Blickpunkt Werra-Meißner

Reichensachsen früher und heute: 1896 glühten hier die ersten Lampen

+
Die Sensation 1896: Reichensachsen erhielt eine elektrische Beleuchtungsanlage – eher als Eschwege – die 350 Glühbirnen in den Haushalten speiste. Die Postkarten-Aufnahme von der Landstraße stammt aus dem Jahr 1910.

Reichensachsen - Von allen Landgemeinden des Landkreises Eschwege war Reichensachsen, bevor es nach der Gebietsreform die „Hauptstadt“ der Gemeinde Wehretal wurde, die größte. Der Streifzug durch eine wechselvolle Geschichte ist mit einigen Überraschungen gespickt.

Gleich mehrere Theorien versuchen, den Namen der 1253 erstmals urkundlich erwähnten Gemeinde zu ergründen. Beispiele: Ortsnamen wie „zu den Sassen“ oder „zu den Richen Sassen“ (1348), oft auch „Sitz der Reichen“ waren im Mittelalter und früher zu lesen. „Zu den Sassen“ geht auf die Ansiedlung von heidnischen Sachsen schon durch Kaiser Karl den Großen in diesem Raum zurück. Eine andere Deutung sieht in Sassen die Sesshaften oder Ansiedler.

Die Landstraße heute: Bis zu 12 000 Autos fahren hier täglich durch den Ort.

Eine andere Theorie: Da die Bauern aufgrund des fruchtbaren Bodens im Tal der Wehre gute Ernten einfuhren, die Familie derer von Eschwege ihren Hauptwohnsitz, ein Rittergut, sogar schon lange von Eschwege nach Sassen verlegt hatten, wo sie mehrere Burglehen und Anwesen besaßen, tauchten schon früh auch die Begriffe „zu den Richen (Reichen) Sassen“ oder „Sitz der Reichen“ im Sprachgebrauch auf. Im Laufe der Jahre wurde Reichensachsen daraus.

Im Tal der Wehre, des Leimbachs und an der alten Nord-Süd-Handelsstraße gelegen, waren die Herren von Boyneburg, die auch die Gerichtsbarkeit ausübten, schon früh die dominierenden Grundherren im Dorf. Auch die Landgrafschaft Hessen, die Herren von Eschwege und das Kloster Germerode besaßen Liegenschaften. Der Ort in unmittelbarer Nähe von Eschwege wuchs langsam, aber stetig. Um 1585 lebten in 150 Haushalten und Höfen schon rund 750 Einwohner.

Dreißigjähriger Krieg

Wie in vielen Gemeinden des Werratales hinterließ der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) auch im Werratal und in Reichensachsen seine blutigen Spuren. Das Wehretal musste wegen seiner geografischen Lage immer wieder als Durchmarsch- und Kampfplatz herhalten. Im Jahr 1623 brach die Leidenszeit für Kurhessen und das Werratal an, dessen Landgraf Moritz nicht zum Kaiser hielt und dem der kaiserliche Heerführer Tilly schon gedroht hatte. Von 1623 bis 1625 die ersten Einquartierungen durch Tilly und dessen plündernden und mordenden Truppen. Im Mai 1626 erschlugen Tillys Soldaten in Waldkappel den Pfarrer Johannes Curäus aus Abterode.

Postkarten-Aufnahme aus dem Jahr 1915: Die alte Oberförsterei, heute das Forstamt Wehretal, und das ehemalige Schloss, das heute der Gemeinde als Rathaus dient.

Die Menschen in Reichensachsen lebten in dieser unruhigen Zeit in steter Angst. Die unmenschlichen Soldaten nahmen ihnen ihre Habseligkeiten, Brot, Getreide und das Vieh ab. Ihr Leben retteten die Menschen durch die Flucht in die nahen Schluchten (Blaue Kuppe), Wälder und Berge, wo sie sogar über den Winter in Hütten hausten und große Not litten. Einige Einwohner wanderten sogar nach Norddeutschland oder in die Pfalz aus. Die schon 1623 von Tilly geplünderte nahe Reichsfeste Boyneburg, die auch Flüchtlinge aufnahm, wurde 1637 von den Kroaten verbrannt. Zitat: „Der Feuerschein war bis Eschwege zu sehen“.

Der Eschweger Lehrer und Heimatforscher Heinrich Bierwirth erinnert in seiner 1897 erschienenen „Heimatkunde“ daran, wie die Menschen dieser Gegend hungern und leiden mussten. Bierwirth schrieb: „So zündeten 1635 die Kroaten das Dorf Reichensachsen an verschiedenen Ecken an, 80 Häuser und die Kirche brannten ab“. Bierwirth berichtet auch von zahlreichen Toten.

Abschluss der Tragödie im Oktober 1647, als kaiserliche Truppen unter Melander in Niederhessen einfielen und auch in Reichensachsen hausten. Fast alle Einwohner flohen. Nach Abschluss des Westfälischen Friedens 1648 kehrten viele Flüchtlinge aber wieder in ihre Heimatgemeinden zurück und bemühten sich, die Kriegsschäden zu beseitigen. Groß die Zahl der Opfer in der Bevölkerung. 1643 wurden nur zwölf Kinder geboren. 1645 zählte man in Reichensachsen nur 419 Einwohner, darunter 80 Männer und 30 Witfrauen.

Bevölkerungsanstieg

Nur langsam erholte sich Reichensachsen von den Kriegswirren und schrecklichen Ereignissen. Aber die Bevölkerung wuchs und wuchs. 1747 waren es wieder 203 Haushalte, 1834 schon 1563 Einwohner, 1885 sogar 1657, davon 1525 evangelische, 14 katholische und 118 jüdische Bewohner. 1895 war Reichensachsen mit fast 1800 Einwohnern nach Eschwege und Wanfried die drittgrößte Gemeinde des Landkreises. 1905 meldete die Gemeinde 1799 Menschen, 1939 wurde mit 2061 Einwohnern eine Schallmauer durchbrochen.

Das Forstamt Wehretal heute: Von hier aus werden die Wälder im Raum Eschwege und der Umgebung verwaltet.

Um die Jahrhundertwende hatte sich Reichensachsen, wie Lehrer Heinrich Bierwirth 1897 vermerkte, zu „einem großen, schönen und wohlhabenden Pfarrdorf im unteren Wehretal entwickelt“, in dem es eine Oberförsterei, ein Postamt, eine Darlehenskasse und eine Bierbrauerei gab. Und der Bahnhof war Haltestelle der Bebra-Göttinger und Berliner-Coblenzer Eisenbahn. Durch das Dorf führte die Mühlhäuser Straße.

Die jüdische Bevölkerung Reichensachsens zählte zum Rabbinat Kassel. Waren es 1905 noch 106 jüdische Bürger, fiel die Zahl 1932/33 auf 86. 1933 wanderten 48 Juden aus, 14 verstarben, 33 wurden deportiert. Die Synagoge befand sich in der Herrengasse 142, eine israelitische Elementarschule gab es von 1868 bis 1933. Die meisten Juden waren im örtlichen Handwerk und Viehhandel tätig (Quelle: Wikipedia).

Elektrik die Sensation

Im Jahr 1896 eine Sensation: In Reichensachsen „gelangte ein Werk zur Vollendung“, so vermerkte Heinrich Bierwirth in seiner „Heimatkunde“, das „wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung die Aufmerksamkeit der Bevölkerung im ganzen Kreis erregte“ - und die Eschweger voller Neid nach Reichensachsen blicken ließ, die darauf noch einige Zeit warten mussten. Es war die „elektrische Beleuchtungsanlage“ (Zitat Bierwirth), die die Gemeinde mit Strom versorgte. Erzeugt in der an der Wehre gelegenen Riedmühle, „wo die Elektrik durch zwei Dynamos von je 16 Pferdekräften erzeugt wurde, die eine Turbine antrieben. Kupferdrähte leiteten die Elektrizität ins Dorf, speiste hier 350 Glühlampen und einige Elektromotoren“. Zahlen mussten die Abnehmer jährlich 16,50 Mark für eine 16-kerzige Flamme.

Gemeinde Wehretal

Nach dem Umbau: Das Rathaus von Wehretal heute.

Die hohe Zahl von Flüchtlingen sorgte 1946 für den Anstieg auf 2834 Einwohner, 1950 war mit 2950 die bisher höchste Zahl erreicht. 1970 zählte der Gemeindevorstand noch 2749 Haushaltungen in Reichensachsen, 1987 mit zunehmender Einwohnerzahl aber schon wieder 3212. Das änderte sich im Jahre 1972 im Zuge der Gebietsreform, als die Ortsteile Hoheneiche, Langenhain, Oetmannshausen und Vierbach zu Reichensachsen kamen und die Gemeinde Wehretal entstand. Reichensachsen ist mit 3500 Einwohnern Wehretals größter Ortsteil, mit den vier Ortsteilen steigt die Zahl auf 5350.

Reichensachsen, aber auch die Ortsteile, bieten heute eine gute Infrastruktur. Arztpraxen, Apotheken, Einkaufsmärkte, Grundschulen und ein gutes gastronomisches und sportliches Angebot erfüllen die Wünsche. Interessenten, die nach Wehretal ziehen wollen, bietet die Gemeinde günstige Bauplätze an.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare