Urteil für Ende Februar erwartet

Ist sein Vater im Straflager? Göttinger Doktorand wirft China Unterdrückungspolitik vor

+
Er ist fasziniert von deutschen Schriftstellern: Tahir Mutällip Qahiri wurde durch Günter Grass zum Deutschstudium inspiriert. Auf dem Campus seiner Göttinger Universität läuft er täglich an einem Denkmal vorbei, das der Literaturnobelpreisträger gestaltet hat.

Der Göttinger Doktorand Tahir Mutällip Qahiri hat seit eineinhalb Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie in China. Der 38-Jährige wusste lange nicht, ob sein Vater lebt. 

Der wurde im September verhaftet und befindet sich seitdem vermutlich in einem Straflager. Für Ende Februar wird ein Urteil erwartet.

Qahiri und seine Familie stammen aus der Stadt Kashgar in der autonomen Region Xinjiang der Volksrepublik China. „Ich akzeptiere den chinesischen Staat“, sagt Qahiri, „aber nicht die Unterdrückungspolitik.“ China halte sich nicht an seine eigene Verfassung – die viele Werte mit dem deutschen Grundgesetz teile.

Als Uigure werde er systematisch diskriminiert. So habe er zum Beispiel keine Berufsperspektive, weil er keinen chinesischen Namen trägt. Viele uigurische Gelehrte würden verhaftet und die Übersetzung ins Uigurische so verhindert. Das bestätigt die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) aus Göttingen. „Ziel ist, dass die neue Generation die Sprache nicht mehr spricht. Sprache ist ein wichtiger Träger von Kultur“, sagt GfbV-Referent Hanno Schedler. Qahiris Vater hatte unter anderem ein Lehrbuch für die uigurische Sprache verfasst.

Tahir Mutällip Qahiri lebt seit 2006 in Deutschland. Er machte seinen Magister an der Uni Göttingen und arbeitete danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Heute gibt er Lehrveranstaltungen in der uigurischen Sprache und schreibt seinen Doktortitel am Seminar für Turkologie und Zentralasienkunde. „Für mich ist Studium alles, Bücher lesen ist alles“, sagt der Göttinger. So habe ihn sein Vater erzogen.

Der vermisste Vater heißt Mutällip Sidiq Qahiri und wurde 1950 in Kashgar geboren, berichtet sein ältester Sohn. Qahiri Senior studierte die uigurische Sprache und Literatur und schrieb über 20 Bücher. Der Pensionär arbeitete an einer Universität, die von der Kommunistischen Partei Chinas gegründet wurde. Seit mehr als 30 Jahren sei er Mitglied der Partei gewesen. Nun wird im vorgeworfen, Propaganda zur Spaltung des Staates betrieben zu haben, sagt sein Sohn.

Mutällip Sidiq Qahiri ist in China verhaftet worden.

Der 69-Jährige leide unter anderem an einer schweren Herzkrankheit und sei auf Medikamente angewiesen – es sei unwahrscheinlich, dass er die im Lager erhalte. Seitdem der Göttinger den Kontakt zu seinen Eltern und den vier Geschwistern verloren hat, leide er unter Depressionen. Nach China zurückzukehren ist für Qahiri keine Option. Er wisse von drei chinesischen Wissenschaftlern, die in Göttingen gearbeitet hätten und bei ihrer Einreise nach China verschwanden.

Die Göttinger NGO prangert die Abschiebung eines uigurischen Asylbewerbers aus Bayern im vergangenen Jahr an. „China ist definitiv kein sicheres Herkunftsland für Uiguren, sondern der gefährlichste Ort auf Erden für sie“, sagt Direktor Ulrich Delius.

Mit Hilfe der GfbV will Qahiri medial und politisch auf die Situation der Uiguren und die Verhaftung seines Vaters aufmerksam machen. Die GfbV hat die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung und die Vereinten Nationen auf den Fall aufmerksam gemacht, sagt Schedler.

Qahiri will in Deutschland arbeiten, forschen und „mit friedlichen Werken die uigurische Kultur erhalten.“ Seine Chancen auf Anstellung sind gut, berichtet sein Doktorvater. Qahiri sei der einzige uigurische Literaturwissenschaftler, der ihm bekannt sei. Die GfbV ermutigt Qahiri weiter zu sprechen, auch wenn es riskant sei. Nur durch mutige Menschen wie ihn war die chinesische Regierung gezwungen, die Existenz der Lager zu bestätigen, sagt Schedler.

"Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) macht immer wieder auf die Situation der Uiguren in China aufmerksam. Als internationale Menschenrechtsorganisation mit Hauptsitz in Göttingen setzt sie sich für verfolgte und bedrohte Minderheiten ein. 

Uiguren sind laut GfbV die zweitgrößte muslimische Bevölkerungsgruppe unter den 23 Millionen Muslimen in China. Als Minderheit innerhalb der Volksrepublik fühlten sie sich seit Jahrzehnten schlechter gestellt, sagt Hanno Schedler von der GfbV, doch in den vergangenen zwei Jahren habe die Verfolgung neue Dimensionen angenommen. Von zehn Millionen Uiguren sitzen nach Informationen der Nichtregierungsorganisation (NGO) schätzungsweise eine Million in sogenannten Umerziehungslagern. 

Diese Lager hätten die chinesischen Behörden lange verschwiegen. Doch Satellitenbilder und Recherchen belegten die Existenz der Neubauten im Norden Chinas und die Einstellung von Wachpersonal, informiert die GfbV. 

Daraufhin habe die chinesische Regierung erklärt, es handele sich bei den Lagern um Weiterbildungszentren zur Förderung benachteiligter Nationalitäten. Später habe China sie als „Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung von Terrorismus“ bezeichnet. 

Aber laut der NGO, die Beraterstatus vor den Vereinten Nationen hat, sollen Uiguren in diesen Lagern politisch umerzogen werden und ihren Glauben aufgeben. Zeugen erzählten von „massiver Einschüchterung, Gehirnwäsche und psychischer Folter mit dem Ziel, ihre Identität zu zerstören.“ Auch von Todesfällen sei berichtet worden. Besonders Personen, die sich im Ausland aufgehalten haben, misstraue die Regierung. 

Neben den eine Millionen langfristig inhaftierten Menschen sollen sich weitere 1,3 Millionen Uiguren kürzeren Zwangsschulungen unterzogen haben, „um ihre Treue zur Kommunistischen Partei zu dokumentieren,“ informiert die GfbV. Der Direktor der Gesellschaft, Ulrich Delius, bezeichnet die Lager als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Außerdem wirft die GfbV der chinesischen Regierung vor, gegen die Bewegungs- und Religionsfreiheit zu verstoßen. 

Denn muslimischen Chinesen werde es zusehends erschwert eine Pilgerreise nach Mekka anzutreten. Die Auflagen für Uiguren seien besonders streng: Sie müssen mindestens 60 Jahre alt sein, sich schriftlich zur Führungsrolle der Kommunistischen Partei bekennen und dürfen nur alleine reisen. Chinesische Muslime in Mekka werden laut GfbV gezwungen, ein Halsband mit GPS- und QR-Code zu tragen. Die Islamische Vereinigung Chinas begründe die Ortungssysteme mit ihrer Sorge um die Sicherheit der Pilger. 

Die deutschen Behörden verhängten im August 2018 einen Abschiebestopp für Uiguren.

www.gfbv.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare