Schwerbehindertes Mädchen hält seit sieben Wochen Kontaktsperre zu den Eltern durch

Sieben Wochen ist es jetzt her, dass Denise Pröger ihre Familie gesehen hat. Die 25-jährige junge Frau ist geistig schwerbehindert und lebt im Werner-Seeger-Haus in Reichensachsen.

Das Mädchen, das nicht spricht und sich, wenn überhaupt nur durch Gebärden verständigt, versteht die Welt nicht mehr. Eigentlich holen ihre Eltern, Bernd und Petra Pröger aus Oberhone, ihre Tochter an den Wochenenden regelmäßig nach Hause. Doch seit Anfang März die Schulen schlossen, gilt auch für die Wohneinrichtung strenge Kontaktsperre.

Würde das Mädchen jetzt das Heim verlassen, dürfte sie erst mal nicht zurück – für berufstätige Eltern eigentlich unmöglich, weil Denise 24-Stunden-Betreuung braucht.

„Am Anfang saß Denise immer auf der Bank vor dem Heim und hat darauf gewartet, dass ich sie abhole“, erzählt ihre Mutter. „Außerdem vermisst sie die Dinge, die sie gerne macht: Busfahren, einkaufen und zur Arbeit gehen.“ Warum das alles nicht möglich ist, versteht Denise nicht.

Schreibt: Petra Pröger denkt sich kleine Geschichten für ihre schwerbehinderte Tochter aus. 

Die Betreuer im Werner-Seeger-Haus haben ihren Schützlingen einfache Erklärvideos gezeigt, mit Piktogrammen gearbeitet. Aber trotzdem: „Die meisten unsere Heimbewohner begreifen die Situation nicht“, weiß Franziska Fleck, Leiterin der Diakonieeinrichtung. Petra Pröger packt für ihre Tochter deshalb jede Woche ein Paket, das sie dann dienstags auf einen Tisch vor dem Heim abstellt. Vergangene Woche war eine Ahle Wurscht und eine extra große Flasche Cola drin – denn Denise isst gern. Heute wird sie Nagellack, feines Haaröl, Erdnüsse und Süßigkeiten in ihrem Päckchen finden. Und in jedem Päckchen ist ein Brief an das Mädchen. „Denise freut sich unwahrscheinlich über die Päckchen“, so Franziska Fleck. Weil Denise Pröger nicht spricht, kann ihre Mutter auch nicht mit ihr telefonieren, so wie andere Eltern mit ihren Kindern. „Wir haben das Telefon auf Lautsprecher geschaltet und manchmal hat Denise mit Gebärden auf die Stimme ihrer Mutter reagiert, das habe ich dann sozusagen übersetzt“, sagt Franziska Fleck.

Um ihrer Tochter trotz aller Distanz eine Freude zu machen, hat Petra Pröger vor einiger Zeit begonnen, Geschichten in einfacher Sprache für ihre Tochter zu schreiben. Die handeln von den drei Ponys der Familie, Tommi, Fee und Troll, Hofkater Malte kommt auch vor. „Denise liebt unsere Pferde und ich hoffe, dass sie die Geschichten mag und diese sie etwas über die Trennung trösten können.“

Für die Kinder und Jugendlichen ist dies keine einfache Zeit. „Dafür, dass sie schon so lange nicht raus dürfen, schlagen sie sich aber ganz gut“, sagt Franziska Fleck. Für Denise beispielsweise seien aktuell Süßigkeiten ein großes Thema.

„Außerdem kommt sie oft in mein Büro und möchte Kaffee und schaut ins Faxgerät, ob Post von ihrer Familie gekommen ist“, erzählt die Heimleiterin. Denn per Fax schickt das Heim Bilder, die die Kinder gemalt haben an die Eltern, und die schicken Briefe und Fotos zurück. Austausch gibt es auch per Whatsapp oder E-Mail. Auf der Bank vor dem Haus wartet Denise inzwischen nicht mehr, aber auf die Päckchen ihrer Mutter. Aktuell leben im Werner-Seeger-Haus in Reichensachsen 16 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 25 Jahren.

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