MONTAGSINTERVIEW

Dunkle Zeiten nicht nur für Narren - Die fünfte Jahreszeit würde am 11. November beginnen

Abstand auch bei den Karnevalisten: Manuel Karges und Viola Schimmelpfennig.
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Abstand auch bei den Karnevalisten: Manuel Karges und Viola Schimmelpfennig.

Der 11.11. und damit die Narrenzeit rücken näher. Schon am Mittwoch würde die fünfte Jahreszeit beginnen, doch in diesem Jahr und mit dem erneuten Lockdown ist alles anders.

Reichensachsen –Auch bei der Karnevalsabteilung des SV Reichensachsen. Wir sprachen mit der zweiten Vorsitzenden Viola Schimmelpfennig und Manuel Karges, der die Pressearbeit der Karnevalisten macht, über ein Lebensgefühl, das nun pausiert.

Es heißt, Karneval ist ein Lebensgefühl. Wie sieht dieses Lebensgefühl aus?

Schimmelpfennig: ... dass man vieles mit Humor und nicht alles zu ernst nimmt. Und auch wenn es, wie in der jetzigen Zeit, viele ernste Themen gibt, darf man den Spaß am Leben nicht verlieren und sollte alles mit einem lächelnden Auge sehen.

Karges: Für mich gehören zu diesem Lebensgefühl auch die Vorbereitungen auf den Karneval, die regelmäßigen Treffen, die Trainingseinheiten und die Vorfreude. Die steigt natürlich, je näher es auf die Karnevalszeit zugeht. Das sind auch Dinge, die viel Arbeit machen, aber jetzt – mir und vielen anderen auch – fehlen, weil wir sie mit viel Herzblut machen.

Veranstaltungen wurden und werden abgesagt. Ein Lebensgefühl lässt sich grundsätzlich nicht absagen. Wie passt da der Karneval mit seinen zahlreichen Feiern rein?

Karges: Der Karneval lebt davon, dass die Menschen zusammenkommen. Ohne Veranstaltungen funktioniert das gar nicht. Die Hoffnung liegt auf der Zukunft. Irgendwann muss es irgendwie weitergehen. Das Gefühl, wie ich es eben beschrieben habe, geht einem durch die ausgefallene Vorbereitung schon ab. Das ist leider so. Das geht anderen Vereinen auch so.

Schimmelpfennig: Wir zehren jetzt von den tollen Veranstaltungen, die wir hatten. Das sah vor drei, vier Jahren anders aus. Wir mussten überlegen, ob wir die Veranstaltungen überhaupt voll bekommen. Ob es wirtschaftlich ist, was wir hier machen, weil wir kostendeckend arbeiten. Aber natürlich wird uns der Karneval fehlen. Im Januar und Februar waren wir auf Hochtouren. Da kann man dann gemeinsam auf die tollen Veranstaltungen zurückblicken und sich erinnern. Gleichzeitig muss man dann nach vorne schauen und sich auf die Zeit freuen, wenn es wieder stattfinden darf.

Karges: Grad die letzte Kampagne war ein Erfolg. Wir haben einiges umgestellt in den vergangenen Jahren und das hat sich gelohnt. Nicht nur das Programm und das Feedback waren super. Auch die Menschen haben richtig gut mitgemacht. Wir wissen also für die Zukunft, wir sind auf einem guten Weg.

Im Verein wurde umstrukturiert?

Karges: Ja genau.

Schimmelpfennig: ... wir hatten einige Wechsel. Unter anderem im Vorstand, was natürlich Unruhe reinbringt. Man muss dann möglichst eine Richtung behalten und sich einig sein. Aber wir haben das gut gemeistert. Für die Urgesteine, die sich nun nach meistens 30 und mehr Jahren an der Spitze langsam zurückziehen, kommen aber auch Jüngere nach. Dadurch hat sich auch einiges verändert, was beim Publikum aber auch gut angekommen ist.

Von verjüngtem Vorstand hört man selten. Ist der Karneval im Vorteil gegenüber anderen Vereinen?

Karges: Wir sind es aktuell schon. Auch wir hören von vielen Vereinen, in denen der Vorstand längst aufhören wollte, sich nur keine Nachfolger finden.

Schimmelpfennig: ... jetzt machen wir das die nächsten 30 Jahre. (Beide lachen)

Karges: Schwerer ist es aber auch bei uns geworden. Das Männerballett war händeringend auf der Suche nach einem Trainer.

Schimmelpfennig: Glücklicherweise hat sich eine Trainerin gefunden und da ist dann auch der Mann mitgekommen.

Wie kam es dazu?

Schimmelpfennig: Es ist schon länger her, da haben eine Freundin und ich einer anderen unser Leid geklagt. Sie sagte, sie könnte doch die Männer trainieren. Und ich nur: Spiel nicht mit meinen Gefühlen. (lacht) Es war ein Erfolg und sie hatte auch für dieses Jahr schon einen Plan. Die standen in den Startlöchern.

Wann war klar, es gibt dieses Jahr keinen Karneval?

Karges: Im Sommer war uns das eigentlich schon klar.

Schimmelpfennig: Auch die Tendenz war uns schnell klar. Wir haben dann abgewartet. Man hofft immer auf ein Wunder. Nach und nach ist alles ausgefallen: Heimatfest, Wichtelfest, Open Flair. Wir haben uns Gedanken gemacht, was könnte man machen. Aber ein Hygienekonzept hätte den ganzen Spaß genommen. Abstand auf der Bühne, im Saal und hinterher nicht tanzen?

Karges: ... Karneval geht nur ganz oder gar nicht.

Schimmelpfennig: Der Aufwand wäre auch einfach zu groß. Die endgültige Entscheidung haben wir im September getroffen.

Wie weit waren die Vorbereitungen bis dahin?

Schimmelpfennig: Die waren noch gar nicht weit fortgeschritten. Eine Woche nach der letzten Veranstaltung war schon der erste Lockdown. Wir hatten also noch nicht mal eine Nachbesprechung der Kampagne. Es standen schon Gruppen mit Ideen in den Startlöchern. Aber gebucht war noch nichts.

Am Mittwoch ist Auftakt der Narrenzeit, es ist der zweite Lockdown und die Tage werden kürzer. Wie lässt sich das Karnevalsgefühl trotzdem erhalten?

Karges: Das wird schwierig.

Schimmelpfennig: Da muss jeder für sich schauen, was macht mir Spaß und was brauche ich jetzt. Natürlich unter Einhaltung der Regeln. Aber mit zwei Haushalten darf man sich treffen und das sollte man dann auch mal tun.

Kommt ein digitales Angebot in Frage?

Karges: Nein. Denn der Karneval lebt, wie schon anfangs gesagt, vom Zusammentreffen der Leute.

Schimmelpfennig: ... und schauen macht auch nicht so viel Spaß, wie mittendrin zu sitzen.

Wir wissen nicht, wann sich die Situation wieder ändert und wir zur alten Normalität zurückkehren können. Muss es da nicht zwangsweise neue Konzepte geben?

Karges: Das Problem haben alle. Meiner Meinung nach muss der Schalter irgendwann wieder zurück umgelegt werden, sonst stirbt der Karneval weg. Digital geht nicht. Aber sind wir mal positiv. Irgendwann wird es auch wieder weitergehen.

Wann auch immer es möglich ist: Wird die Euphorie zu dem Zeitpunkt dann nicht so groß sein, dass die Menschen einfach auch feiern wollen?

Schimmelpfennig: Das hoffe ich auf jeden Fall. Bis dahin werden wir alle auch unheimlich viele Ideen sammeln können. Und wenn es so weit ist, dann werden auch die Leute wieder kommen.

Karges: So richtig bange bin ich da auch nicht. Man merkt ja schon jetzt, die Leute wollen gerne weg. Das ist definitiv so. Das war im Sommer so, das wird auch in Zukunft so sein. (Von Hanna Maiterth)

Interviewpartner:

Manuel Karges (39) ist gebürtiger Reichensächser und seit etwa vier Jahren im erweiterten Vorstand des SV Reichensachsen in der Karnevalssparte für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Durch eine Wette ist Karges vor etwa fünf Jahren bei der Garde gelandet und ist seitdem jedes Jahr beim Showtanz auf der Bühne zu sehen. Schon 2009 war er Teil des Elferrats, wie auch schon sein Vater. Karges arbeitet bei B.Braun in Melsungen.

Viola Schimmelpfennig (38) ist seit Sommer 2019 zweite Vorsitzende der Karnevalsabteilung im SV Reichensachsen. Davor war sie bereits im Weiberkarneval aktiv und hat dort unter anderem moderiert. Die zweifache Mutter ist verheiratet und ist von Beruf Grundschullehrerin. Sie kommt gebürtig aus Kassel, lebt aber seit 2005 mit ihrem Mann in Reichensachsen. Zum Karneval ist Viola Schimmelpfennig durch eine Freundin gekommen.

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