Chile: So verbringen die Verschütteten die Tage

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Der Alltag der 33 verschütteten Bergleute in Chile ist ein wenig komfortabler geworden.

San-José-Mine - Es gibt einen Wäschedienst, drei warme Mahlzeiten am Tag und zum Nachtisch Eiscreme. Der Alltag der 33 verschütteten Bergleute in Chile ist ein wenig komfortabler geworden.

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Zumindest so weit sich das dazu Notwendige durch schmale Bohrschächte Hunderte Meter in die Tiefe hinab befördern lässt. Die Kumpel schlafen auf Feldbetten, die in Einzelteilen ankamen und wieder zusammengebaut wurden. Auch das Telefon für die Gespräche mit den Angehörigen wurde zerlegt geliefert. Dank eines Glasfaserkabels können sie freitags und samstags auch Videoverbindungen mit den Familien über Tage aufnehmen. Die Männer haben sich auf eine lange Wartezeit eingerichtet und einen geregelten Tagesablauf strukturiert, der dem seelischen und körperlichen Wohlergehen ebenso wie dem Zusammenhalt dienten soll. Ziel sei, ihnen “keinerlei Alternative lassen als zu überleben“, bis die Rettungsbohrungen zu ihnen vorgedrungen sind, erklärt der leitende Psychiater der Rettungstrupps, Alberto Iturra Benavides.

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Anfang November, so schätzt die Regierung, kann es soweit sein. “Überleben heißt Disziplin und das Festhalten an einer Routine“, sagt Iturra. In der Freizeit können die Eingeschlossenen Fernsehen schauen: 13 Stunden Programm täglich, meist Nachrichtensendungen, Actionfilme oder Komödien; was eben im Kabel so läuft und nach Urteil der Betreuer nicht zu deprimierend wirkt. Sie haben schon “Troja“ gesehen, “Der seltsame Fall des Benjamin Button“ mit Brad Pitt und “Die Maske“ mit Jim Carrey. Aber keine bewegenden Dramen - “das wäre seelische Grausamkeit“, meint Iturra. Auch Musik-Player mit Kopfhörern oder Spielkonsolen gibt es nicht, weil sie die Männer voneinander isolieren könnten. “Wenn sie mit Kopfhörern Musik hören, und jemand ruft sie um Hilfe oder zur Warnung, kriegen sie nichts mit““, erklärt Iturra. “Was sie brauchen, ist Gemeinschaft.“

“Da hast du keine Angst mehr“

Das Zusammensein war es auch, das die Männer am 5. August rettete. Als der Schacht über ihnen einbrach, hatten sie sich gerade zum Mittagessen im Schutzraum versammelt, einem etwa vier mal vier Meter großen Raum mit verstärkter Decke, der auch als Pausenraum diente. Wenig früher oder später wären viele von wohl unter Tonnen Gestein zermalmt worden. So fanden sie sich in einer etwa 360 Meter langen Höhle mit Verbindung zu einem weiteren Werkstattraum wieder. Mehrere Maschinen waren vorhanden, eine Chemietoilette und Brauchwasser und ein kleiner Notvorrat an Nahrung, der sie ohne Verbindung zur Außenwelt am Leben hielt. “Sie waren 17 Tage lang im Dunkeln, sie konnten die ersten fünf Tage vor Staub kaum atmen“, schildert Iturra. “Und dann sagten sie sich: 'Ich bin nicht gestorben.' Da hast du keine Angst mehr.“

Am 22. August drang eine Bohrung zu den Verschütteten durch. Seither ist die Schar der Retter und Helfer auf über 300 Personen gewachsen. Neben den Bohrtrupps gehören Fernmeldetechniker dazu, Ärzte, Psychologen, Wäscher und Köche. Während sie schichtweise für die Eingeschlossenen sorgen, haben auch die sich harte Arbeit verordnet, wie Iturra berichtet. In drei Gruppen zu je elf Mann arbeiten auch sie in drei Schichten und kommen mittags zum gemeinsamen Essen zusammen. Nach dem Frühstück - Kaffee oder Tee mit Milch und ein Schinken-Käse-Brot - geht es ans Werk: Es gilt, das aus der Rettungsbohrung rieselnde Geröll beiseite zu räumen, den Müll zu entsorgen, die Toilette zu leeren und sich um die “Palomas“ (Brieftauben) genannten Behälter zu kümmern, in denen Nachschub herabgelassen wird. Schnell werden Lebensmittel, frische Kleidung, Medikamente, Briefe der Familie und anderes aus den Hülsen geholt und für den Rückweg nach oben beispielsweise Schmutzwäsche hineingestopft. Jede Tour nach unten dauert zwölf bis 15 Minuten, vier Minuten das auspacken und fünf Minuten das Hochziehen.

114 Kubikmeter Frischluft pro Stunde

 Mindestens drei Mann sind ständig an dem Bohrloch mit den Palomas beschäftigt. Durch eine andere Bohrung laufen Kommunikationsstränge, Strom, Luft und Wasser. Mindestens 100 Liter Wasser täglich und rund 114 Kubikmeter Frischluft pro Stunde werden nach unten gepumpt. Das ermöglicht den Männern zu duschen und lindert etwas die Hitze unter Tage. So ist in tieferen Teilen der Höhle die Temperatur von 32 auf 28 Grad zurückgegangen. Gegen die Luftfeuchtigkeit von 90 Prozent lässt sich aber wenig ausrichten.

Immerhin bleiben bei den Temperaturen die gelieferten Mahlzeiten schön warm und müssen nur noch ausgepackt werden. Die Männer erhalten rund 2.200 Kalorien täglich und haben nach den Hungerrationen der ersten 17 Tage schon wieder etwas zugelegt, wie der Arzt José Diaz berichtet. Raucher bekommen nun auch Zigaretten, aber Alkohol bleibt ausgeschlossen. Die Männer wissen, dass ihr Überleben letztlich von ihnen selbst abhängt. Deshalb gibt es neben den Gesprächen mit den betreuenden Psychologen und regelmäßigen Gebetsstunden eine Art Gruppentherapie: Nach dem Motto “Karten auf den Tisch“ kommen sie zusammen, um sich über Erfolge, Pläne und Meinungsverschiedenheiten auszusprechen.

dapd

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