Marodes Viadukt bei Reichensachsen hat eine bewegte Geschichte hinter sich

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Noch mit Brüstung: Die Brüstungssteine wurden 2014 aus Sicherheitsgründen entfe rnt, liegen jetzt aber entweder auf dem Gleisbett oder im Vierbach. Foto:

Zwischen Reichensachsen und Vierbach ist die Straße gesperrt, weil das Viadukt marode ist. Wir beleuchten die 142-jährige Geschichte der Eisenbahnbrücke, wo 1985 der letzte Zug fuhr.

Im Mai 1985 rollte zum letzten Mal ein Zug über die Vierbachbrücke bei Reichensachsen. Seither erobert sich die Natur die 1877 errichtete und heute unter Denkmalschutz stehende Eisenbahnbrücke zurück. Das Bauwerk, das seinerzeit aus Kostengründen aus Sandstein statt aus Stahl errichtet wurde, ist 43 Meter lang, acht Meter breit und 14 Meter hoch und war Teil der ehemaligen Kanonenbahn, die von Berlin nach Metz führte.

Es stellte sich damals als günstig heraus, anstelle von Kastenpfeilern oder Flügeln offene Bogenkonstruktionen zu wählen, deren Öffnungen teilweise mit dem Schüttmaterial des vorgelagerten Damms ausgefüllt wurden. Am Fuß des Bauwerks wurden lange Stützmauern eingefügt, die die Brücke vor Hochwasser schützen sollten – so wie im Februar 1909 der Fall eintrat und der Vierbach über seine Ufer trat.

Die erste bekannte Darstellung der Vierbachbrücke stammt von einer Postkarte aus dem Jahr 1905, auf der Eschwege und sein Umland abgebildet sind.

Knapp einer Katastrophe sind Brücke und der Lokführer eines Güterzuges Ende 1944 oder möglicherweise auch im Frühjahr 1945 entkommen. Amerikanische Jagdflieger hatten einen Güterzug, der über die Brücke bei Vierbach rollte beschossen, aber nicht getroffen. Trickreich hatte der Lokführer den Zug gebremst, was an der leicht ansteigenden Strecke gut ging, und jede Menge Dampf abgelassen, damit die Piloten der Jagdflieger glauben mussten, die Lok sei getroffen worden. Das Manöver funktionierte und die Flieger drehten Richtung Hoher Meißner ab. Der Lokführer setzte anschließend seine Fahrt fort, um so schnell wie möglich den rettenden Bischofferöder Tunnel hinter Burghofen zu erreichen. Wäre der Zug damals getroffen worden, hätte vermutlich auch die Brücke ernsten Schaden genommen.

Da rollte noch was: Ein Triebwagen, der gerade die Vierbachbrücke bei Reichensachsen passiert. Im Mai 1985 befuhr der letzte Zug die Gleise des unter Denkmalschutz stehenden Bauwerkes.

Nachdem die Eisenbahnstrecke zu Beginn der 1990er-Jahre stillgelegt wurde, sind die Gleise nicht nur von Unkraut überwuchert – selbst Bäume wachsen im Gleisbett – sondern mussten in den vergangenen Jahren auch immer wieder Sicherungsmaßnahmen vorgenommen werden. Sandsteinblöcke an den seitlichen Brüstungen mussten erneuert werden, weil sie zerbröselten. Ebenfalls aus Sicherheitsgründen wurden 2014 sämtliche Brüstungsteine entfernt – die liegen nun einfach auf den Gleisen oder wurden in den vorbeifließenden Vierbach geworfen. Dabei wurde auch die Jahreszahl 1877 entfernt. Seither ist die Brücke komplett gesperrt und darf nicht mehr betreten werden.

Bei einer kürzlichen Routineuntersuchung der Brücke stellte Hessen-Mobil weitere Schäden fest und hat bis auf Weiteres die Straße in Richtung des Wehretaler Ortsteils Vierbach gesperrt.

Hermann Josef Friske aus Reichensachsen, der das Schicksal der Brücke dokumentiert hat, sagt: „Hoffentlich ist es nicht zu spät für die Brücke. Immerhin ist sie ein Reichensächser Wahrzeichen und war der Gemeinde 1961 sogar eine Festplakette zum Wichtelfest wert.“

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