Valerie Alstadt (22) aus Pittsburgh, Pennsylvania, lernt ihre deutsche Verwandtschaft in Weißenborn kennen

Ahnenforschung auf amerikanisch

Angelika Boettiger auf dem Foto ist die Verbindung: Über sie sind Monika Heinisch, Valerie Alstadt, Jan-Kristof, Kerstin Bruns, Frigga Hesse und Pauline Hesse (von links) alle miteinander verwandt. Foto: Bettinger

Weißenborn. Zwischen Geldsorgen, Bürokratiewahn und Pflichtterminen gibt es auch für Bürgermeister schöne Ereignisse. Dann zum Beispiel, wenn sie lange getrennte Familien zusammenführen können. So geschehen am Wochenende in Weißenborn.

Am Dienstag vor zwei Wochen kam die Mail ins Bürgermeisteramt: Eine Valerie Alstadt schrieb, sie habe Verwandte, die von Weißenborn nach Amerika ausgewandert sind, und wolle den Ort gerne besuchen. „Ich freue mich immer, wenn ich solche Kontakte vermitteln kann“, sagt Gemeindechef Thomas Mäurer.

Gemeinsam mit Pfarrer Rüdiger Pütz machte er sich in den standesamtlichen Niederschriften auf die Suche nach den Vorfahren der 22-Jährigen: Joseph Georg Alstädt (1856 bis 1921) und Angelika Boettiger (1852 bis 1934). Fündig aber wurden sie nicht, weil die Aufzeichnungen nur bis 1874 zurückreichen.

Enttäuscht wollte man der jungen Frau schon absagen, als Monika Heinisch zufällig ins Spiel kommt. Die 68-jährige Weißenbörnerin und Valerie Alstadts Vater Richard haben einen gemeinsamen Ur-Ur-Großvater. In ihrem privaten Fundus befinden sich Briefe, Widmungen und Fotos, die mit dem übereinstimmen, was auch die 22-Jährige aus Pittsburgh, Pennsylvania, im Familienbesitz gefunden hat.

Am Samstag saß sich die Verwandtschaft persönlich gegenüber. Fotoalben wurden gewälzt, Stammbäume verglichen, Erinnerungen ausgetauscht. „Es ist ein Wunder, dass ich die ganzen Bilder überhaupt noch habe“, sagt Heinisch. Einen Brief fand sie noch, geschrieben 1928 von der Auswanderin. 1880 folgte die damals 28-jährige Angelika Alstädt, geborene Boettiger, ihren beiden bereits emigrierten Brüdern mit ihrer einjährigen Tochter nach Erie, Pennsylvania, ihr Mann folgte zwei Jahre später. Aus dem Namen Alstädt wurde im Amerikanischen Alstadt.

„Sie war eine mutige Frau“, findet Monika Heinisch. Und eine streng dem evangelischen Glauben zugewandte Frau, die in Amerika umdenken musste: In Erie gab es zum damaligen Zeitpunkt keine evangelische Gemeinde.

Anfangs hatte der Kontakt zur Heimat noch Bestand. Briefe wurden geschickt, Fotos. Auch kamen nach dem Krieg Care-Pakete über den Atlantik. Mit dabei neben Kaffee und Lebensmitteln auch ein Kleid für die kleine Monika. „Dieses Kleid habe ich geliebt und getragen, bis es nicht mehr ging“, erinnert sie sich. Ein Foto existiert noch.

„Übrig geblieben von unseren deutschen Vorfahren ist, dass wir am Karfreitag kein Fleisch essen.“

Valerie alstadt

In einem Lesebuch von 1863 für Schulkinder ist eine Widmung des Ur-Ur-Großvaters zu lesen. Davon und von den Fotos, die die Weißenbörner noch haben, und dem Brief bekam der Besuch aus Amerika Kopien. „Ich werde das zu Hause allen zeigen“, sagt Alstadt erfreut.

1936 war schon mal ein Verwandter Valeries in Deutschland, zu den Olympischen Spielen in Berlin. Angelika Alstadt selbst war 1920 das letzte Mal in ihrer alten Heimat zu Besuch. Und 1977, so ist Pfarrer Pütz sich sicher, wurde auch nach dem Namen Alstädt in Weißenborn geforscht. Von wem, ist allerdings nicht bekannt. Der Kontakt zur amerikanischen Familie brach ab, als dort die letzten Mitglieder starben, die des Deutschen mächtig waren. Valerie Altstadt studiert Chemie und Germanistik in Pittsburgh und war am Samstag zum vierten Mal in Deutschland. Ihr Vater Richard hatte in den 70er-Jahren angefangen, die familiäre Herkunft zu erforschen und seine Tochter später mit seiner Neugier angesteckt. „Ich bin die Erste von uns, die wieder Deutsch spricht, ich möchte den Kontakt halten“, sagt sie.

Und das will ihre deutsche Verwandtschaft auch: „Ich finde es toll, dass sie sich so für ihre Herkunft interessiert, das hat man selten in dieser Generation“, so Heinisch. Noch am Samstag hat Valerie Weißenborn wieder verlassen, aber 2013 will sie mit ihren Eltern zurückkehren. Die ersten Mails sind am Sonntag schon hin- und hergegangen.

Von Stefanie Bettinger

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