60 Jahre Romantische Straße

Die Romantische Straße wird 60 Jahre alt

Von der Würzburger Residenz nach Neuschwanstein - seit 60 Jahren führt die Romantische Straße zu weltbekannten Sehenswürdigkeiten. Unser Autor Peter Leuschner ist ein ganz besonderes Stück gefahren.

Gratulation! Die Romantische Straße, die älteste und immer noch beliebteste deutsche Reiseroute wird 60. Um den „Jubilar“ fit zu halten, wurde jetzt ein Streckenabschnitt ausgewechselt – weil der bisherige Verlauf zwischen Donauwörth und Augsburg durch den vierspurigen Ausbau der B2 zu unromantisch geworden war. Unser Autor Peter Leuschner ist diesen etwa 75 Kilometer langen Abschnitt abgefahren und hat sich mit Menschen an der „neuen“ Romantischen Straße getroffen.

Leitheim: Jutta Freifrau von Tucha

In Schloss Leitheim bin ich mit Jutta Freifrau von Tucher verabredet. Sie und ihr Mann Bernhard organisieren die legendären Leitheimer Schlosskonzerte, die Schwiegervater Albrecht von Tucher 1959 ins Leben rief. Im Rokoko-Festsaal hoch über der Donau, wo am 26. Juni das erste Konzert der Saison 2010 stattfindet, schwärmt die Baronin von der Leichtigkeit des Raums, dem positiven Lebensgefühl, das er ausstrahlt. Fotografiert werden möchte sie vor dem Fresko eines tanzenden Paares – Symbol der Heiterkeit.

Für mich ist es der wunderbarste Konzertraum Deutschlands, stets aufregend schön mit seiner Stuckpracht und dem genialen, sich in den anderen Räumen der Bel Etage fortsetzenden Bilderzyklus der „magischen Vier“: den vier Jahreszeiten, den vier Elementen, den vier Lebensaltern, den vier Temperamenten (Infos und auch Anmeldungen zu Führungen unter Tel. 09097/1066 oder im Internet unter www.schloss-leitheim.de). Berühmtester Gast im Schloss, das seit kurzem im Eigentum der Messerschmitt-Stiftung ist, war im Dezember 1778 Wolfgang Amadeus Mozart.

Kaisheim: Gefängnisdirektor Friedhelm Kirchhoff

Von weitem sieht es aus, als würde Leitheim, der einstige Sommersitz der Zisterzienser-Äbte des nahen Klosters Kaisheim, über dem weiten Donautal schweben. Für einen kurzen Abstecher verlasse ich die Romantische Straße, fahre die sechs Kilometer nach Kaisheim. Kaisheim, Niederschönenfeld bei Rain und Ebrach in Oberfranken sind die drei bayerischen Klöster, die 1802 im Zuge der Säkularisation zu Strafanstalten degradiert wurden. Statt dem Abt residiert im schwer gesicherten Prälatenflügel der Leitende Regierungsdirektor Friedhelm Kirchhoff (58). Er hat die Schlüsselgewalt über 677 Häftlinge und den prächtigen Kaisersaal. Schade: Nur etwa 3000 Gäste besichtigten 2009 für einen Euro Eintritt Kaisersaal und die Ausstellung „Hinter Gittern“ (geöffnet mittwochs bis sonntags, Infos unter Tel. 09099/9990). Über 15 Jahre, sinniert Jurist Kirchhoff, sei er schon in Kaisheim – länger als die meist nach 15 Jahren freikommenden Lebenslangen.

Graisbach: Udo Miller in der Burgruine

Wieder in Leitheim geht es steil hinunter nach Graisbach und gleich wieder hinauf zur Burg-Ruine. In dieser exponierten Lage saßen etwa ab 1250 die einflussreichen Grafen von Lechsgmünd-Graisbach, ein Geschlecht, das schon 1327 wieder erlosch. Wegen der romanischen Burgkapelle St. Pankratius war ich 1980 bereits einmal da. Udo Miller (60) führt mich durch die 5000 Quadratmeter große Ruinen-Idylle, die er und seine Frau Elisabeth 2004 vom Landkreis Donau-Ries in Erbpacht übernommen haben. Seitdem haben sie Enormes geleistet. Von Mai bis September öffnen sie an jedem ersten und dritten Sonntag des Monats von 14 bis 17 Uhr das geschichtsträchtige Areal mit den wuchtigen Steinmauern, den Baumriesen, den Resten eines Bergfriedes und dem tollen Blick in eine unbekannte Landschaft. Romantik und Geschichte pur. Auch angemeldete Führungen (Tel. 0906/7006287) sind möglich. Eintritt 2 Euro.

Thierhaupten: Fritz Hölzl mit Enkelinnen Johanna (re.) und Helena.

In Marxheim biege ich rechts ab Richtung Rain. Leider hat die Donaubrücke in Bruck keinen Aussichtsplatz, um in Ruhe das Schauspiel zu genießen, wie der Lech von der Donau verschlungen wird. Nun wird es brettleben und es winken schon die Doppeltürme der einstigen Zisterzienserinnen-Abtei Niederschönenfeld, jetzt Strafanstalt für jugendliche Erwachsene. Vor der einstigen Klosterschenke, die nun „Il Convento“ heißt, direkt gegenüber der Kirche, treffe ich mich mit dem Miteigentümer Michael Seiffert (61), einem Journalisten-Kollegen, Hobby-Gastronomen und Ex-Kleinkunst-Betreiber. Ihm gehört in Kaisheim auch der Biergarten „Klosterkeller“, wo er in historischem Ambiente neben dem bekannteren Gasthof „Taddäus“ stilvoll mit Familie lebt.

Niederschönenfeld: Michael Seiffert

 „Die Mönche wussten immer schon, wo die schönsten Flecken sind“, verrät er mir, „also habe ich mir hier eine neue Heimat gesucht.“ Das Innere der barockisierten Klosterkirche wird zur Achterbahnfahrt für Kopf und Augen.

Mein Tipp: Konzentrieren Sie sich erst auf einige Details, beispielsweise die Scagliola-Antependien der mittleren Seitenaltäre, diese meisterhaften Stuckmarmor-Vorblendungen mit ihrer Farben- und Formenpracht.

Prominentester Häftling in Niederschönenfeld war übrigens um 1924 Ernst Toller, einer der größten deutschen Dramatiker. Weiter nach Rain, der Tilly- und Dehner-Stadt. Vor dem Rokoko-Rathaus grüßt in Erz gegossen überlebensgroß Johann Tserclaes Graf Tilly, Feldherr der katholischen Liga im 30-jährigen Krieg. Am 15. April 1632 zerschmetterte ihm bei Rain eine schwedische Kanonenkugel das rechte Bein, zwei Wochen später war er tot. Beim Blick in seine Biografie (die brutale Zerstörung Magdeburgs) kommen mir Zweifel, ob immer den Richtigen die Denkmäler errichtet werden.

Lieber hinein in den öffentlichen Blumenpark der Firma Dehner, die in Rain ihren Stammsitz hat, und durch das Gelände der Landesgartenschau 2009.

Schloss Scherneck: Carola Siedler Freifrau von Schaezler.

Nach Thierhaupten sind es genau 14 Kilometer. Hier wartet der frühere Bürgermeister Fritz Hölzl (68) mit den Enkelinnen Johanna (5) und Helena (3) – samt Klosterschlüsseln. Für mich ist er der Retter der ehemaligen Benediktinerabtei und ein Visionär. Als ich 1983 mit ihm zum ersten Mal in dem ebenso riesigen wie maroden Denkmal-Komplex stand, den die Marktgemeinde gerade erworben hatte, bin ich erschrocken. Gegen alle Widerstände aber trieb Hölzl die Renovierung des Konventbaus und der trapezförmigen Ökonomietrakte mit 120 Metern Länge und 90 Metern Breite voran. 17 Jahre war das säkularisierte Kloster, in dem zuletzt nur noch die einstige Eigentümerin Olga Gruner wohnte, eine Mammut-Baustelle.

Inzwischen ist Hölzls Vision Realität geworden: Den mit neuem Leben erfüllten Kloster-Komplex teilen sich u.a. das Bayerische Bauarchiv, Archäologen, der Bezirk Schwaben, Vereine und die Pfarrei. Neben einer Dauerausstellung im Konventbau bietet der „Freundeskreis Kloster Thierhaupten“ Führungen an (Anfragen beim Vorsitzendem Fritz Hölzl, Tel. 082 71/34 18).

Unglaublich: Für etwa eine Million Euro hat der Verein altes Mobiliar, Bücher und Stiche zurückgekauft, die einmal hier waren. So nebenbei erzählt Hölzl, dass Baron Albrecht von Tucher schon vor mindestens 25 Jahren bei ihm war, um Verbündete für eine neue Route der Romantischen Straße über Leitheim und Thierhaupten zu gewinnen. Sie hätte nur bis 18.30 Uhr Zeit, hat mir Carola Siedler Freifrau von Schaezler ausrichten lassen, dann wären 300 Motorrad-Fans auf ihrem Schloss Scherneck bei Rehling zu Gast.

Von hier oben, wo bereits im 14. Jahrhundert eine Burg stand, geht der Blick über ganz Augsburg und das Lechtal. Wir besichtigen die kleine Brauerei, die ausschließlich naturtrübe Spezialitäten braut, und die Ölmühle, wo kaltgepresstes Rapsöl aus eigenem Anbau abgefüllt wird, den noblen Biergarten „Bögenhof“, den Kletterwald von „Robins Wood“, den weiten Schloss­innenhof, der für Konzert-, Opern- und Kabarettabende genutzt wird, das Schlossbräustüberl und die Hochzeits-Schlosskapelle von 1709.

Man spürt es: Carola Siedler Freifrau von Schaezler ist durchaus stolz, dass es gelungen ist, den traditionellen Guts-, Forst- und Braubetrieb in eine vielseitige Gastro- und Kulturszene einzubetten. „Unser Scherneck hat eine positive Ausstrahlung“, so die Baronin, „Freunde sagen mir oft, hier würden sie neue Kraft schöpfen.“ (Infos unter Tel. 08237/255 oder im Internet unter www.schloss-scherneck.de).

Mehr Infos im Internet zur Romantischen Straße

www.romantischestrasse.de

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