Verdi auf Rädern

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Wiege der Opernarien: Durch die beschauliche Landschaft der Poebene führt die Radtour auf Verdis Spuren.

Jährlich im Oktober feiert die norditalienische Region um Parma den Geburtstag Giuseppe Verdis mit einem einmonatigen Festival. Beste Gelegenheit, tagsüber die Lebensstationen...

...des Komponisten bei Radtouren zu besuchen und abends seinen Arien zu lauschen.

Auf gut ausgeschilderten Wegen geht’s durch die grüne Po-Ebene ins Theater des 7000-Einwohner-Städtchens Busseto

Wie praktisch: Im Schlafgemach von Verdis Frau Giuseppina hängt ein Glöckchen unter der Decke. Die daran befestigte Kordel endet im Nebenzimmer am Bett des Komponisten. „Wenn er was Bestimmtes wollte, dann läutete er“, sagt Francesca Celato, unsere Radtour-Leiterin. Nanu, der Maestro – ein triebgesteuerter Macho? Nein, nein, beschwichtigt Francesca. Und erzählt beim Gang durch Verdis Riesenvilla, seinen Weinkeller und die Kutschengarage, wie er hier gelebt hat, auf dem Landgut Sant’ Agata außerhalb seiner Geburtsstadt Busseto.

„Opernbauer“ nennt er sich, züchtet Pferde, pflanzt Wein, und lässt noch heute existierende Teiche in Form seiner Anfangsbuchstaben G und V anlegen.

„Veni, vidi, Verdi“

Der Komponist wurde am 10. Oktober 1813 im Weiler Le Roncole bei Busseto in der norditalienischen Poebene geboren. Jedes Jahr im Oktober findet dort das einmonatige Opernfestival statt.

Genervt hatte sich der Komponist 1851 auf den Landsitz bei Busseto zurückgezogen. Ausgebrannt, nachdem er Opernerfolge wie „Nabucco“ und „Rigoletto“ jahrelang wie am Fließband geschrieben hatte. Vor allem aber verärgert, weil seine Heimatstadt die Liaison mit Sängerin Guiseppina nicht tolerierte. Sie wurde regelrecht geschnitten. „Verdi zahlte es ihnen heim“, sagt Francesca. Wo – das will sie ihren Radl-Gästen nun zeigen. Auf gut ausgeschilderten Wegen geht’s durch die grüne Po-Ebene ins Theater des 7000-Einwohner-Städtchens Busseto. „Diese Mini-Ausgabe der Mailänder Scala mit 400 Plätzen, knarrendem Holzboden und Pappmaché-Verzierungen an den Wänden bauten die Stadtväter zu Ehren Verdis und boten ihm auch eine Loge an“, erzählt Francesca. Der Komponist hat sie für 10 000 Lire gekauft – aber nie betreten.

Nachtragend sind sie nicht in Busseto. Denn heute, stets rechtzeitig zu Giuseppes Geburtsmonat Oktober, gilt hier: „Veni, vidi, Verdi“: Kommen, sehen und Verdi treffen – beim haushohen Denkmal vorm Theater, auf Bannern an jedem Laternenmasten, auf Plattenhüllen im Schaufenster des Bäckers oder auf historischen Plakaten im Haushaltswarengeschäft. Ausschließlich der Blumenladen unter den gemütlichen Arkaden der Via Roma wagt es, hinter dem Türglas nicht den Maestro anzukündigen, sondern einen Gymnastikkurs.

Mit dem Rad durch die Poebene

Francesca lässt ihre Gruppe vor dem Hotel „I due Foscari“ halten. Benannt nach einer Verdi-Oper, geleitet vom Tenor Carlo Bergonzi, wirkt es wie eine Theaterkulisse: In der Halle die mächtige Treppe mit rotem Läufer, plüschige Brokat-Vorhänge an den Fenstern, und beim Frühstück sitzt man auf Chaiselongue und Biedermeier-Stühlen unter einer schweren Kassettendecke. Manchmal singen Kellner die Speisekarte vor – Gesangsschüler, die sich als Servicekräfte ihr Taschengeld aufbessern.

Weiter geht’s per Rad ins Casa Barezzi, das Stadtpalais eines Bussetaner Kaufmanns. Antonio Barezzi nahm den jungen Giuseppe im Alter von zehn Jahren in seine Philharmonische Gesellschaft auf, ließ ihn unterrichten und half finanziell. Direkt am Verdi-Radweg liegt auch das Nationale Verdi-Museum am Rande Bussetos. Nahezu jede der 27 Verdi-Opern hat ihren eigenen Raum in dieser prächtigen Villa.

Italien Emilia Romagna

Auf zur längsten Etappe dieser Radtour – der zu Verdis Geburtshaus im nahen Weiler Roncole. Francesca leitet ihre Gruppe über frisch geteerte Wege, vorbei an etlichen Entwässerungsgräben. „Hier wäre die Karriere Verdis fast zu Ende gewesen, noch ehe sie richtig begann“, erzählt sie. „Zu Fuß war der junge Giuseppe von Busseto nach Roncole unterwegs, um dort im Gottesdienst Orgel zu spielen. Unterwegs stürzte er in einen dieser Gräben und wäre beinahe ertrunken.“

50 Meter neben der Kirche von Roncole steht das Geburtshaus Verdis, im Jahre 1813 eine Poststation mit Wirtschaft, gepachtet von Giuseppes Eltern. Es lässt ahnen, in welch kargen Verhältnissen der Komponist aufwuchs. „Erhalten geblieben ist das windschiefe Haus nur, weil die Gemeinde Roncole es Verdi später partout nicht verkaufen wollte“, erzählt Francesca. Grund: Der grimmige Komponist hatte angekündigt, es sofort abreißen zu lassen, weil er genau das nicht wollte, was diese Radtour ist: Pilgerfahrten zu den Stätten seines Lebens.

„Besuchen Sie nie wieder eine meiner Opern!“

Eine berechtigte Befürchtung schon damals. Seit seinem Erfolg mit „Nabucco“ 1842 ist Verdi ein Star in Italien: Die Leute schwärmen für seine Kleidung, seine riesigen Chöre und die übermütig tutenden Holzbläser. Das ist „unerhört“, weil bis dahin in Opern so nicht vorgekommen. Ebenso unerhört sind seine Honorare. Umgerechnet 750 000 Euro soll Verdi 1871 vom ägyptischen Vizekönig für die Monumental-Oper „Aida“ verlangt haben. Ismael Pascha zahlte anstandslos.

Lebte er heute, dieser verschlossene Opern-Hitschreiber, wäre er wohl ein milliardenschwerer Superstar mit schlagzeilenträchtigen Allüren wie der folgenden: Im Mai 1872 erhielt Verdi den Brief eines Opernbesuchers. Der hatte „Aida“ gesehen, war schwer enttäuscht und verlangte darum von Verdi sein Eintrittsgeld zurück. Der Komponist schickte ihm die Summe, verbunden mit einer Auflage: „Besuchen Sie nie wieder eine meiner Opern!“

Stephan Brünjes

DIE REISE-INFOS ZU VERDI

REISEZIEL Parma und das nahe Busseto liegen in der Poebene in der italienischen Region Emilia Romagna. Die Gegend ist bekannt für Nahrungsmittelproduktion (Schinken, Balsamico, Parmesan-Käse, Nudelfabrik Barilla).

ANREISE Von München über die Brenner-Autobahn nach Parma, ca. 550 Kilometer. Fahrzeit: fünfeinhalb Stunden (mit der Bahn acht Stunden).

WOHNEN Hotel „I Due Foscari“, Dreisternehaus in Busseto, DZ 100 Euro, Tel. 0039-524/930031, Internet: www.iduefoscari.it. Hotel Torino, Parma, gleich neben dem Festival-Theater gelegen, sehr gepflegt. DZ 140 Euro, Tel. 0039-521/281046, www.hotel-tornio.it Weitere Übernachtungsmöglichkeiten in der Emilia Romagna unter www.visitemiliaromagna.de.

KULINARISCH Verdi war auch Hobbykoch, bereitete z. B. Spalla Cotta zu, einen sehr milden, warmen Kochschinken. Den besten dieser Art macht heute ein etwas abgelegenes Restaurant, die Trattoria Campanini in einem Nachbarort Roncoles namens Madonna Prati. Tel. 0039-524 92569.

Im Ristorante alle Roncole, ein paar hundert Meter neben Verdis Geburtshaus, gibt’s leckere Pasta und „Via Emilia“, ein spritziges Bier aus der Mikro-Brauerei des kleinen Ortes. Tel. 0039-524 930015.

VERDI-RADTOUR Die beschriebene Radtour kann man auf eigene Faust oder mit Tourguide unternehmen. Leihräder gibt es in Busseto im Tourismusbüro an der Piazza G. Verdi. Achtung: viele der Räder sind nicht in bestem Zustand! Miete für einen halben Tag: 5 Euro, für den ganzen 10 Euro. Tel. 0039-524 92487. Tourziele: Villa Verdi in Sant‘ Agata Villanova sull Arda, Theater und Hotel I due Foscari und Casa Barezzi in Busseto, Nationales Verdi-Museum und Verdis Geburtshaus in Roncole.

MUSIKALISCH Im Rahmen des Verdi-Festivals gibt es vom 1. bis 28. Oktober Opernaufführungen und Konzerte in Parma, Busseto und anderen Orten. Programm im Internet unter www.teatroregioparma.org.

WEITERE INFOS beim Tourismusverband der Emilia Romagna, im Internet unter www.original-italienisch.de oder www.emiliaromagnaturismo.it.

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