Die Geschichte einer zufälligen Begegnung

30 Jahre Grenzöffnung: Freundschaft zwischen ost- und westdeutscher Familie wird gelebt

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Das erste Freundschaftsbild am Tag des Kennenlernens von Hans Liese (links), Ulla und Thomas Götze (rechts) mit ihren Kindern.

Vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland geöffnet. Wir blicken zurück und sprechen mit Zeitzeugen über die bewegenden Tage im Herbst 1989.

Sie begegneten sich in der Masse der Menschen, die aus dem Osten Richtung Wanfried strömten. Damals war der Reichensächser Hans Liese 34 Jahre alt und lebte mit seiner Frau Margret Güntheroth-Liese für drei Jahre in Nürnberg. Familie Liese verfolgte die Demonstrationen in der DDR im Herbst 1989 ganz genau. Am Abend des 9. Septembers schauten sie die Pressekonferenz von Günther Schabowski in ihrer Wohnung in Nürnberg.

„Meine Frau und ich blickten uns erstaunt an, als Schabowski verkündete, dass die neuen Regeln für Reisen ins westliche Ausland sofort und unverzüglich gelten“, sagt Liese. Am nächsten Morgen schalteten sie das Fernsehen ein und sahen, wie Menschen in Berlin auf der Mauer standen und feierten. „Es war der Wahnsinn! Unglaublich! Uns standen die Tränen in den Augen“.

Trabbi staute sich an Wartburg

Am 10. September fuhr das Ehepaar die Familie in Reichensachsen besuchen. Auf der Autobahn sahen sie vereinzelt DDR-Autos, jedoch trauten sie ihren Augen nicht, als sie von Sontra Richtung Eschwege fuhren: Vom Grenzübergang Herleshausen bis nach Wichmannshausen staute sich Trabbi an Wartburg, um auf die B27 zu kommen. „Die Reichensächser Luft war bei unserer Ankunft geschwängert von blaugrauem Zweitakter-Qualm“, erzählt Liese.

Am nächsten Tag hörten sie im Radio von der geplanten Öffnung eines Grenzübergangs bei Wanfried, der ihnen bis dahin gänzlich unbekannt war. So fuhr Hans Liese mit seiner Frau und seinen Schwiegereltern nach Wanfried und sie liefen überschwänglich vor Freude auf der Pflasterstrecke bis zum neu geschaffenen provisorischen Grenzübergang bei Katharinenberg.

In dieser Menschenmenge lernten sich Familie Liese und Götze kennen: bei der Grenzöffnung in Wanfried.

Radfahrer, Trabbis und Motorräder aus dem Osten mit weißen Tüchern geschmückt, kamen ihnen entgegen. „Die Menschen lachten und weinten vor Freunde in einem“, erinnert sich Liese. Auf dem Rückweg bei herrlichem Wetter in der Masse der Menschen, die aus dem Osten nach Wanfried strömten, sprach Hans Liese eine junge Familie aus Mühlhausen an. Sie kamen schnell ins Gespräch über ihre Heimatorte, Berufe und die Familie. Noch im gleichen Gespräch beschlossen die Familien, sich wiederzusehen und tauschten Adressen aus.

Gemeinsame Erkundung

Wie vereinbart trafen sie sich zwei Wochen nach der Grenzöffnung in Mühlhausen und erkundeten gemeinsam den Osten, schauten sich neugierig die Stadt Mühlhausen an, den Marktplatz und schlenderten durch Einkaufsläden.

Nachfolgend feierten sie 1989/1990 gemeinsam in Reichensachsen das erste Ost/West-Silvester. Auch die Jahreswende im darauffolgenden Jahr feierte das befreundete Ehepaar zusammen. Ständige Kontakte führten dazu, dass Thomas Götze einen neuen Arbeitsplatz in Eschwege fand und neue Arbeitsweisen kennenlernte.

Die Freundschaft besteht seit nunmehr 30 Jahren; Zeit in der sich viel verändert hat. Familie Liese ist 1990 wieder nach Reichensachsen gezogen, im gleichen Jahr ist das dritte Kind von Familie Götze zur Welt gekommen, und Familie Liese bekam in den darauffolgenden Jahren zwei Kinder – Kinder, die heute alle erwachsen sind.

Pilgern auf dem Elisabeth-Pfad

„Wir erinnern uns sehr gerne zurück an diese Zeit und stellen uns oft die berühmte Weißt-du-noch-Frage“, schmunzelt Liese. Seit drei Jahren pilgern die Freunde an Tagestouren von zirka 20 Kilometern von Eisenach nach Marburg auf dem Elisabeth-Pfad. Auch dabei werden immer noch Rucksack-Speisen, „Ost-West-Vorlieben“, bei der Rast ausgetauscht und oft in Erinnerungen geschwelgt. Am Samstag, 9. November, feiern die Familien ihre 30-jährige Freundschaft im Restaurant Zum Schwan.

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