eine andere Erwartung an ihre Zukunft, wollen Rechtsanwälte oder Pilot werden oder wenigstens einen Bürojob haben. Kakaobauer zu sein ist in Ghana nicht mehr attraktiv. Die Durchschnittseinkommen in Ghana liegen bei 110 Euro im Monat. Perspektivlosigkeit als Fluchtursache ist also vorhanden.

Welches sind die anderen typischen Fluchtursachen auf der Welt?

An erster Stelle ist es sicher der Klimawandel. Und zwar nicht nur in Afrika, sondern weltweit. Die Trockenheit nimmt zu, die Sahara beispielsweise breitet sich aus, Waldbrände entstehen häufiger. Außerdem sind natürlich Kriege Gründe für Flucht. Übrigens auch, weil auch weil Nato-Staaten immer häufiger Krieg führen. Sie brechen damit Völkerrecht, wie im Irak und haben viele Staaten zerstört, aus denen die Menschen heute fliehen, wie etwa Libyen in Afrika. Viele Ghanaer arbeiteten vor der Intervention in Libyen. Das Land hatte den höchsten Lebensstandard in Afrika.

Ist den Menschen in Afrika bewusst, dass der Klimawandel so ein großes Problem für sie ist?

Nein, den meisten nicht. Die Menschen spüren zwar, dass Ernten schlechter werden oder die Wüsten sich ausbreiten, wissen aber nicht, dass die Probleme menschengemacht sind. Sie müssen mit den Folgen zurechtkommen, für die vor allem die Industrieländer verantwortlich sind.

Rechtspopulisten sprechen von 200 bis 300 Millionen Menschen, die aus Afrika nach Europa kommen. Ist das realistisch?

Nein, das ist übertrieben. So viele werden es nicht sein. Aber Millionen hoffen auf eine bessere Zukunft in Europa. Ein Zuzug von so vielen Menschen wird unser demokratisches Zusammenleben auf den Prüfstand stellen und nicht leicht zu organisieren sein, auch deshalb ist die Bekämpfung der Fluchtursachen entscheidend.

Warum wollen so viele Afrikaner nach Europa?

Nicht nur nach Europa. Auch von den USA haben die Menschen in Afrika ein idealisiertes Bild. Das kommt ganz oft durch Fernsehserien, die auch in Afrika gezeigt werden. Da fahren die Menschen große Autos, leben in schönen Häusern, und soziale Probleme werden meistens nicht gezeigt. Außerdem weckt das Internet Begehrlichkeiten. Dass es auch in Europa und den USA soziale Ungerechtigkeit wie Jugendarbeitslosigkeit und andere Probleme gibt, ist ihnen nicht bewusst.

Ist denen, die sich aufmachen, die Gefahr der Fluchtwege bekannt?

Nein, das wissen die meisten nicht, wenn sie sich aufmachen. Wir haben jetzt in Ghana Aufnahmen von einem Flüchtlingsschiff im Mittelmeer gezeigt. Die Leute waren fassungslos, als sie die Ertrinkenden, die leblosen Körper im Meer gesehen haben. Dabei ist das Mittelmeer nur die letzte Hürde. Vorher steht der lange Weg durch die Sahara. Nach Schätzungen sind dort eine Million Flüchtlinge bereits verdurstet oder verhungert.

Was kann die Politik tun, um die Gegebenheiten vor Ort zu verbessern?

Ein Anfang ist, dass Politik sich bemüht, auch die afrikanische Sichtweise auf die Dinge zu verstehen. Dieser Kontinent wird seit Jahrhunderten von europäischen Staaten ausgebeutet und unterdrückt. Zuerst wurden Sklaven von hier aus verschifft, dann kamen die Kolonialmächte. Immer noch ringen die Staaten um ihre Unabhängigkeit und Gleichberechtigung. Sie machen jetzt eine Entwicklung durch, die in Europa schon vor 200 Jahren stattgefunden hat. Der Territorialstaat, der Rechtsstaat, Demokratie und Sozialstaat wurden aber auch in Europa in einem langen Prozess durchgesetzt; gerade aktuell erleben wir da ja auch wieder deutliche Rückschritte.

Heutzutage wird Afrika außerdem mit Importen aus Europa und China überschwemmt, weil Europas Staaten den afrikanischen Staaten verbieten, ihre Märkte nicht durch Zölle zu schützen. Auch deswegen ist der Kontinent weiterhin vor allem Rohstofflieferant und kann sich dort keine verarbeitende Industrie für die eigenen Rohstoffe entwickeln.

Was kann jeder Einzelne tun?

Zunächst muss man sich selbst die Frage stellen, ob man Afrika als gleichberechtigt ansieht und mit Offenheit gegenübertritt oder es der dunkle Kontinent ist, von dem man nur wenig weiß. Dann muss man Vertrauen aufbauen und zeigen, dass es Menschen gibt, die mit ihnen fühlen und sie bei der Durchsetzung ihrer berechtigen Anliegen unterstützen.

Eine Möglichkeit wäre es, wenn der Werra-Meißner-Kreis eine Partnerschaft mit einer Region in Afrika aufnehmen würde. Wir haben viele Menschen kennengelernt, die mit uns gern für die Beseitigung von Fluchtursachen zusammenarbeiten wollen. Mit ihnen könnten sich viele Verbindungen aufbauen lassen. Handwerker oder Landwirte aus dem Kreis könnten beispielsweise beim Aufbau helfen, Politiker könnten sich über die Folgen der europäischen Handelspolitik oder die Auswirkungen des Klimawandels vor Ort erkundigen und sich hier für Änderungen stark machen.

Was wünschen sich die Menschen in Afrika?

Dass sie ihr jeweiliges Land aufbauen können und sie eine Perspektive haben. Denn niemand flüchtet gerne aus seiner Heimat. Ich hoffe, Afrikaner kommen einmal so zu uns wie wir zu ihnen, als Touristen, Freunde oder Geschäftspartner und nicht mehr von Not getrieben.

Was tut Ihre Initiative Black&White?

Wir wollen Verständnis für andere wecken und die Fluchtursachen bekämpfen. In Ghana hat sich vor allem auf Initiative meiner Frau, die aus Ghana stammt und dort früher Lehrerin war, ein Partnerverein gebildet. Mit ihm zusammen haben wir jetzt einen Workshop für 25 Lehrer aus der Region Brong-Ahafo durchgeführt zu den Fluchtursachen und wie sie sich mit Schülern für ihre Beseitigung engagieren können. Sie tragen das Wissen jetzt in ihre Schulen, in bestehende Arbeitsgemeinschaften für demokratisches Engagement oder bilden selber neue Arbeitsgemeinschaften.

Seit 25 Jahren setzen Sie sich für die Menschheitscharta ein. Haben Sie das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen?

Manchmal schon. Wir können aber die Menschen nicht ändern. Wir können nur Anstöße geben und das haben wir in den vergangenen Jahren geschafft. Allein in Schulen haben wir rund 500 000 Kinder und Jugendliche erreicht. Durch unsere Verbindung nach Ghana können wir jetzt direkt Kontakte nach Afrika aufbauen. Ich sehe es als meine Menschenpflicht an, mich dafür zu engagieren, dass alle Menschen weltweit menschenwürdig leben können. Die Welt wäre reich genug. Ich glaube an eine Welt, die für alle funktioniert und in der niemand mehr fliehen muss. 

Wolfgang Lieberknecht Wanfried Initiative Black&White

Zur Person

Wolfgang Lieberknecht (66) hat in den 1990er Jahren die Initiative Black&White gegründet. Ausgangspunkt waren die Übergriffe auf Ausländer in Rostock und Hoyerswerda 1992. Ziel des Vereins ist es, die Standards der Uno-Charta und der Menschenrechtsabkommen. Mittlerweile ist seine ghanaische Ehefrau Eunice Vorsitzende des Vereins. Mit ihr hat er zwei Kinder.

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