Foreign Policy

Frauen können Kriege besser beenden – doch sie sitzen nicht am Verhandlungstisch

11.11.2017, Bosnien-Herzegowina, Tuzla: Mitglieder der „Mütter von Srebrenica“ halten Fotos von Menschen hoch, die seit dem Massaker von Srebrenica als vermisst gelten oder ums Leben kamen.
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11.11.2017, Bosnien-Herzegowina, Tuzla: Mitglieder der „Mütter von Srebrenica“ halten Fotos von Menschen hoch, die seit dem Massaker von Srebrenica als vermisst gelten oder ums Leben kamen.

Obwohl die Politik immer diverser wird, ist die Friedensstiftung nach wie vor fast ausschließlich Männersache. Warum?

  • In der Friedensstiftung haben Frauen besondere Fähigkeiten – wenn sie denn mit am Verhandlungstisch sitzen würden.
  • Frauen sind laut Kolumnistin Janine di Giovanni in der Regel nicht die Akteure, die in den Kampf ziehen, sondern diejenigen, die später versuchen, die Scherben einer zerrütteten Gesellschaft wieder zusammenzusetzen.
  • Die Autorin ist überzeugt: Diversere Beiträge zu Friedensprozessen werden positive Auswirkungen auf die Ergebnisse haben.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 10. Oktober 2021 das Magazin Foreign Policy.

In der Komödie Lysistrate des griechischen Dichters Aristophanes aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. schmieden die Frauen des antiken Athen und Sparta einen raffinierten Plan, um den Krieg zwischen den beiden Stadtstaaten zu beenden. Sie verweigern ihren Männern den Sex, bis diese den Kampf einstellen und Frieden schließen. Dies ist vermutlich die originellste und effektivste Strategie zur Friedensstiftung, die je entwickelt wurde.

Auch wenn die von Aristophanes beschriebene Methode nicht unbedingt dazu geeignet ist, Kriege unserer Zeit, wie beispielsweise die immer noch andauernden Kriege in Syrien und in der äthiopischen Region Tigray*, zu beenden, hat die damit verbundene Aussage bis heute Gültigkeit: Wenn Frauen sich an den Verhandlungstisch setzen, um Konflikte zu lösen, bringen sie oft einzigartige Fähigkeiten zur Friedensstiftung mit.

Doch wie kommt es dann, dass – im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen der Politik und der Politikgestaltung – so wenige Frauen als Verhandlungsführerinnen, Vermittlerinnen oder Community Organizer an Friedensprozessen oder als Mediatorinnen bei sogenannten Track-2-Dialogprozessen beteiligt sind? Warum bleibt es immer noch fast ausschließlich Männern vorbehalten, über Fragen von Krieg und Frieden zu entscheiden?

Frauen können besser Kriege beenden – doch sie sitzen nicht am Verhandlungstisch

Mittlerweile gibt es so viele Studiengänge, Thinktanks und Zoom-Konferenzen, die sich mit dem Thema „Frauen, Frieden und Sicherheit“ beschäftigen, dass sich dafür schon die englische Abkürzung WPS („Women, Peace and Security“) eingebürgert hat. So fand beispielsweise am 21. Oktober die jährliche offene Debatte der Vereinten Nationen zum Thema WPS statt. Die Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ findet große Beachtung, vermittelt den Beteiligten das Gefühl, etwas Wichtiges voranzutreiben, und erfüllt alle Anforderungen der jeweiligen Geldgeber.

Doch leider bleibt WPS dabei nicht viel mehr als ein technokratischer Begriff. Obwohl ich eine dieser Frauen bin und mich für Frieden und Sicherheit einsetze – ich habe beispielsweise mit den Vereinten Nationen zusammengearbeitet, gebe an der Yale University Kurse in Friedens- und Konfliktforschung und habe mehrere Bücher und zahlreiche Artikel zum Thema Frieden und Sicherheit verfasst – konnte ich doch jahrelang nichts mit diesem Begriff anfangen. Was genau ist mit WSP gemeint? Soll die Zivilgesellschaft dazu gebracht werden, eine aktivere Rolle bei der Beilegung von Konflikten zu übernehmen? Sollen Frauen zukünftig eine führende Rolle am Verhandlungstisch übernehmen? Oder sollen mehr Frauen in der Friedensförderung ausgebildet werden?

Theoretisch hören sich alle diese Forderungen gut an, in der Praxis finden sich jedoch nur wenige Beispiele dafür. In der bahnbrechenden Resolution 1325 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen wurden die unverhältnismäßigen, geschlechtsspezifischen und gravierenden Auswirkungen von Konflikten auf Frauen und Mädchen anerkannt. Mit der Resolution wurde das Ziel verfolgt, die Beteiligung von Frauen zu erhöhen und „geschlechtsspezifische Perspektiven in die Friedensverhandlungen einzubeziehen“. Die Regierungen sollten nationale Aktionspläne zur Unterstützung von Frauen als Friedenstifterinnen umsetzen.

Friedensstiftung: Kaum Frauen bei Lösung von Konflikten beteiligt – und das Beispiel von Asma al-Assad

In den gegenwärtigen auf der ganzen Welt wütenden Konflikten sehe ich jedoch kaum Frauen, die Friedensgespräche führen oder darüber entscheiden, welche Teilnehmer zu einer Friedenskonferenz eingeladen werden. In Syrien, im Jemen und in anderen Kriegsgebieten sind die Friedensbemühungen der Vereinten Nationen durch Störfeuer einzelner Mitgliedsstaaten, die von einer Fortführung der jeweiligen Konflikte profitieren, zum Stillstand gekommen. Daher ist zunehmend die Tendenz zu beobachten, dass private Organisationen zur Konfliktlösung, wie das in Genf ansässige Zentrum für humanitären Dialog, die Berghof Foundation in Berlin oder auch das European Institute of Peace in Brüssel, die Grundlagen für den Track-2-Dialog, d. h. für informelle, sich hinter den Kulissen abspielende Friedensprozesse, schaffen.

In Track 2 werden in der Regel die ersten Schritte zur Beendigung eines Konflikts von Vertretern der Zivilgesellschaft ausgearbeitet. Zu den Akteuren dieser Ebene zählen häufig religiöse Würdenträger und – so wird es zumindest angestrebt – Frauengruppen. Obwohl Frauengruppen einen wichtigen Teil der Zivilgesellschaft bilden, sind sie in diesem Bereich nur selten vertreten. Interessanterweise werden alle der drei oben genannten Konfliktlösungsorganisationen von Männern geleitet, die früher leitende Positionen bei den Vereinten Nationen innehatten.

Auch die Frauen aus dem nächsten Umfeld der Kriegstreiber könnten einen großen Einfluss ausüben. Die einflussreichen Ehefrauen von Staatsoberhäuptern sind jedoch nicht immer Friedensstifterinnen, auch wenn sie es sein sollten. Die Geschehnisse könnten durchaus eine andere Wendung nehmen, wenn sie dazu aufgefordert würden, ihren Einfluss bei Friedensprozesse geltend zu machen. Die Ehefrauen hochrangiger militärischer Befehlshaber sind ebenfalls einflussreich und haben oft sogar einen größeren Einfluss auf ihre Ehemänner als deren engsten Berater. Da sie oft selbst Mütter sind, sollten sie Mitgefühl zeigen. Sie könnten zur Verhinderung von Massakern oder schweren Menschenrechtsverletzungen beitragen.

Man denke nur an Asma, die Ehefrau des syrischen Staatschefs Baschar al-Assad, die schwieg, als ihr Mann 2013 einen Giftgasangriff auf Ghouta, einen Vorort von Damaskus, verübte, dem zahlreiche Kinder zum Opfer fielen. Dies geschah nur kurz nachdem sie der Vogue ein berüchtigtes Interview gegeben hatte (das inzwischen aus dem Internet entfernt wurde), in dem sie über ihre Kinderhilfsorganisation sprach. Asma hat geschwiegen, als ihr Mann die Häuser von Familien in Homs bombardierte und Aleppo mit Fassbomben dem Erdboden gleichmachte* und dabei auch die Zerstörung von Schulen und Krankenhäuser in Kauf nahm.

Die Ehefrauen von Diktatoren und ihre Rolle – Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern

Asma schwieg ebenfalls, als ihr Mann mit seiner Strategie des Aufgebens oder Verhungerns die Menschen in Muʿaddamiyyat asch-Scham zu Tode hungern ließ. Sie hätte ihren Mann daran erinnern können, dass auch er Kinder hat, und ihn fragen können, wie er sich fühlen würde, wenn sie das gleiche Schicksal erleiden würden. Wie die starken Frauen in Lysistrate hätte sie ihre Beziehung zu ihrem Mann geltend machen können, aber sie entschied sich dagegen.

Das Gleiche gilt für Mirjana Marković, die Ehefrau des ehemaligen jugoslawischen Staatschefs Slobodan Milošević. In den 1990er Jahren, als Milošević das Land durch gleich vier Kriege auseinanderriss, galt seine Frau als mächtigste Einflüsterin im Hintergrund. Im Juli 1995, als in Srebrenica 8.000 bosniakische Jungen und Männer regelrecht abgeschlachtet wurden, war Marković vermutlich mit ihrem Mann in Belgrad. Milošević stand an der Spitze der Befehlskette, und er war ganz vernarrt in seine Frau. Sie hätte auf ihn einwirken und den Völkermord möglicherweise verhindern können. Jedoch war Marković selbst eine leidenschaftliche Nationalistin und hat ihren Mann vielleicht sogar zu der schrecklichen Tat gedrängt. Dies zeigt erneut, dass die Ehepartner von Politikern oft eine so wichtige Rolle spielen, dass sie nicht einfach ignoriert werden können.

Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern im Silicon Valley und in Hollywood ist für jedermann klar erkennbar. Aber das wichtigste Ungleichgewicht, nämlich jenes, das den entscheidenden Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen kann, ist in Friedensprozessen zu beobachten. Im Jahr 2018 gab das Weltwirtschaftsforum an, dass lediglich 4 Prozent der zwischen 1992 und 2011 geschlossenen Friedensabkommen von Frauen unterzeichnet wurden. In den Verhandlungsteams waren sie mit nur 9 Prozent vertreten. In starkem Kontrast zu diesem Befund stehen die Ergebnisse von Studien, die zeigen, dass die Einbindung von Frauen ein entscheidender Faktor für das Zustandekommen eines dauerhaften Friedens ist. In dem Bericht wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass Frauen in Liberia, Nordirland und auf den Philippinen maßgeblich an der Beilegung kriegerischer Konflikte beteiligt waren.

Gesetz unter Trump: Frauen als Akteure des Wandels bei der Vermeidung und Schlichtung von Konflikten

Es ist durchaus nicht so, dass bisher keine Versuche unternommen wurden, mehr Frauen an Friedensverhandlungen zu beteiligen. So haben die Vereinigten Staaten* im Jahr 2017 als erstes Land der Welt ein umfassendes WPS-Gesetz beschlossen. Darin heißt es, dass durch die WPS-Strategie der US-Regierung die vielfältigen Rollen anerkannt werden, die Frauen als Akteure des Wandels bei der Vermeidung und Schlichtung von Konflikten, der Bekämpfung von Terrorismus und gewalttätigem Extremismus sowie der Schaffung von Frieden und Stabilität in der Zeit nach der Beilegung von Konflikten spielen.

Laut dem Gesetzestext zielt die WPS-Strategie darauf ab, Frauen zu einer relevanten Führungsrolle im politischen und zivilen Leben zu verhelfen. Um dies zu erreichen, sollen Frauen dabei unterstützt werden, Führungspositionen zu besetzen und in dieser Rolle einen signifikanten Beitrag zu Friedensverhandlungen zu leisten. Weiterhin sollen ihnen die erforderlichen Kompetenzen vermittelt und entsprechende Unterstützungsangebote gemacht werden, die sie für ein erfolgreiches Agieren in diesen Führungspositionen benötigen, und ihnen sollen Möglichkeiten und Ressourcen zur Beteiligung an Friedensverhandlungen zur Verfügung gestellt werden. Ironischerweise wurde dieses Gesetz zur Förderung der Gleichberechtigung von Frauen unter einem der frauenfeindlichsten Präsidenten* in der Geschichte der USA verabschiedet.

Wie so viele andere Regierungsberichte habe ich auch dieses Gesetz mehrere Male gelesen und frage mich immer noch, was es genau bedeutet – und wie es in der Praxis umgesetzt werden soll.

Nach Angaben von UN Women steigt bei der Beteiligung von Frauen an einem Friedensprozess die Wahrscheinlichkeit, dass der ausgehandelte Frieden länger als zwei Jahre anhält, um 20 Prozent.

Janine di Giovanni

Was die Förderung der Frauenrechte und das Engagement von Frauen für die Friedensförderung angeht, stehen die skandinavischen Länder immer noch mit weitem Abstand an der Spitze. Finnland war das erste Land in Europa, in dem Frauen das Wahlrecht erlangten. Auch im Hinblick auf die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Politik hat das Land eindrucksvolle Erfolge vorzuweisen. Bei einem berühmten inoffiziellen Jahrestreffen von Friedensstiftern in Norwegen habe ich jedoch nur eine Handvoll Frauen gesehen, die meisten davon in der Funktion als Sonderbeauftragte mächtiger Männer.

(Feministische Außenpolitik*: Beim Kampf gegen den Klimawandel müssen die Vereinigten Staaten größer denken. Hier ein Vorschlag, wie das aussehen kann.)

Hillary Clinton und Margaret Thatcher – Frauen werden oft als Opfer des Krieges dargestellt

Gleichzeitig scheinen die wenigen mächtigen Frauen in der Politik oft gerade nicht einen Weg der Friedensstiftung zu beschreiten. So führte die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher ihr Land 1982 in den Falklandkrieg und die damalige First Lady der USA, Hillary Clinton, sah tatenlos zu, wie ihr Mann mit einer Intervention in Ruanda und Bosnien so lange zögerte, bis es zu spät war.

Frauen werden oft als Opfer des Krieges dargestellt, vor allem als Opfer sexueller Gewalt. Dabei haben Frauen durchaus Macht. Nach Angaben von UN Women steigt bei der Beteiligung von Frauen an einem Friedensprozess die Wahrscheinlichkeit, dass der ausgehandelte Frieden länger als zwei Jahre anhält, um 20 Prozent. Gleichzeitig hat der UN-Sicherheitsrat dazu aufgerufen, Frauen stärker in die Schlichtung von Konflikten einzubinden. Ein eindrückliches Beispiel für Konfliktlösungsbestrebungen, die aus der Bevölkerung erwachsen, sind die „Mütter von Srebrenica“, eine einflussreiche Interessenvertretung und Lobbygruppe, die nach dem Völkermord in der bosnischen Stadt 1995 gegründet wurde.

Eine von UN Women durchgeführte Analyse von 40 Friedensprozessen seit dem Ende des Kalten Krieges zeigt, dass in den Fällen, in denen Frauen einen starken Einfluss auf den Verhandlungsprozess ausüben konnten, die Wahrscheinlichkeit einer Einigung wesentlich höher war als in den Verhandlungen, in denen Frauengruppen nur einen schwachen oder gar keinen Einfluss geltend machen konnten. In den Verhandlungen mit starkem weiblichen Einfluss wurde fast immer eine Einigung erzielt.

Diversere Beiträge zu Friedensprozessen werden positive Auswirkungen auf die Ergebnisse haben

Wenn wir wirklich damit beginnen wollen, WPS tatsächliches inhaltliches Gewicht zu verschaffen, müssen wir mehr Frauen darauf vorbereiten, vor Ort und in Track-2-Prozessen mitzuwirken. Mehr Frauen müssen lernen, wie man organisiert, moderiert und verhandelt. Diese Kompetenzen werden ebenso wie die Entscheidungsfindung noch allzu häufig Männern überlassen. In Friedensprozessen in Ländern wie Mali, dem Südsudan und der Zentralafrikanischen Republik waren Frauen in geradezu erschreckender Weise unterrepräsentiert. Nur in Kolumbien, wo nach einem langen und blutigen Krieg heute immer noch Frieden herrscht, waren die Frauen in größerem Umfang in den Friedensprozess eingebunden.

Vielfältigere Beiträge zu Friedensprozessen werden sicherlich positive Auswirkungen auf die Ergebnisse dieser Prozesse haben. Schließlich sind Frauen in der Regel nicht die Akteure, die in den Kampf ziehen, sondern diejenigen, die später versuchen, die Scherben einer zerrütteten Gesellschaft wieder zusammenzusetzen. Sie wissen, was getan werden muss, wie man heilen und gebrochene Menschen wieder zu neuem Lebensmut verhelfen kann.

Meiner Meinung nach sollte die Lysistrate in ihrer Funktion als metaphorisches Modell für die erfolgreiche Planung und Umsetzung von Friedensprozessen für jeden Regierungschef der Welt zur Pflichtlektüre gemacht werden. Dabei sollten wir uns an die weisen Worte der Titelfigur Lysistrate erinnern: „Wir ertrugen es stets in der vorigen Zeit und im Jammer des Krieges geduldig, Sittsamer Natur, wie wir Frauen nun sind, wie ihr Männer auch immer es triebet. Wir durften nicht mucksen, so hieltet ihr uns! [...] Wenn aber hier die Frau‘n zusammenkämen, Die von Boiotien, die vom Peloponnes, Und wir – wir, einig, könnten Hellas retten!“

von Janine di Giovanni

Janine di Giovanni ist Kolumnistin bei Foreign Policy, Senior Fellow am Jackson Institute for Global Affairs der Yale University, Gewinnerin mehrerer Journalistenpreise und Autorin von The Vanishing: Faith, Loss, and the Twilight of Christianity in the Land of the Prophets (erscheint im Oktober 2021).Twitter: @janinedigi

Dieser Artikel war zuerst am 10. Oktober 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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