100 Dinge, die wir mögen

Das älteste Fachwerkhaus: Erbaut auf einem Friedhof

Gilt als das älteste Fachwerkhaus in Reichensachsen: die heutige Bücherei (im rechten Teil). Im linken Teil ist der noch von 1547 erhaltene Gewölbekeller, in dem sich heute Brautpaare das Ja-Wort geben. Foto:  privat

Lieblingsorte, Lieblingserlebnisse und Lieblingsspeisen - die Werra-Rundschau nimmt Sie in der Serie „100 Dinge, die wir an der Region mögen“ mit auf eine Heimat-Entdeckungstour für alle Sinne. Heute: Das älteste Fachwerkhaus in Reichensachsen.

Reichensachsen. Dutzende Fachwerkhäuser zieren Reichensachsens Straßen, eines davon gilt als das Älteste: das als Ewaldsche Haus bekannte Gebäude im Steinweg 61.

Den Namen verdankt das Haus seinen ehemaligen Bewohnern Heinrich Ewald und dessen Ehefrau Anna Christine. Die lebten ab 1865 dort, die lange Zeit des Besitzes prägte den heute noch bekannten Namen.

Doch das Haus hat viel mehr zu bieten als seinen Namen: Aufgrund einer Schnitzerei in einem Holzbalken gibt es die Vermutung, dass das Haus bereits im Jahr 1547 erbaut worden ist. Bis heute erhalten geblieben ist von den Grundmauern jedoch nicht mehr viel - im Laufe der Jahrhunderte wurden Teile des Gebäudes abgerissen und erneuert.

Nicht so der Gewölbekeller: Im Zuge der Renovierung 1992 unterzog man diesen einer archäologischen Untersuchung. Gefunden wurden allerhand Hinweise auf die vergangenen Zeiten: Feine Wechselschichten aus Ton und Sand zum Beispiel sind wohl Relikte der Einlagerung von Kartoffeln und Rüben in einer Tiefe von 0,35 Metern. Noch zwanzig Zentimeter tiefer wurde ein Fußboden entdeckt, der aus hochkant gestellten schmalen Sandsteinen besteht.

Unter diesem Fußboden entdeckte man eine Grabstelle. Erhalten waren nicht mehr alle Knochen, die übrig gebliebenen ließen aber darauf schließen, dass der Leichnam dort zwischen 1035 und 1255 begraben worden ist - offensichtlich war die Fläche, auf der das heutige Gebäude steht, ein Friedhof der nahe gelegenen Kirche.

Bis auf die Funde gibt es wenig Überliefertes über das Gebäude im Steinweg. Weil das Haus aber in einer Flurkarte von 1788 als das Haus von Johann Carl Diederich von Boyneburg-Honstein eingetragen ist, wird davon ausgegangen, dass das Gebäude im boyneburgischen Besitz war.

Der muss das Haus aber bald nach dieser Eintragung verlassen haben: Urkundlich festgehalten ist der Kauf des Hauses durch Christoph Leim 1808, die Rede war von einem baufälligen, nicht mehr zu bewohnenden Haus. Die alten Gebäude wurden abgerissen, ein Neubau entstand - jedoch von einem Mann namens Dilger, der gleichen 1865 an den Herren Ewald verkaufte.

Der Sprung in die heutige Zeit ist einer in eine ganz andere Nutzung des Gebäudes: Statt Wohnungen finden in dem renovierten Gewölbekeller von 1547 heute Trauungen statt, darüber hat die Gemeindebücherei ihren Platz gefunden.

Von Constanze Wüstefeld

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