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Lockdowns waren „Ausdruck von Verzweiflung“: Virologe Streeck zieht Corona-Zwischenfazit

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Von: Patrick Huljina

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Virologe Hendrik Streeck beklagt, dass die Effektivität der Corona-Maßnahmen in Deutschland kaum messbar ist. Einige Daten seien „mit Vorsicht zu genießen“.

Bonn - Seit inzwischen mehr als zwei Jahren ist das Coronavirus ein stetiger Begleiter im Alltag. In den letzten Wochen hat sich die Lage in Deutschland jedoch weitgehend entspannt. Die Infektionszahlen sind gesunken, viele Maßnahmen wurden aufgehoben. Experten warnen allerdings schon vor einer neuen Welle im Herbst und Winter. Wie gut ist Deutschland darauf vorbereitet? Wie sinnvoll waren die bisherigen Maßnahmen der Politik? Und wie verlässlich sind überhaupt unsere Corona-Zahlen? Virologe Hendrik Streeck zog nun ein Zwischenfazit.

Corona-Zahlen in Deutschland: Virologe Streeck beklagt „Blindflug“

Die Sieben-Tage-Inzidenz war lange Zeit einer der wichtigsten Werte der Corona-Pandemie. Mit ihr standen und fielen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus. Inzwischen ist sie eher zu einer Randerscheinung geworden. Laut Robert Koch-Institut (RKI) liegt die bundesweite Inzidenz derzeit bei 201,7. Begleitet wird der Wert allerdings von dem Hinweis, dass er kein vollständiges Bild der Infektionslage liefert.

Für den Virologen Hendrik Streeck ist der Inzidenzwert ebenfalls „mit Vorsicht zu genießen“. Das erklärte er in einem Interview mit der Schweizer Tageszeitung Blick. Der Wert hänge von vielen Faktoren ab: Wie, wo, wann und wer wird getestet? Über die Dauer der Pandemie habe es „kein einheitliches Vorgehen“ gegeben, so Streeck. In Teilen sei man im Blindflug unterwegs gewesen. „Und wir sind es noch immer“, stellte der Virologe klar.

Corona in Deutschland: Streeck geht von 95 Prozent Schutzquote aus

„Wir wissen in Deutschland nicht einmal, wie viele Menschen geimpft oder wie viele genesen sind“, erklärte Streeck weiter. Man sei hier ebenfalls auf Schätzungen angewiesen. Als Arzt sei es ihm „letztlich egal“, ob jemand durch Infektion oder Impfung zu seinen Antikörpern kommt, „aber wir sollten wissen, wie viele Menschen über eine geeignete Immunantwort auf Sars-CoV-2 verfügen.“

Am besten geschützt seien allerdings Menschen, die sowohl geimpft als auch genesen sind. Laut Streeck zeichnet sich aus Studien ebenfalls ab, dass Genesene „mindestens eine ebenso gute Immunantwort wie Geimpfte“ haben. Der Virologe schätzte die Schutzquote in Deutschland derzeit auf 95 Prozent. „Wir befinden uns in einem schleichenden Prozess zur Endemie, bei der genügend Menschen zumindest eine Grundimmunität haben“, so Streeck. Die Risikogruppen müsse man dennoch weiterhin besonders schützen.

Virologe Hendrik Streeck.
Virologe Hendrik Streeck hat ein Zwischenfazit zur Corona-Pandemie gezogen. (Archivbild) © Fabian Sommer/dpa

Um gut durch den Herbst und Winter zu kommen, schlug der Virologe in seinem Blick-Interview folgende Maßnahmen vor: „Wir sollten das Abwasser monitoren, um zu besseren Daten zu kommen, wir sollten auf Eigenverantwortung setzen, das Impfen fortführen und die Risikogruppen gezielt schützen.“

Virologe Streeck mit Corona-Zwischenfazit: Lockdowns waren „Ausdruck von Verzweiflung“

In der Vergangenheit verhängte die Politik bei steigenden Corona-Zahlen immer wieder Lockdowns. Die sind aus Sicht von Streeck nicht mehr notwendig. „Ein Lockdown war ganz zu Beginn aus meiner Sicht gerechtfertigt, weil man nicht wusste, mit welchem Virus man es zu tun hatte – und weil es weder Geimpfte noch Genesene gab“, erklärte der Virologe. Danach seien Lockdowns aber „nicht mehr gerechtfertigt, sondern Ausdruck von Verzweiflung“ gewesen.

Masken sind laut Streeck eine effektive Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Bei richtigem Tragen schützen Alltagsmasken zu 30, OP-Masken zu 50 und FFP2-Masken zu 80 Prozent, erklärte er. „Man infiziert sich selber seltener, und man gibt das Virus seltener weiter“, so Streeck.

Virologe Streeck: Schlechte Datenlage erschwert Bewertung der Corona-Maßnahmen

Ein weiteres wichtiges Instrument im Kampf gegen die Pandemie bleiben die Corona-Impfungen. Sie schützen zwar nicht vor einer Infektion, sind aber „hocheffektiv im Schutz vor einem schweren Verlauf von Covid-19“, versicherte Streeck. Seltene Nebenwirkungen, wie beispielsweise Herzmuskelentzündungen, seien möglich. „Allerdings sind solche Entzündungen bei einer Infektion über zehn Mal wahrscheinlicher als bei einer Impfung“, sagte der Virologe.

Welche Corona-Maßnahmen waren effektiv, welche nicht? Diese Frage lässt sich laut Streeck „leider nicht mal in Teilen“ beantworten. Dafür sei die Datenlage nicht gut genug. Die Politik habe zu Beginn der Pandemie, getrieben von schlimmen Szenarien, schnell und ohne gesichertes Wissen entschieden. „Das war auch richtig“, stellte der Virologe klar. Aus seiner Sicht wäre es jedoch sinnvoller gewesen, Maßnahmen „nacheinander und schrittweise einzuführen und nacheinander wieder zurückzunehmen und jedes Mal genau das Infektionsgeschehen zu beobachten.“

Auch Streeck geht von einem Anstieg der Corona-Infektionen im kommenden Herbst und Winter aus. Die Saisonalität des Virus sei gegeben und verlaufe in Wellenbewegungen. „Wir können die Spitzen brechen“, so der Virologe. Zudem könne man dafür sorgen, dass Risikogruppen geschützt sind und sich das Gesundheitssystem „um Leute mit schweren Verläufen kümmern kann.“

In Portugal sorgen derzeit die Omikron-Untervarianten BA.4 und BA.5 für einen Anstieg der Corona-Fallzahlen. Für Weltärztechef Montgomery ist das ein Warnsignal. (ph)

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