Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik

Drei Geschwister verloren: Bei Brigitte Güldner reißen die Schicksalsschläge nicht ab

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Bei der Verleihung der Medaille in Wiesbaden: (von links) Landrat Stefan Reuß, Rüdiger und Brigitte Güldner sowie Staatssekretär Mark Weinmeister. 

Reichensachsen. Brigitte Güldner wurde für ihr soziales Engagement  mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik ausgezeichnet. „Darüber freue ich mich sehr, aber lieber hätte ich darauf verzichtet und noch meine Geschwister und meinen Vater bei mir.“

Was ihr fehlt, sind die Antworten. Warum drei ihrer sieben Geschwister bereits tot sind, wieso drei weitere schwer erkrankt sind oder waren und weshalb auch ihr Vater nicht mehr lebt? „Ich weiß es nicht“, sagt Brigitte Güldner.

Dennoch werden die Fragen wohl immer bleiben, ist sich die Reichensächserin sicher. Verzweifelt ist die mittlerweile 60-Jährige als älteste von acht Kindern an ihrem Leben trotz der Schicksale nicht. Vielmehr hat sie ihre Familienangehörigen gepflegt, hat drei Sterbenden die Hand während der letzten Atemzüge gehalten.

Erste Schwester stirbt mit 22

Zum ersten Mal ereilt hat Brigitte Güldner der Schock vor mehr als 20 Jahren: Bei dem Nesthäkchen der Familie wurde Lymphknotenkrebs festgestellt, „zu spät für eine erfolgversprechende Behandlung“. Monatelang hat Brigitte am Krankenbett ihrer jüngsten Schwester gesessen, hat sie gewaschen, gepflegt und ist nachts zu ihr gefahren, wenn nach ihr gefragt wurde. „Wir hatten eine innige Beziehung zueinander“, erzählt die 60-Jährige – deren Erinnerungen mit keinem Tag zu verblassen scheinen, so lebendig sind die Erzählungen. Schwer habe sie deshalb der Tod der 22-Jährigen getroffen. Halt habe aber die Familie geben können.

Der Vater hatte ein schwaches Herz

Doch die wurde schnell vom nächsten Schicksalsschlag heimgesucht: Ihr herzkranker Vater starb fast an einer Herzmuskelentzündung, eine weitere Schwester überlebte nur knapp ihren Unterleibskrebs. „Doch auch dann war noch nicht Schluss“, sagt Güldner, die trotz ihrer Stärke zwischenzeitlich doch mit den Tränen kämpfen muss, „mein Vater bekam Darmkrebs“. Wieder war Brigitte Güldner zur Stelle, verband Operationsnarben, an die niemand anders ran durfte – außer ihr Mann Rüdiger, der seiner Frau als Rettungssanitäter im polizeiärztlichen Dienst in die medizinische Welt einführte. „Auf ihn kann ich mich jederzeit verlassen“, ist die Reichensächserin dankbar.

Die zweite Schwester stirbt zehn Jahre später

Überlebt hat Güldners Vater den Kampf gegen den Krebs nicht. Gestorben ist er fünf Jahre nach seiner jüngsten Tochter, fast auf den Tag genau. Der Krebs aber blieb: Die zuvor an Unterleibskrebs erkrankte Schwester wurde wieder von ihm heimgesucht, starb zehn Jahre nach der jüngsten Schwester und fünf Jahre nach ihrem Vater.

Und auch eine dritte Schwester von Güldner erkrankte an einer seltenen Form, überlebte laut dem Ehepaar Güldner nur, „weil der liebe Gott mehrmals seine Hand im Spiel hatte“. 35 Kilo habe sie zwischenzeitlich nur noch gewogen, „wir haben sie dann wieder aufgepäppelt und mehrfach um sie gekämpft und sie nicht aufgegeben“. Extra Urlaub habe sie dafür genommen, „anders hätte ich das nicht geschafft“.

Der Bruder überlebt Herzinfarkt nicht

Mittlerweile lebe sie als medizinisches Wunder, aber immer noch krebskrank zusammen mit der Mutter, einer vierten Schwester und einem Bruder in Reichensachsen – nach denen Brigitte Güldner täglich sieht, weil auch der Bruder durch eine mittlerweile geheilte Gesichtskrebs-Erkrankung mit den Spätfolgen zu kämpfen hat. Ein weiterer Bruder sei vor zwei Jahren zudem an einem Herzinfarkt gestorben, ein dritter habe das schwache Herz des Vaters geerbt und schon mehrere Infarkte hinter sich. „Jeden Morgen stehe ich um 4 Uhr auf und gehe rüber“, erzählt Güldner. Urlaub haben sie und ihr Mann seit 16 Jahren nicht gemacht, „vernachlässigt habe ich dadurch leider auch meinen Sohn“.

Anders machen würde sie aus heutiger Sicht dennoch nichts: „Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich nicht um meine Familie kümmern würde.“ Natürlich gebe es immer wieder Momente der Verzweiflung, ein Zusammenbruch vor vier Jahren zeigte ihre Erschöpfung. „Meine Arbeit gibt mir aber genügend Ablenkung, und mein Mann, mein Sohn und die zwei Enkel geben mir alle Kraft, die ich brauche.“

Angst, selbst zu erkranken, habe sie trotz ihrer Familiengeschichte nicht: „Sonst könnte ich das alles gar nicht schaffen.“


HINTERGRUND

Der Verdienstorden wird an Bürger für politische, wirtschaftlich-soziale und geistige Leistungen verliehen sowie darüber hinaus für alle besonderen Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland, wie zum Beispiel im sozialen und karitativen Bereich. Er ist die einzige allgemeine Verdienstauszeichnung in Deutschland und damit die höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik für Verdienste um das Gemeinwohl zu vergeben hat. Mit einem Preisgeld ist der Orden nicht dotiert. 

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