Montags-Interview

„Wild als Schädlinge stigmatisiert“ - Fazit der Bundesjagdgesetzreform heißt Wald vor Wild

Plötzlich nur noch schädlich? Wildtiere wie Rehwild und Rotwild sind der Forstwirtschaft bei der Wiederbewaldung ein Dorn im Auge. Deshalb sieht die Reform der Jagdgesetzgebung deutlich verkürzte Schonzeiten und hohe Abschusszahlen für diese Arten vor.
+
Plötzlich nur noch schädlich? Wildtiere wie Rehwild und Rotwild sind der Forstwirtschaft bei der Wiederbewaldung ein Dorn im Auge. Deshalb sieht die Reform der Jagdgesetzgebung deutlich verkürzte Schonzeiten und hohe Abschusszahlen für diese Arten vor.

Im Montagsinterview sprachen wir mit Dr. Jörg Brauneis vom Jagdverein Hubertus Eschwege über die Novelle des Bundesjagdgesetzes, die vor allem von den großen Jagdverbänden scharf kritisiert wird. Denn die Jäger fordern mehr Schutz für das Wild. 

Werra-Meißner – Die Bundesregierung hat eine Novelle des Bundesjagdgesetzes auf den Weg gebracht, die vor allem von den großen Jagdverbänden scharf kritisiert wird.

Die Jäger fordern mehr Schutz für das Wild. Nicht, um mehr schießen zu können, sondern um die teilweise drohende Ausrottung von Wildtieren zu verhindern. Darüber sprachen wir mit Dr. Jörg Brauneis vom Jagdverein Hubertus Eschwege.

Herr Dr. Brauneis, warum hält die Bundesregierung eine Novellierung des Bundesjagdgesetzes für erforderlich?
Vor allem, weil sie wohl den Eindruck hat, dass die Jäger in Deutschland nicht genügend Rehe, Rothirsche und Wildschweine schießen. Möglicherweise spielte auch der Einfluss von seitens einiger Lobbyverbände auf die Bundesregierung eine Rolle.
Das ist einer der Hauptpunkte, warum die Novellierung bei den großen Jagdverbänden auf so großen Widerstand trifft. Worum geht es?
Grundsätzlich geändert wird der Umgang mit den großen, pflanzenfressenden Wildarten, also besonders mit Rehen und Rothirschen. Hier wird erstmals den Interessen der Forstwirtschaft eindeutig Vorrang vor den Lebensinteressen der Wildtiere eingeräumt.
Aber ohne Wald auch kein Wild, oder?
Das Bundesjagdgesetz war in seiner Geschichte von seinem Selbstverständnis her immer ein Wildtierschutzgesetz. Ziel war es, in dem dicht besiedelten und hoch industrialisierten Deutschland überhaupt noch Wildtierbestände zu erhalten. Gleichzeitig wurden seltene Wildtierarten der Verantwortung und Hegeverpflichtung der Jägerschaft unterstellt, ohne dass diese gejagt werden durften. Dazu gehören beispielsweise Wildkatze und Luchs. Gleichzeitig wurde stets ein Ausgleich mit den Interessen der Land- und Forstwirtschaft gesucht.
Jetzt heißt es aber Wald vor Wild?
Ja. Mit der nun angestoßenen Novelle wird erstmals der Weg des Interessensausgleichs verlassen und die Interessen der Forstwirtschaft werden über die Lebensinteressen der Wildtiere gestellt.
Das bedeutet?
Wildtiere, besonders Rehe und Hirsche, werden als Waldschädlinge stigmatisiert. Dies ist eine Sichtweise, die wir längst überwunden zu haben glaubten. Die demokratische Selbstverwaltung der Jägerschaft und der Grundeigentümer in den Hegegemeinschaften wird ausgehebelt und den staatlichen Forstverwaltungen wird eine unmittelbare Entscheidungsbefugnis bei der Abschussplanung zugebilligt.
Schädling klingt nach etwas, das ausgerottet werden soll?
Ja. Die Jäger haben nun ganz einfach die Sorge, dass das Wild den Interessen der Forstwirtschaft geopfert wird.
Aber sind diese Sorgen überhaupt begründet, die Förster waren doch immer auch die Hüter des Wildes?
Das ist richtig. Seit Einführung einer geregelten Forstwirtschaft in Deutschland waren die Zuständigkeit für Wald und Wild bei den Forstverwaltungen immer in einer Hand. In der Vergangenheit waren es häufig Forstleute, die mit hohem, persönlichem Einsatz die Wildtiere vor Übernutzung und Ausrottung bewahrt haben.
Aber muss denn jetzt in Zeiten der durch den Klimawandel aufgetretenen, großflächigen Waldschäden der Wiederbewaldung nicht absoluter Vorrang eingeräumt werden?
Klimawandel und Klimaschutz sind ja aktuell „Totschlagargumente“, und für unsere Wildtiere gilt das in einem wörtlichen Sinne. Hier werden ökologische und ökonomische Argumente in unzulässiger Weise vermischt. Jede der entstandenen Freiflächen wird sich innerhalb weniger Jahre ohne jedes menschliche Zutun mit einem dichten Vorwald aus Birken, Salweiden, Ebereschen, Aspen usw. bedecken. Weder Rehe noch Rothirsche werden in der Lage sein, auf diese Entwicklung einen nennenswerten Einfluss zu nehmen. Alle großen Pflanzenfresser tragen durch ihre Anwesenheit auch ganz wesentlich zur Artenvielfalt (Biodiversität) im Wald bei, das ist eine biologische Tatsache.
Aber so einen Wald wollen Waldbesitzer nicht?
Genau. Sie wollen einen Wald aus Buchen, Tannen, Douglasien und anderen, wertvolles Holz produzierenden Baumarten – einen Forst. Kein Waldbesitzer ist böse, wenn ein Rothirsch an einer Aspe oder Eberesche frisst, aber bei Buche, Tanne und Douglasie ist dann Schluss mit lustig.
Also um es kurz zu machen: Es gibt kein ökologisches Problem zwischen Wald und Wild?
Nein. Die kommen seit der letzten Eiszeit ganz gut in Europa miteinander zurecht. Es gibt aber ein ökonomisches Problem zwischen den Interessen der holzproduzierenden Forstwirtschaft und Fraßschäden an wertvollen Forstpflanzen durch Wild. Rehe lieben die Knospen junger Bäume, Rotwild schält gern die Rinde ab.
Sollte den Sorgen der Forstwirtschaft nicht auch Rechnung getragen werden?
Unbedingt. Es geht nicht darum, die Bedeutung der Forstwirtschaft oder ihre aktuellen Sorgen kleinzureden. Die Wirtschaftswälder in Deutschland sind außerdem Refugien der Artenvielfalt, und die hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die Einführung der naturnahen Waldbewirtschaftung noch deutlich erhöht. Außerdem erfüllen die Wirtschaftswälder viele soziale Funktionen für die Gesellschaft.
Aber auch zum Wirtschaftswald gehören große und pflanzenfressende Wildtiere.
Ja. Und ihnen muss es erlaubt sein, dort in einer arttypischen Weise, in arttypischen Sozialverbänden mit natürlicher Altersstruktur zu leben. Daran hat sich jegliche jagdliche Nutzung zu orientieren. Den Wildtieren müssen dabei ausreichend große Ruhezonen ohne Jagddruck und ausreichend lange Schonzeiten im Jahreslauf gewährt werden.
Hessen hat die Schonzeit für Rehe bereits auf zwei Monate verkürzt.
Das zeugt nicht von einer pfleglichen Behandlung des Rehwildes. Wenn – wie in Hessen – in zehn von zwölf Monaten im Jahr ununterbrochen Jagd auf Rehe gemacht werden darf. Und lassen wir doch mal alle wildbiologischen Argumente beiseite, irgendwann muss doch jeder Jäger auch mal eine Art Bedauern für die fast rund ums Jahr verfolgte Kreatur empfinden.
Wie lässt sich diese Interessenkonflikt lösen?
Vollständig lösen kann man ihn nicht. Man kann ihn nur minimieren. Eines ist sicher, wir werden den Rehen und Hirschen nicht abgewöhnen, an Pflanzen, auch an wertvollen Forstpflanzen, zu fressen. Aber kluge, wildbiologisch begründete Jagdstrategien können helfen, den Konflikt zu entschärfen.
Welche sind das?
Schwerpunktbejagung an Schadensflächen und Wiederbewaldungsflächen. Dafür erhalten die Wildtiere an anderen Stellen ausreichend große Ruhezonen, in denen Jagdruhe herrscht. Insgesamt muss der Jagddruck deutlich reduziert werden. Es ist eine wildbiologische Binsenweisheit, dass ein hoher Jagddruck Wildschäden im Wald selbst bei niedriger Wilddichte geradezu in die Höhe treibt. Wald- und Wildwiesen müssen erhalten und gepflegt werden, damit sie als Äsungsflächen für das Wild interessant bleiben. Dies dient auch der Artenvielfalt von der Wildkatze bis zur Haselmaus. Neu angelegte Forstkulturen sollten einen breiten Randstreifen aus Kräutern und Büschen erhalten, um stufige Waldinnenränder aufzubauen.
Wie sieht es mit dem Schadensausgleich aus?
Die Erhaltung ausreichend großer Wildtierbestände liegt im gesamtgesellschaftlichen Interesse. Wo die Wildtiere Schäden verursachen, muss für einen gerechten Schadensausgleich gesorgt werden. Da reicht es nicht, einfach zu sagen, na, dann schießt doch einfach mehr Tiere ab. Übrigens sieht das Bundesjagdgesetz seit Langem eine solche Regelung zum Wildschadensersatz vor. In der Praxis funktioniert das aber nur für die Landwirtschaft und für kleine Waldbesitzer. Die großen Waldbesitzer, die in ihrem Wald selbst die Jagd ausüben bleiben de facto auf ihren Wildschäden sitzen.
Dr. Jörg Brauneis

Dr. Jörg Brauneis ist niedergelassener Arzt in Eschwege: Er ist Jäger und Naturschützer und gehört dem Vorstand des Jagdvereins Hubertus Eschwege an. Er engagiert sich besonders für den Wildtierschutz und den Schutz der Wildtierlebensräume

(Von Stefanie Salzmann)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare