Montagsinterview

Weihnachten ist schwere Zeit für Suchtkranke: „Einsamkeit mit Alkohol betäubt“

Die Weihnachtszeit stellt suchtkranke Menschen vor große Herausforderungen: Die Suchthilfe des Werra-Meißner-Kreises bereitet ihre Klienten jetzt schon darauf vor.
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Die Weihnachtszeit stellt suchtkranke Menschen vor große Herausforderungen: Die Suchthilfe des Werra-Meißner-Kreises bereitet ihre Klienten jetzt schon darauf vor.

Die Weihnachtszeit ist für Menschen mit einer Suchterkrankung besonders herausfordernd. Die aktuelle Coronakrise erschwert die Lage noch mehr.

Werra-Meißner – Das spüren auch die Mitarbeiter der Fachstelle für Suchthilfe und Prävention am Diakonischen Werk Werra-Meißner. Wir sprachen mit den Sozialpädagogen und Suchttherapeuten Kai Herzog und Anna Samland darüber, weshalb Weihnachten für Suchtkranke so schwer ist.

Wie blicken Sie auf die Weihnachtstage?

Samland: Für viele ist die Weihnachtszeit eine schwere Zeit und überhaupt nicht fröhlich und besinnlich. Deshalb sind wir zwischen den Jahren erreichbar – auch vor Ort. Wir machen seit einigen Jahren eine Art Notfallbetreuung zwischen den Feiertagen. Und wenn jemand reden möchte oder Ablenkung braucht, kann er sich melden. Das wird in diesem Jahr sehr viel stärker nachgefragt als sonst. Viele haben sich jetzt schon für einen Termin gemeldet, weil sie wissen, dass Weihnachten und Silvester für sie nicht schön sein werden und sie deshalb einen Termin brauchen.

Wieso ist diese Zeit so schwer für Ihre Klienten?

Herzog: Sucht ist auch eine Beziehungserkrankung zu anderen Menschen. An Weihnachten als Familienfest wird oft eine scheinbar sorglose und harmonische Stimmung verbreitet. Viele haben das nicht. Einsamkeit und unangenehme Gefühle werden dann vereinfacht gesagt mit Alkohol betäubt. Deswegen bereiten wir die Weihnachts- und Silvesterzeit jetzt schon vor. Wir besprechen mit den Klienten, welche Alternativen es zum Suchtmittelkonsum gibt.

Zum Beispiel?

Herzog: Da gibt es leider keine Patentlösung. Das ist individuell. Wenn etwa Alkohol die Einsamkeit betäuben soll, kann man mit mehr Sozialkontakten vorbeugen. Es hilft auch, zu lernen, über Probleme zu sprechen und seinen eigenen Gemütszustand einzuschätzen.

Samland: Bei vielen fängt es jetzt in dieser Vorbereitungszeit erst mal an, dass sie überhaupt merken, wann es ihnen schlechter geht und negative Gedankenketten erkennen. Und nicht erst dann, wenn sich alles schon ganz schrecklich anfühlt und Suchtmittel als letzte Lösung erscheinen.

Sind viele Suchtkranke eher allein?

Herzog: Je länger die Suchtkrankheit schon anhält, desto mehr sind die sozialen Kontakte beeinträchtigt.

Also sind sie auch während der Feiertage allein?

Herzog: Definitiv. Bei meinen Klienten sind einige dabei, die sehr einsam sind.

Samland: Aus Scham isolieren sich viele auch selbst. Selbst wer Kontakte hat, versteckt bestimmte Seiten an sich, weil er denkt „So wie ich bin, bin ich nicht okay“. Deshalb ziehen sich viele schon vorsorglich zurück, damit sie nicht weggestoßen werden. Deshalb fühlen sich viele einsam, obwohl sie mit ihrer Familie zusammen sind.

Wie ist das für die Angehörigen?

Herzog: Wenn jemand eine Abhängigkeit hat, wo die Sucht durch Lügen und Scham verheimlicht wird, sind auch die sozialen Beziehungen belastet. Man darf nicht unterschätzen, dass Angehörige auch Rückfälle hautnah miterleben. Schon die Angst ist eine unsichere und belastende Situation für beide. Und Corona verstärkt das Ganze, weil die sozialen Bezüge noch mehr wegfallen.

Stellt die Weihnachtszeit in der Coronakrise eine doppelte Belastung dar?

Samland: Ich würde sagen: definitiv. Es ist so schon immer schwer – auch für die Angehörigen. Und an Weihnachten denken dann auch noch alle, es müsse alles harmonisch sein. Da wird auch mal was glattgebügelt, wo eigentlich Probleme sind. Weihnachten ist eine hochemotionale Zeit.

Wie können Angehörige auf eine Suchterkrankung reagieren?

Herzog: Ansprechen. Offenheit ist das A und O. Wenn etwas verschwiegen wird, begünstigt das die Abhängigkeit. Und wenn das nichts hilft, macht es Sinn, sich professionelle Hilfe zu suchen. Denn Abhängigkeit ist eine chronische Erkrankung. Das hat mit Willensschwäche wenig zu tun.

Mit Hilfe suchen meinen Sie die Angehörigen oder die Erkrankten?

Herzog: Beide. Denn sonst kommen sie in einen Teufelskreis. Ein pathetisches Beispiel: Ein Mann ist Alkoholiker und geht arbeiten, die Frau ist co-abhängig zu Hause und weiß nicht mehr, was sie tun soll. Schließlich unterstützt sie das Ganze, indem sie den Mann beim Arbeitgeber entschuldigt, wenn er alkoholisiert zu Hause ist. Dadurch übernimmt sie auch ein Stück weit die Verantwortung dafür. Das verstärkt die Abhängigkeit. Deswegen: Probleme immer ansprechen und sich Hilfe holen. Aber das sagt sich alles so einfach.

Samland: Man sollte die Menschen immer aus dem Gefühl heraus ansprechen, dass man sich Sorgen macht. Auf Vorwürfe sollte man verzichten, denn Zwang und Druck erzeugen Gegendruck. Die Angehörigen sollten auf sich achten. Wir bekommen oft mit, dass sie ihr Leben voll nach dem Erkrankten ausrichten. Das hilft nicht.

Ist Suchtkrankheit noch immer ein Tabuthema?

Samland: Ja. Das Stigma ist wahnsinnig groß. Menschen, die mehrere Jahre schon trocken, aber noch bei uns in Therapie sind, erzählen, dass sie im Bekanntenkreis und in der Nachbarschaft geächtet, gemieden und ausgeschlossen werden. Suchtkrankheit wird leider noch immer als Charakterschwäche gesehen. Es ist noch nicht angekommen, dass das eine chronische Krankheit ist.

Mit welchen Suchterkrankungen haben Sie zu tun?

Samland: Alkoholsucht macht hier den größten Teil aus, etwa 90 Prozent. Mit großem Abstand gefolgt von Cannabis, dann Opioiden. Amphetaminsucht gibt es vereinzelt auch. Wobei man aber sagen muss, nicht jeder, der unserer Beratung aufsucht, ein Suchtproblem hat. Manche Jugendliche, die zum Beispiel beim Kiffen erwischt wurden, müssen von den Eltern oder der Schule aus hierher kommen, sind aber weit weg von einer Abhängigkeit.

Anna Samland (27) ist Sozialarbeiterin und -pädagogin sowie Suchttherapeutin in Ausbildung. Seit 2017 ist sie bei der Fachstelle für Suchthilfe und Prävention am Diakonischen Werk in Eschwege tätig. Davor war sie in Mainz bei der Suchthilfe tätig. 

Kai Herzog (39) ist Suchttherapeut und Diplom-Sozialpädagoge. Seit 2017 arbeitet er bei der Fachstelle für Suchthilfe und Prävention in Eschwege und betreut die Außenstelle Witzenhausen. Davor war er in Göttingen in einer Suchtklinik tätig.

Die Coronakrise wirkt sich auf alle Gesellschaftsbereiche auf. Das haben auch die Mitarbeiter der Suchthilfe und Prävention des Diakonischen Werks Werra-Meißner zu spüren bekommen. „Mit dem ersten Lockdown konnten die Gruppentherapien vom einen auf den nächsten Moment nicht mehr stattfinden“, sagt Kai Herzog. Gemeinsam mit seiner Kollegin Anna Samland betreut er in der Suchttherapie Gruppen von Betroffenen.

Statt der Gruppentherapien, die für die Erkrankten besonders wichtig sind, gab es ab März vor allem Telefonkontakte und Videokonferenzen. Eine Gruppensitzung dauert in der Regel 50 Minuten. Die Aufspaltung in einzelne Telefonate mit derselben Zeit bedeutete Mehrarbeit. „Teilweise sind auch Kontakte weggebrochen, was mit persönlichen Sitzungen wahrscheinlich weniger passiert wäre“, sagt Herzog. Die Therapie am Telefon sei sehr schwierig gewesen.

„Suchtarbeit ist in erster Linie Beziehungsarbeit“, erklärt Herzog. Im persönlichen Gespräch sei das ganz anders möglich als am Telefon. Zudem sei man deutlich distanzierter. „Wenn jemand am Telefon länger nichts gesagt hat, fand ich es schwierig einzuschätzen, ob er einfach nachdenkt oder völlig abgelenkt ist“, berichtet Samland.

Vielen sei es schwergefallen, die telefonische Therapie ernst zu nehmen. Einige hätten nebenbei noch andere Dinge erledigt. Im direkten Gespräch blicke der Betroffene dagegen intensiv auf sich selbst und sein eigenes Verhalten.

Neue Klienten habe es bis zum Sommer deutlich weniger gegeben, sagt Herzog. „Eigentlich bekommen wir wöchentlich neue Klienten“, sagt Samlans. Nun, im Teillockdown, hat die Nachfrage aber wieder zugenommen. Auch Gruppentherapien sind wieder möglich.

Wichtig sei bei der Arbeit insgesamt, möglichst kurzzeitig Termine frei zu haben. „Sonst verliert man die Leute wieder“, erklärt Samland. Denn das Zeitfenster, in dem jemand bereit ist, Hilfe anzunehmen, ist sehr klein. „Und die Scham ist groß.“

Kontakt: Suchthilfe unter Tel. 0 56 51/3 39 42 92

Von Jessica Sippel

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