Sprossen-Tests: Erste Proben keimfrei

Hannover - Am Montagnachmittag sollen die ersten Ergebnisse der Sprossen-Untersuchungen in Niedersachsen geliefert werden. Wie jetzt bekannt wurde, sind die ersten 23 Proben alle EHEC-frei.

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Mit Nachdruck arbeiten die niedersächsischen Behörden an dem Nachweis des gefährlichen EHEC-Erregers auf Sprossen. Vermutlich am Montagnachmittag würden die ersten Ergebnisse aus dem Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) vorliegen, sagte der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums, Gert Hahne, auf dapd-Anfrage in Hannover. Bei den ersten Proben soll es sich um Untersuchungen von dem in dem Uelzener Gartenbaubetrieb verwendeten Wasser sowie Tupferergebnissen von Arbeitstischen und Belüftungssystemen handeln. Möglicherweise werden diese Ergebnisse noch keinen Nachweis für den EHEC-Erreger liefern, sagte Hahne. Die Grünen und der Verbraucherzentrale Bundesverband kritisierten unterdessen das Krisenmanagement der Bundesregierung.

Stammt der EHEC-Erreger aus diesem Bauernhof?

Stammt der EHEC-Erreger aus diesem Bauernhof?

Trotz der Hinweise auf Sprossengemüse aus Niedersachsen steht für Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) der Ursprung der gefährlichen Darmerkrankungen in Deutschland noch nicht fest. Es gebe zwar deutliche Indizien, dass ein Betrieb aus Uelzen eine Quelle der Infektionen mit dem EHEC-Bakterium sei, sagte Bahr. Noch bestehe aber keine Sicherheit. Auch der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, äußerte sich zurückhaltend.

Inzwischen wurde bekannt, dass die als EHEC-Quelle infrage kommenden Sprossen auch nach Hessen geliefert wurden. Zwei Kantinen in Frankfurt am Main sowie eine Kantine in Darmstadt verwendeten Sprossen des Unternehmens, wie ein Sprecher des Umweltministeriums in Wiesbaden sagte. In diesen Kantinen hatten die meisten der in Hessen Erkrankten gegessen. Die Rückverfolgung der Ware sei nicht einfach, weil Sprossen gewöhnlich in kleinen Mengen gekauft und nicht lange aufbewahrt würden. Die Auswertung dauere mehrere Tage.

Wissenschaftlicher untersuchen Gene des aktuellen EHEC-Erregers

In Münster begannen Wissenschaftler derweil mit einem Abgleich der Gene des aktuellen Erregers und eines früheren Stamms. Die Forscher erhoffen sich davon “wertvolle Hinweise darüber, was den aktuellen Ausbruchsstamm so aggressiv macht“, sagte Alexander Mellmann vom Institut für Hygiene in Münster. “Zum jetzigen Zeitpunkt erwarten wir allerdings noch keine unmittelbar diagnostisch oder gar therapeutisch verwertbaren Ergebnisse aus der Analyse“, fügte er hinzu. Die Untersuchungen sollen den Angaben zufolge zeigen, warum und in welcher Form sich der aktuelle Erregerstamm HUSEC041 (O104:H4) gegenüber einem zehn Jahre alten Erregertyp verändert hat. So verfügt der aktuelle Ausbruchsstamm zum Beispiel über eine neue Antibiotikaresistenz.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin verwies darauf, dass es sich um “einen der weltweit größten bislang beschriebenen Ausbrüche von EHEC beziehungsweise HUS und dem bislang größten Ausbruch in Deutschland“ handele, wobei insbesondere die Alters- und Geschlechterverteilung ungewöhnlich sei. Nach wie vor seien Erwachsene, überwiegend Frauen, davon betroffen.

EHEC: Was die Bauern mit ihrer Ware machen

EHEC: Was die Bauern mit ihrer Ware machen

Bundesweit sind bislang 21 Menschen im Zusammenhang mit EHEC-Infektionen gestorben. Die Zahl der übermittelten EHEC-Fälle ist nach RKI-Angaben seit Anfang Mai auf 1.601 gestiegen. An dem gefährlichen Hämolytisch-Urämischen Syndrom (HUS) seien inzwischen 630 Personen erkrankt. 75 Prozent dieser HUS-Fälle stammten aus Schleswig-Holstein (451), Niedersachsen (348), Hamburg (226) und Nordrhein-Westfalen (188).

Unterdessen forderte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast einen “nationalen Kontrollplan“ mit einer Checkliste möglicher Übertragungswege vom Bauern über die Verarbeitung bis zum Restaurant. Bislang würden weder die Suche nach den Infektionsherden noch die Laborforschung bundesweit koordiniert. “Man kann nicht darauf warten, dass die Experten irgendwann miteinander telefoniert haben“, sagte Künast der “Berliner Zeitung“.

Ihre Stellvertreterin Bärbel Höhn warf der Regierung vor, die Krise vollkommen unterschätzt zu haben. Die Regierung habe erst reagiert, als der Druck in der Öffentlichkeit immer größer wurde, sagte sie der “Passauer Neuen Presse“ (Montagausgabe).

Verbraucherzentrale kritisiert Informationspolitik der Behörden

Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) kritisierte die Informationspolitik der Behörden. Es sei “ein bisschen unglücklich, wenn einzelne Landesminister dann vorpreschen mit Befunden“, sagte der Leiter des Fachbereichs Gesundheit, Stefan Etgeton, im Deutschlandfunk. Er äußerte den Wunsch, dass die Kommunikation möglichst vom RKI ausgeht. “Ich hätte mir auch jetzt in Niedersachsen gewünscht, dass man gemeinsam mit dem RKI die Dinge kommuniziert und auch einordnet“, sagte er. Bereits zuvor habe es Unklarheiten und Unstimmigkeiten bei den Warnungen gegeben.

EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die Bundesregierung verteidigte sich erneut gegen Vorwürfe, in der EHEC-Krise vorschnell spanische Gurken als mutmaßliche Ursache genannt zu haben. “Der Erreger ist derart aggressiv, dass wir jeder Spur nachgehen mussten“, sagte Gesundheitsstaatssekretärin Annette Widmann-Mauz am Montag bei einem Treffen der EU-Gesundheitsminister in Luxemburg. Die ungarische EU-Ratspräsidentschaft teilte derweil mit, dass am Dienstag ein Sondertreffen der europäischen Gesundheitsminister zur EHEC-Krise stattfindet. Dabei solle nach Möglichkeiten gesucht werden, die von der Epidemie betroffenen Landwirte zu unterstützen, erklärte die Ratspräsidentschaft.

Als entlastet sieht sich inzwischen der Lübecker Gastwirt, der am Wochenende auf der Suche nach der EHEC-Infektionsquelle ins Visier der Ermittler geraten war. Im Lokal seien keine Erreger festgestellt worden, sagte Joachim Berger, der Besitzer des Lübecker “Kartoffelkellers“ sowie von zwei weiteren Restaurants in der Stadt. Getestet wurden den Angaben zufolge Stuhlproben von 11 der 35 Mitarbeiter. Dies betraf Angestellte in der Küche.

Ministerium: Erste Sprossen-Proben EHEC-frei

Die ersten 23 von 40 untersuchten Sprossen-Proben aus dem verdächtigen Betrieb im niedersächsischen Kreis Uelzen sind EHEC-frei. Das teilte das niedersächsische Verbraucherministerium am Montag mit. Bei den übrigen Proben liefen weitere Untersuchungen.

Aigner: Warnung vor Verzehr von Sprossen bleibt Berlin

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) hält im Kampf gegen die EHEC-Infektionswelle die Warnung vor dem Verzehr von Sprossen trotz fehlender Nachweise weiterhin für angebracht. Sie halte es für richtig, an dem Verzehrhinweis festzuhalten, “solange der Verdacht nicht vollständig ausgeräumt ist“, sagte Aigner am Montag in Berlin. Bei den Untersuchungen der Sprossen aus einem Betrieb in Niedersachsen handele es sich “um eine wichtige Spur, die mit allem Nachdruck weiter verfolgt werden muss“.

Der in Verdacht stehende Betrieb sei gesperrt und dessen Produkte seien vom Markt genommen worden. Sie sei mit den zuständigen Landesbehörden einig, was zu tun sei, damit “nur unbelastete Ware auf den Markt gelangt“. Bund und Länder arbeiteten “Hand in Hand, und zwar rund um die Uhr“, um die weitere Ausbreitung von EHEC zu stoppen. “Für die Bundesregierung hat der Kampf gegen EHEC höchste Priorität“, betonte Aigner. Sie wies Kritik an der Regierung und den Behörden zurück.

dapd/dpa

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