Bananen aus dem Vorratskeller

30 Jahre Grenzöffnung: Aus einer zufälligen Begegnung wurde eine Freundschaft fürs Leben 

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Im hellblauen Trabbi erkunden Jochen, Angelika und Tochter Katharina Bätz die Region rund um Reichensachsen.

Vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland geöffnet. Wir blicken zurück und sprechen mit Zeitzeugen über die bewegenden Tage im Herbst 1989.

Eine Freundschaft fürs Leben – das ist das wohl schönste Geschenk, das die deutsche Einheit der Familie Henkelmann aus Reichensachsen brachte. „30 Jahre ist es her, und trotzdem habe ich noch heute eine Gänsehaut, wenn ich an diese Zeit, die wohl ereignisreichste in unserem Leben, zurückdenke“, sagt Dorothea Henkelmann glücklich.

Nachrichten im Fernsehen verfolgt 

1989 ist es, als das Ehepaar Henkelmann samt der Söhne Matthias und Reinhardt jeden Abend gespannt die Nachrichten aus Ungarn im Fernsehen verfolgt. Mit zur Familie gehörte seinerzeit die 18-jährige „Austauschtochter“ Dana aus Australien. „Unser Erstaunen und die unbändige Freude, als Günter Schabowski die schier unglaubliche Nachricht verkündete, verstand sie nicht so recht“, erinnert sich Dorothea Henkelmann mit einem Lächeln.

Am Sonntagabend, 11. November 1989, schließlich ging es mit den Großeltern, die in Mönchhosbach auf einem Hof lebten, nach Sontra zum Einkaufen. Die Geschäfte waren voll; viele Menschen aus Thüringen schauten sich zum ersten Mal in der Stadt um. Schnell war die Idee geboren, eine Übernachtungsgelegenheit anzubieten. „Meine 76-jährige Schwiegermutter stieg kurzerhand vor dem damaligen Delta-Supermarkt aus, steuerte auf den erstbesten hellblauen Trabbi zu, machte die Tür auf und fragte: ,Haben Sie Lust, heute Nacht bei uns zu schlafen?’“

Bananen aus dem Vorratskeller 

Der Kontakt riss nie ab: die Familien Bätz und Henkelmann 2011 auf dem Hohen Meißner.

Verdutzt, aber glücklich stimmte die Familie Bätz aus Nebra (Unstrut) zu: Jochen, Angelika und die Tochter Katharina. Vor der Fahrt nach Mönchhosbach aber sollte es noch Bananen für Katharina geben – ein schier unmögliches Unterfangen. „Ich arbeite hier schon seit 40 Jahren“, konstatierte ein freundlicher Verkäufer damals, „aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Wir haben immer Bananen, aber heute sind sie wirklich alle.“

Ein wenig enttäuscht also tuckerten die Bätz’ im hellblauen Trabbi nach Mönchhosbach, „wo, o Wunder, meine Schwiegermutter Bananen aus ihrem Vorratskeller holte. Strahlendere Kinderaugen habe ich selten gesehen“, berichtet Dorothea Henkelmann. Am Abend wurde im Bürgerhaus Reichensachsen gefeiert. Der damalige Wirt, Heinz Nölke, schenkte den neuen Freunden ein Bierglas, das sie fortan hüteten wie ihren Augapfel.

Bei diesem einen Treffen blieb es selbstverständlich nicht. Bei nächster Gelegenheit reisten die Henkelmanns selbst nach Nebra. Dort stellten sie fest, dass vielen Menschen Reichensachsen bekannt war: Dank des Kirchenchors bestanden schon lange vor der Grenzöffnung gute Kontakte. Bürgermeister Horst Dietzel bemühte sich fortan um Hilfen für die kleine Stadt Nebra.

„Die Welt ist eine andere geworden“

„Heute“, berichtet Dorothea Henkelmann, sei die damalige Euphorie verflogen: „Der Alltag hat uns wieder im Griff.“ Die Oma aus Mönchhosbach lebe nicht mehr, die Söhne wohnten in Potsdam und Bremen, Dana sei längst wieder in Australien, die kleine Katharina sei Mama von drei Kindern – und Jochen Bätz, der damals wegen regimefeindlicher Äußerungen nur als Maurer arbeiten durfte, sei heute Leiter des Hochbauamtes in Naumburg.

„Die Welt ist eine andere geworden“ – die Familien Bätz und Henkelmann haben sich immer wieder besucht, mal in Nebra, mal in Reichensachsen, „und wir sind glücklich, dass diese unselige Grenze, der Zaun und die Mauer verschwunden sind“.

Am 9. November, und dieser Termin steht fest, treffen sie sich wieder – genau wie vor 30 Jahren auf dem Parkplatz in Sontra. „Ob wir sie in ihrem Audi A4 wohl finden?“

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