Reaktionen aufs Grass-Gedicht: Spott im Netz

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Die Samstagausgabe der "Süddeutschen Zeitung" vom 26.05.2012 mit dem Gedicht des deutschen Schriftstellers Günter Grass zu Griechenland

Berlin - Literaturnobelpreisträger Günter Grass stößt mit seinem neuen Gedicht „Europas Schande“ im Internet auf Spott und Häme. Selbst Politiker und Intellektuelle nehmen ihn nicht mehr ernst.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat mit seinem neuen Gedicht „Europas Schande“ bei Politikern und Intellektuellen ein verhaltendes Echo ausgelöst. „Insgesamt sollte man Günter Grass nicht mehr ganz so ernst nehmen“, sagte der Vorsitzende des Europaausschusses im Bundestag, Gunther Krichbaum, am Samstag im Deutschlandradio Kultur. Die Kritik in seinem Gedicht, in dem Grass die Griechenlandpolitik Europas anprangert, „geht an der Wirklichkeit völlig vorbei“, sagte der CDU-Politiker. Andere Politiker und Schriftsteller-Kollegen hielten sich auffallend mit Kommentaren zu Grass' neuem Werk zurück.

„Griechenland wurde enorm geholfen mit enormen Kraftanstrengungen, die aber letztlich ja nicht von den Staaten kommen, sondern von den Bürgern und aus ihrem Portemonnaie“, sagte Krichbaum. „Und es wäre hilfreich gewesen, wenn sich Günter Grass vielleicht etwas vertiefter mit der Situation auseinandergesetzt hätte.“

Hämische Reaktionen im Internet - und ein angeblicher Fake

Im Internet löste das Grass-Gedicht dagegen hämische Reaktionen aus. „Am meisten Schiss bei einem EM-Aus der deutschen Mannschaft habe ich vor dem anschließenden Gedicht von Grass“, schreibt beispielsweise ein Nutzer auf Twitter. Ein anderer meint: „Morgen exklusiv in der SZ: Günter Grass neues Gedicht "Eurovisions Schande". #ESC“.

Zudem sorgte ein Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über ein angebliches Fake des Grass-Gedichtes in der „Süddeutschen Zeitung“ für Verwirrung im Netz. „Dem Satiremagazin "Titanic" ist es gelungen, ein Gedicht unter dem Namen "Günter Grass" im Feuilleton der "Süddeutschen Zeitung" zu platzieren“, stand am Wochenende zunächst online, dann gedruckt in der „FAS“. Die Nachricht verbreitete sich im Internet in Windeseile - obwohl das Grass-Gedicht in der „SZ“ gar kein Fake war.

Verwirrung über angebliches Fake

„Das #Grass Gedicht zu Griechenland kam von der Titanic? Großartigst“, hieß es am Abend beim Kurznachrichtendienst Twitter, und: „Ein dreifaches Huzzah für die Titanic!“. „nein, bitte, ist das wahr? das neue grass-gedicht ist von titanic?“, reagierten andere Nutzer ungläubig und folgten blind der Massenmeinung. Ein anderer Twitterer schrieb zu der Aufregung im Internet: „Allein die Tatsache, dass der #Titanic dieser #Grass Stunt locker zugetraut wird, sagte schon viel aus über Deutschlands Großintellektuelle.“

Stefan Plöchinger, Chefredakteur von „Sueddeutsche.de“, griff aus dem Urlaub in Paris ein und stellte klar: „Wer gerade wegen der FAZ an #Grass' Europa-Gedicht zweifelt, hier liest der Autor es selbst: http://www.ndr.de/ndrkultur/grass197.html“ twitterte er. Und: „Ironie funktioniert nie. Aus den Tweets der vergangenen Stunden kann man das lernen...“. Auf die verwirrte Frage eines Nutzers „So, wer wurde jetzt getrollt, die #FAZ oder die #SZ?“ kam von ihm die Antwort: „Alle, die getwittert haben, die Titanic habe die SZ getrollt“.

dpa

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