„Dort arbeiten, wo Baustellen sind“

Interview mit Küllmer-Bau-Geschäftsführer Klaus Wiegand zum Wegegeld für Bauarbeiter

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Die Firma Küllmer-Bau nimmt Aufträge im Umkreis von 50 Kilometern an. Hier arbeiten Mitarbeiter 2018 an der Brückenstraße in Eschwege.

Küllmer-Bau aus dem Wehretaler Ortsteil Reichensachsen ist eines der größten Bauunternehmen im Werra-Meißner-Kreis. Mit Geschäftsführer Klaus Wiegand sprachen wir über die Arbeitsbedingungen von Bauarbeitern.

Herr Wiegand, woran liegt es, dass die Arbeiter so weite Fahrten zur Baustelle in Kauf nehmen müssen?

Wir bei Küllmer-Bau haben einen Aktionsradius von etwa 50 Kilometern – und das seit eh und je. Dieser ist von Göttingen bis Bad Hersfeld und von Kassel bis Mühlhausen. Je nachdem, welche Kommune in unserem „Kampfgebiet“ eine Baumaßnahme im Tief- und Straßenbau plant und ausschreibt, geben wir entsprechende Angebote ab. Bei Auftragsvergabe müssen wir nun mal dorthin und diesen abarbeiten. Eine Gemeinde Wehretal kann uns leider nicht ein ganzes Jahr lang mit Arbeit versorgen.

Woher könnte das Geld für eine Entschädigung für die langen Fahrtzeiten kommen?

Wenn sich jedes Bauunternehmen in Deutschland an den Tarifvertrag halten würde, dann würde man den Aufwand für das Wegegeld einpreisen und der Auftraggeber müsste es bezahlen. Das ist aber leider nicht so. Die wenigsten Firmen zeigen Tariftreue, sie fühlen sich nicht daran gebunden. Der Dumme ist der, der sich an den Tarif hält, weil er dadurch höhere Preise schreiben muss und dadurch keine Aufträge mehr erhält.

Kommt die Forderung der Gewerkschaft nicht ein bisschen spät?

Solche Forderungen der Gewerkschaft sind, zum jetzigen Zeitpunkt vor dem Hintergrund von Corona, brandgefährlich. Der Auftragsbestand der Baufirmen befindet sich im Sinkflug. Industrie- und private Bauten gehen stark zurück. Auch die öffentliche Hand, von der wir hauptsächlich unsere Aufträge generieren, wird zeitversetzt mit Steuerausfällen rechnen müssen. Die Folge: Investitionen in den Straßen- und Kanalbau werden ausgesetzt oder gänzlich abgesagt. Würden jetzt auch noch aufgrund gestiegener Lohnkosten die Baupreise steigen, dann wäre die Bereitschaft, zu bauen, noch geringer. Es hilft keinem weiter, wenn man Wegegeld bekommt und etwas später arbeitslos wird, weil die Arbeit ausbleibt.

Wäre Montage eine Alternative zu Ihrem System?

Wir lehnen eine Montagetätigkeit, also Arbeiten in weiterer Ferne, die eine Übernachtung vor Ort nötig machen, ganz bewusst ab. So ermöglichen wir unseren Mitarbeitern, abends bei ihren Familien zu sein.

Empfinden die Arbeiter die Anfahrtswege selbst als Belastung?

Ich denke schon. Gerade, wenn man Familie hat, wäre man gern länger zu Hause. Ich als Familienvater kann das gut nachvollziehen. Aber Freizeit gibt es nicht zum Nulltarif. Weniger lang arbeiten heißt weniger verdienen. Wir bezahlen unsere Mitarbeiter fair, angemessen und stets nach Tarif. Jeder muss für sich entscheiden, ob ihm mehr Freizeit oder mehr Geld für die Familie wichtiger ist.

Kann man als Arbeitgeber realistische andere Bedingungen schaffen, um die langen Fahrzeiten zu vermeiden?

Ganz klar nein. Wer bei uns arbeitet, der weiß, worauf er sich einlässt. Wir bezahlen unsere Mitarbeiter schon gut, am Geld liegt es nicht. Es ist die Freizeit, die fehlt. Und die können wir nur sehr bedingt gewähren.

Gibt es andere Mittel?

Wir haben uns bereits im vergangenen Jahr mit unserem Betriebsrat aufgrund immer heißerer Sommer auf eine Verlegung der Arbeitszeit in den Sommermonaten in die Frühe geeinigt. So können unsere Mitarbeiter nachmittags, wenn die Hitze am größten ist, früher aufhören und sind damit auch früher zu Hause.

Welche Anreize kann man alternativ geben, um die Mitarbeiter anderweitig zu entschädigen?

Die Fahrer der Firmenbusse werden schon lange entschädigt. Außerdem machen wir freitags früher Feierabend. Zudem gewähren wir noch zusätzliche soziale Leistungen wie Betriebsrente, Übernahme von Kindergartenbeiträgen sowie Tankgutscheine. Die Poliere können die Firmenbusse mit nach Hause nehmen. Schließlich gewähren wir allen Mitarbeitern Urlaub an den Brückentagen.

Damit scheinen Sie aber die Ausnahme zu sein, sonst würde die Gewerkschaft nicht aktiv werden?

Es sollte einen flächendeckenden einheitlichen Tarif im Baugewerbe geben, an den sich alle Unternehmen zu halten haben. Aktuell wird vom Staat lediglich der Mindestlohn überprüft und eingefordert. Viele, die meisten der Baufirmen, geben tarifliche Lohnerhöhungen nicht an ihre Mitarbeiter weiter. Gerade für uns im ehemaligen Grenzgebiet wäre es wichtig, dass alle Firmen den gleichen Tarif bezahlen, auch die in Thüringen. Erst dann wäre ein fairer Wettbewerb gegeben und alle könnten ihr Wegegeld bekommen.

Zur Person 

Klaus Wiegand (49) hat an der Fachhochschule in Fulda BWL studiert und trat 1997 in das 1946 in Reichensachsen gegründete Unternehmen ein. Seit 1998 verstärkt er mit Ehefrau Peggy die Geschäftsführung und übernahm 2013 die Verantwortung von Schwiegervater Horst Küllmer. Wiegand ist u.a. Beisitzer im Vorstand der Bau-Innung der Kreishandwerkerschaft. 

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