Angst vor dem eigenen Mann

Immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt - Experte: "Man dachte, dieses Denken sei überwunden"

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Faustschläge und Tritte: Immer mehr Frauen werden zum Opfer häuslicher Gewalt. In den meisten Fällen ist es der eigene Mann, der die Betroffene blutig prügelt oder gar vergewaltigt. Noch immer ist es unter Opfern weit verbreitet, sich selbst die Schuld für die Misshandlungen zu geben.

Oft geben sich die Opfer die Schuld: Häusliche Gewalt kommt immer häufiger vor. Ein Experte erklärt im Interview, warum das Thema noch immer ein Tabu ist.

Häusliche Gewalt hinter verschlossenen Türen – der Täter ist der eigene Mann oder Freund. Immer mehr Frauen werden Opfer, und die finden sich in allen sozialen Schichten des Landes wieder, sagt eine Statistik des Bundeskriminalsamts. Stalking, Vergewaltigung und Nötigung sind in vielen Fällen trauriger Alltag. Welche Auswirkungen das hat, erklärt der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth gegenüber der HNA*.

Herr Wirth, die Anzahl von häuslicher Gewalt in Partnerschaften nimmt laut der Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) zu. Überrascht Sie das?

Hans-Jürgen Wirth: Ich finde es in der Tat überraschend. Man geht eigentlich davon aus, dass Gewalt in der Gesellschaft moralisch sanktioniert und negativ bewertet wird. Trotzdem steigt die Zahl der Taten.

Warum werden Männer gegenüber ihren Frauen gewalttätig?

Wirth: Männer haben generell eine höhere Bereitschaft, Konflikte mit Gewalt zu lösen, als es bei Frauen der Fall ist. Diese Täter verfügen nur über eine mangelnden Regulation ihrer Gefühle und Aggressionen. Der andere Grund ist, dass eine Einstellung besteht, dass man als Mann ein Recht hat, sich gegen Frauen, speziell auch gegen die eigene Frau, durchzusetzen. Notfalls mit Gewalt. Das ist ein patriarchalisches Denken, von dem man dachte, es ist überwunden.

Laut der Statistik des BKA sucht sich nur jede fünfte betroffene Frau Hilfe. Warum?

Wirth: Zum einen die Angst vor dem eigenen Mann, der die Hilfesuche als Verrat ansieht und seine Macht ihr gegenüber nochmal ausspielt. Auch großes Schamgefühle gegenüber der Familie und den eigenen Kindern bremsen die Frauen aus. Deswegen verheimlichen sie die Gewalt.

Also gilt es noch immer als Tabu, über häusliche Gewalt zu sprechen?

Wirth: Genau, denn es wirft auf den Ehepartner ein schlechtes Bild – schließlich hat die Frau ihn mal ausgewählt und mit ihm Kinder, kann man salopp sagen. Sie schämt sich sowohl für sich selbst als auch für ihn mit. Und oft geben sich die Opfer dann selbst die Schuld an ihrer Lage.

Sind Kinder eine Erklärung, weshalb Opfer häuslicher Gewalt sich nicht von ihren Männern lösen?

Wirth: Auf jeden Fall. Sie haben Angst, die Kinder im Stich zu lassen, allein, bei dem gewalttätigen Mann. Die Wahrscheinlichkeit, dass er gegenüber den Kindern brutal wird, ist nicht ausgeschlossen. Es ist eine wahnsinnig verzwickte Situation, denn selbst wenn die Frau Gewalt erlebt hat, ist oftmals noch eine emotionale Bindung vorhanden.

Ordnen sich die Frauen durch diese emotionale Bindung den Interessen des Mannes unter – auch, um nicht geschlagen zu werden?

Wirth: Das kann eine Strategie sein. Trotzdem finden die gewalttätigen Männer Gründe, ihren Frauen etwas anzutun, oder werden noch herrschsüchtiger. Die Männer empfinden es als Bestätigung, nach dem Motto: „Wenn sie das akzeptiert, kann ich mich weiterhin so verhalten und mich durchsetzen“.

25 Prozent der von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen sind psychischer Gewalt wie Nötigung ausgesetzt. Welche Folgen hat das für sie?

Wirth: Es beeinflusst das Selbstwertgefühl negativ. Sie fühlen sich entwertet. Für die Frauen bricht eine Welt zusammen. Auch außerhalb der Beziehung haben die Opfer Probleme, sich wertgeschätzt zu fühlen.

Was können die Frauen tun?

Wirth: Frühzeitig Hilfe suchen. Ansonsten an ein Frauenhaus wenden oder auch bei der Polizei Anzeige erstatten.

Von Nela Müller

*HNA.deist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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