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PARTEI-Politiker bezahlte Minderjährige für sexuelle Handlungen und ließ sich filmen – Videos landeten im Internet

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Videos zeigen den Politiker Dirk Waldhauer von der Partei DIE PARTEI bei sexuellen Handlungen mit Minderjährigen und jungen Frauen. Über Jahre bezahlte er sie dafür und ließ er sich dabei filmen. Die Aufnahmen landeten im Internet – gegen den Willen der Betroffenen. In mehreren Videos sind sexuelle Übergriffe durch Waldhauer zu sehen. Der sagt, alles sei abgesprochen gewesen. Ganz neu ist das Thema für DIE PARTEI jedenfalls nicht. Von im Internet verfügbarem pornografischem Material ihres ehemaligen Direktkandidaten Waldhauer weiß sie seit Jahren - und machte sich unter Parteilogo sogar darüber lustig. „Dass sich in diesem unter anderem Inhalte befanden, welche sexualisierte Gewalt darstellten und strafrechtliche Relevanz haben, war nicht bekannt“, teilt sie nunmehr anlässlich unserer Recherche mit.

- von Isabell Beer -

In diesem Artikel werden Schilderungen sexueller Gewalt wiedergegeben, die ungewollte Emotionen auslösen können.

Anna sagt, als Dirk Waldhauer das erste Mal Sex mit ihr hatte, sei sie 13 oder 14 Jahre alt gewesen. Wie alt genau, da ist sie sich nicht mehr sicher. „Ich war in einer schlimmen Lebenssituation“, sagt sie heute. Sie habe damals keinen Kontakt zu ihren Eltern gehabt und in einem Wohnheim gelebt, aus dem sie an diesem Abend mit einer Freundin ausgebüchst sei. 

Vor einem McDonald’s in der Erfurter Innenstadt seien die Mädchen auf Waldhauer und einen Freund von ihm getroffen, erinnert sich Anna. Waldhauer hat lange dunkelblonde Haare und ist da Ende 30, wirkt jedoch deutlich älter. Die Männer hätten sie angesprochen. „Sie wollten uns kennenlernen und später haben sie uns gefragt, ob wir mit zu ihnen möchten, was trinken.“ Noch an dem Abend sei es zu sexuellen Handlungen gekommen – unter Einfluss von Alkohol.

Inzwischen ist Anna Anfang 30. Es kostet sie viel Überwindung, über ihre Erlebnisse zu sprechen, sagt sie.  Ihren Namen haben wir geändert. „Anvertraut, so komplett, habe ich mich bis heute noch niemandem. Ich habe ein, zwei Personen einen Bruchteil erzählt, aber nicht alles, weil ich mich schäme.“  Wenn Anna spricht, wirkt sie entschlossen. Auch wenn ihr die Stimme manchmal versagt – nach einer kurzen Pause macht sie weiter. Sie möchte erzählen, was dieser Mann ihr angetan hat. Sie wünscht sich, dass er „seine gerechte Strafe dafür kriegt“.

Update (05. Juni 2022, 09 Uhr): PARTEI richtet Hilfsangebote für Betroffene ein und löst Kreisverband auf

Die PARTEI löst als Reaktion auf diese Recherche ihren Kreisverband Erfurt auf. Zudem stellt der Landesverband Thüringen bis auf Weiteres seine Arbeit ein. Das erklärte die Partei in einer am 4. Juni veröffentlichten Stellungnahme. Man bitte Betroffene um Entschuldigung und biete Ihnen sowohl Hilfe von einer externen, unabhängigen Beratungsstelle wie auch durch einen Unterstützungsfonds an, hieß es weiter. Gegen Dirk Waldhauer habe man Strafanzeige gestellt; einem Parteiausschluss sei dieser durch seinen Austritt aus der PARTEI zuvorgekommen. „Von dem gegen den Willen der Betroffenen veröffentlichen Video- und Fotomaterial, der sexuellen Gewalt, der Manipulation und dem Missbrauch Minderjähriger“ habe der Bundesvorstand allerdings erst durch die Anfrage von IPPEN INVESTIGATIV erfahren und distanziere sich daher von dem Vorwurf, „wir hätten uns jemals über diese sexualisierte Gewalt lustig gemacht“.

Update (31. Mai 2022, 15 Uhr): Landesvorstand tritt gesammelt zurück

Zwei Tage nach dem Rücktritt des Landesvorsitzenden der PARTEI in Thüringen tritt nun auch der gesamte Landesvorstand zurück. Wie DIE PARTEI Thüringen auf ihrer Webseite erklärte, wolle man damit die Verantwortung für einen „unreflektierten Umgang“ mit Dirk Waldhauer übernehmen. Der kommende Landesparteitag, ursprünglich bis Ende September geplant, werde unbestimmt verschoben. „Bis dahin stellt der Landesverband sein politisches Geschäft ein. Vielleicht können wir in Zukunft wieder als Landesverband Thüringen Politik machen, dies allerdings erst, wenn der Sachverhalt lückenlos aufgeklärt wurde und ein glaubhafter Umbruch stattgefunden hat.“, hieß es weiter.

Update (28. Mai 2022, 15 Uhr): Landesvorsitzender erklärt seinen Rücktritt

Als Reaktion auf diese Recherche hat sich der Landesverband Thüringen der PARTEI in einem Statement öffentlich von Dirk Waldhauer distanziert. Die Laube auf Waldhauers Grundstück diene ab sofort nicht mehr als Veranstaltungsort der PARTEI. Der Landesvorsitzende trete mit sofortiger Wirkung zurück, die beiden übrigen Mitglieder des Landesvorstands würden zur nächsten Vorstandswahl nicht mehr antreten. In der Stellungnahme erklärte der Landesvorstand zudem, über die Nachfragen von „Ippen Investigativ“ nicht informiert gewesen zu sein. Stattdessen habe der Thüringer Landesvorsitzende die Fragen im Alleingang beantwortet. Der Landesvorstand versprach vollständige Aufklärung. Auch der Bundesverband der PARTEI äußerte sich in einer ersten Stellungnahme und erklärte, Strafanzeige gegen Dirk Waldhauer gestellt zu haben.

Für Geschlechtsverkehr bezahlt worden – mit 14

Anna verfolgen die Erlebnisse auch deshalb bis heute, weil Waldhauer und sein Freund Aufnahmen von ihren Treffen gemacht haben – und diese nach wie vor im Internet zu finden sind, mit Annas echtem Vor- und Nachnamen im Titel. Sie sei für sexuelle Handlungen bezahlt worden, sagt Anna. Da sei sie 14 gewesen. Diese Vorwürfe lassen sich aus den Handlungen und Gesprächen in den Videos erhärten und belegen. Es sei ausgemacht gewesen, dass die Aufnahmen nur für den Privatgebrauch seien. Das belegt ein Video. 

In einer ersten schriftlichen Antwort schreibt Waldhauer an Ippen Investigativ: „Jugendpornografie ist mir nicht vorzuwerfen.” Später erklärt er sich zu einem Telefonat bereit, das wir mitschneiden und zitieren dürfen. In einem mehrstündigen Gespräch räumt er einige der Vorwürfe dann ein. 

Waldhauer bestätigt das Zusammentreffen mit Anna. Wann genau es war, das wisse er nicht mehr. Als frühesten Zeitpunkt nennt er den Monat nach Annas 14. Geburtstag. Anna habe damals gesagt, sie sei 18. Er habe das geglaubt, so Waldhauer. Geschlechtsverkehr an diesem Abend bestreitet er, es sei aber später dazu gekommen.

Waldhauer gibt auch zu, dass er Anna als 14-Jährige für sexuelle Handlungen bezahlt habe, aber er habe sie damals für volljährig gehalten. „Es gab sexuelle Handlungen und es gab Geld. Da hat das eine mit dem anderen nichts so weit zu tun”, sagt Waldhauer, und dass die Initiative von den Mädchen ausgegangen sei. Doch etliche Szenen in den Videos, die Ippen Investigativ ausgewertet hat, erwecken einen anderen Eindruck.

Zwei Monate nach dem ersten Treffen sei eine Polizistin bei ihm aufgetaucht und habe ihm gesagt, dass Anna erst 14 Jahre alt und ausgebüchst sei.

Ippen Investigativ liegt ein Video vor, das offenbar Monate später entstanden ist. Waldhauer nennt darin das Datum. Zu diesem Zeitpunkt wusste er nach eigenen Angaben schon, dass Anna 14 war. Dennoch sind in dem Video sexuelle Handlungen zwischen ihm und dem Mädchen zu sehen. 

Als wir ihn damit konfrontieren, sagt er: „Ja, da war das Kind aber auch schon mehr oder weniger, man muss es so sagen, in den Brunnen gefallen.” 

Viele Monate Recherche, unzählige Aufnahmen

Anna ist nicht die Einzige, die derartiges mit Dirk Waldhauer erlebt hat. Ippen Investigativ hat tausende Fotos und mehr als 200 Videos auf Porno-Plattformen gefunden, die sich Dirk Waldhauer zuordnen lassen, diese Videos in monatelanger Arbeit gesichtet und ausgewertet.

Die ausgewerteten Videos wurden zwischen 2003 und 2017 aufgenommen und zwischen 2013 und 2022 ins Internet gestellt. Sie zeigen unter anderem sexuelle Übergriffe durch Dirk Waldhauer, von denen er sagt, sie seien abgesprochen gewesen, und ihn beim Sex mit Minderjährigen. Einige der Vorwürfe gegen Waldhauer wären damit strafrechtlich nicht verjährt.

Insgesamt hat Ippen Investigativ mehr als ein Dutzend Frauen und Mädchen in den Aufnahmen identifiziert. Von einigen wurden die Personalausweise, Handynummern und Social-Media-Profile hochgeladen. Bei zahlreichen Videos, die auf Porno-Plattformen veröffentlicht wurden, stehen die Klarnamen der Frauen und Mädchen mit im Video-Titel. Mit mehreren der Frauen konnten wir für diese Recherche sprechen.

Nach unseren Informationen sind gegen Waldhauer in den vergangenen Jahren mehrere Strafanzeigen gestellt worden, in den meisten Fällen erfolglos. Zwei der Einstellungsbeschlüsse liegen uns vor. 

Die Recherchen von Ippen Investigativ haben nun dazu geführt, dass ein Ermittlungsverfahren gegen Waldhauer und einen weiteren männlichen Tatverdächtigen eingeleitet wurde – wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen und des öffentlichen Zugänglichmachens sowie des Besitzes jugendpornographischer Inhalte.

Eigentlich sollte diese Recherche schon im Februar 2022 erscheinen. Da eine Konfrontation von Dirk Waldhauer mit unseren Fragen zu diesem Zeitpunkt nach Einschätzung einer Strafrechtsexpertin aber die Ermittlungen gefährdet und womöglich zur Vernichtung von Beweismaterial geführt hätte, entschied sich Ippen Investigativ dazu, die Konfrontation um einige Wochen zu verschieben.

Waldhauers politischer Werdegang in der PARTEI

Waldhauer tritt 2013 in die Partei DIE PARTEI ein – dem Jahr, in dem unseren Recherchen zufolge die ersten pornografischen Aufnahmen aus Waldhauers Umfeld im Internet landen. Vier Jahre später, im Herbst 2017, ist Dirk Waldhauer thüringischer Spitzenkandidat der PARTEI für die Bundestagswahl.

Damals kündigte Parteichef Martin Sonneborn in einem Interview mit der taz an, seine Partei plane „einen reinen Sex-Wahlkampf, der an Primitivität und Plakativität nicht zu überbieten ist”.

Entsprechend sieht 2017 die Wahlwerbung der PARTEI Thüringen aus. Ein Wahlplakat zeigt Dirk Waldhauer zwischen den Beinen einer Frau in Strapsen. Auf einem anderen Motiv verspricht er „einen extrem schmutzigen Wahlkampf“, auf einem weiteren „Mehr Geld! Mehr Sex! Mehr Bier!“ All das war zu diesem Zeitpunkt offizielle Wahlwerbung. Die Facebook-Seite der PARTEI teilt damals das Motiv von Waldhauer zwischen den Beinen einer Frau und schreibt dazu: „Dirk „WALDI“ Waldhauer, der beste Direktkandidat, den Erfurt je hatte.”

Während des Wahlkampfes berichtet die Regionalzeitung Thüringer Allgemeine darüber, dass es von Waldhauer Porno-Bilder im Netz gebe. Vom Landesvorsitzenden der Partei heißt es im Artikel: „Ich weiß, dass unser Direktkandidat im Privaten spezielle Neigungen pflegt. Es steht mir allerdings nicht zu, diese zu bewerten, solange nichts strafrechtlich Relevantes darunter ist.“ Die „Neigungen“ hätten immer wieder die Polizei beschäftigt – „ergebnislos“. Die PARTEI nutzt die Berichterstattung im Anschluss für ihren Wahlkampf. Sie verbreitet den Artikel auf Twitter und kommentiert: „Wir haben einen hemmungslosen Sex-Wahlkampf versprochen!“ Bei der Wahl erhält Waldhauer zwei Prozent der Stimmen.

Auf dem Bundesparteitag 2018 treffen Martin Sonneborn und Dirk Waldhauer aufeinander. Ein Foto zeigt die beiden, Sonneborn lacht Waldhauer an.  

Waldhauer musste als Parteimitglied offenbar keine ernsthaften Konsequenzen tragen. Er trat 2019 erneut für die PARTEI zu einer Wahl an. Die Mitglieder nominierten ihn damals auf Platz sechs ihrer Liste für die Wahl zum thüringischen Landtag. 

2020 geriet DIE PARTEI in die Kritik, als das Magazin VICE von übergriffigen Mitgliedern in der Partei und sexuellen Belästigungen durch Partei-Kollegen berichtete. Die Betroffenen hatten sich damals in einem Brief an Parteichef Martin Sonneborn gewandt.

„Ja, das ist auch für Geld passiert.”

Anna sagt, dass sie auf das Geld für die sexuellen Handlungen angewiesen war. „Ich habe es wirklich dringend gebraucht”, erzählt sie. „Sonst hätte ich womöglich nie sowas in der Form gemacht.

Im Interview gibt Waldhauer zu, Sex mit Anna gehabt zu haben – zu einem Zeitpunkt, als er bereits wusste, dass sie minderjährig war. „Ja, ich habe mit einer Frau, die noch nicht 18 war, geschlafen. Gebe ich offen zu, wissentlich. Ganz einfach, weil, ich sag‘ mal, es hat mich gereizt.” Das sei nur einmal gewesen. Szenen in weiteren Videos widersprechen dieser Darstellung. 

Zu diesem angeblichen einen Mal sagt er: „Ja, das ist auch für Geld passiert.” Das Video dazu ist uns bekannt. Waldhauer gibt an, er habe es selbst gedreht. Damit hat er wissentlich Jugendpornografie hergestellt. Außerdem handelt es sich aufgrund der Bezahlung juristisch gesehen um Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger. Die Erstellung von Jugendpornografie stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht unter Strafe. Da die Verjährungsfrist für beide Straftatbestände zudem ohnehin nur fünf Jahre beträgt, kann Waldhauer dafür nicht mehr strafrechtlich belangt werden.

Waldhauer sei manipulativ, sagt Anna. Er habe sich Frauen ausgesucht, denen es nicht gut ging. Manche seien in ihn verliebt gewesen. „Ich denke, er hat den Mädchen, vor allem den minderjährigen, das erzählt, was sie hören wollten und hat sie so ein Stück weit in ihren Gefühlen bestärkt.“ Waldhauer bestreitet das. „Ich weiß nicht, wer das sein soll, der an psychischen und emotionalen Belastungen litt.” Ihm seien keine derartigen Probleme bei den Mädchen oder betroffenen Frauen bekannt. 

Anna berichtet, dass manchmal andere Männer zu den Treffen gekommen seien, die sich „mit den Mädchen vergnügt haben“. Auf manchen Videos sind weitere Männer zu sehen, die Sex mit den Betroffenen haben. Das bestätigt Waldhauer. Es habe sich um Bekannte der Frauen gehandelt. Das sei abgesprochen gewesen, die Frauen hätten dem zugestimmt – und: „Ich habe mich nie an dem Scheiß bereichert”, sagt er. 

Die Folgen der Veröffentlichungen

Wir haben versucht, so viele betroffene Frauen wie möglich zu kontaktieren. Bei einigen Betroffenen findet man heute, viele Jahre später, über eine Google-Suche direkt auf der ersten Seite Links zu pornographischen Seiten mit Fotos und Videos aus dieser Zeit. Einzelne Frauen konnten wir am Telefon oder bei einem persönlichen Treffen sprechen. Zitiert werden möchte keine von ihnen – außer Anna.

Die Frauen, mit denen wir sprechen konnten,  beschreiben Waldhauer als netten, kumpelhaften Menschen. Jemanden, bei dem man sich wohlfühlt. Waldhauer betreibt einen Fahrradladen, hat einen Dackel. Bei den Treffen in den Videos wird viel getrunken. Auf den Videos zeigt Waldhauer sein Gesicht, Frauen nennen ihn vor der Kamera „Waldi“, Waldhauers Freund, der häufig filmt, nennt ihn vor den Mädchen öfter „Onkel Walter”. Viele der Videos sind bei Waldhauer zu Hause oder in der Wohnung seines Freundes entstanden. Einige Frauen sagen, dass vieles ohne Alkohol nicht passiert wäre. Viele sagen, dass sie sich schämen. Und alle sagen, dass sie vereinbart hätten, dass die Videos nicht veröffentlicht werden.

Eine erzählt, dass sie sich von ihrem Freund distanziere, ohne es zu wollen, seine Berührungen kaum noch ertrage, nachts wach liege, seit sie von der Veröffentlichung der intimen Aufnahmen erfahren habe. Manche der Frauen beschreiben, dass sie sich sozial isolieren und ihr Aussehen verändern, um nicht erkannt zu werden. Einige fürchten, bei der Arbeit gefeuert zu werden oder keinen Job mehr zu finden, wenn mögliche Arbeitgeber ihren Namen googeln. Anna erzählt, dass bei ihr immer die Rollläden unten sein müssen, das Zimmer abgedunkelt. „Meine Freunde, die kennen mich nur so. Und die sagen: ‚Ach, du lebst wie eine Fledermaus.‘ Das ist aber nur, weil ich mich beobachtet fühle. Das ist so ein Knacks, den ich dadurch bekommen habe.“ 

Manchmal wirken die Mädchen in den Videos stark betrunken bis apathisch. Das fällt auch den Besuchern der Pornoseiten auf: Manche kommentieren, dass die Betroffenen aussehen, als seien sie unter Drogen gesetzt worden.  

Waldhauer bestreitet das. Über eines der Videos sagt er, das Mädchen darin sei nicht betrunken, sondern: „Sie hatte kurz vorher ihren ersten Orgasmus. Die war komplett weg, die war völlig neben sich sich, neben der Spur, aber okay als solches, völlig okay. Sie war eben wirklich nur sehr irritiert.” Auf Alkohol sei ihr Zustand jedenfalls nicht zurückzuführen. „Alkoholisiert, wenn ganz geringfügig, also eigentlich nicht.”

„Das ist nicht bösartig gemeint”

In einigen der Aufnahmen, die Ippen Investigativ ausgewertet hat, sind extrem menschenverachtende und rassistische Handlungen zu sehen. Waldhauer gibt im Gespräch zu, eine Frau mit rassistischen und sexistischen Ausdrücken beschriftet zu haben. „Ich weiß, was ich da drauf geschrieben habe. Und ich wollte das auch nicht unbedingt. Aber bei den richtig Perversen zieht‘s halt und bringt ein paar Klicks und ein bisschen Geld.” Es habe sich um unbezahlte Auftragsarbeiten für die Frau gehandelt.

Waldhauer äußert sich in der Abwesenheit mancher Frauen herabwürdigend über sie, als wären sie keine Menschen, sondern Objekte. Eine bezeichnet er als „ganz schön abgegriffenes Teil“, über eine andere sagt er, sie sei eine „perverse Drecksau“ und: „Das merkt die gar nicht“, also, dass sie den Schmerz nicht spüre. Zu einer Frau sagt Dirk Waldhauer in einem Video, ihre Brüste seien zu nichts mehr zu gebrauchen und: „Da musst du wieder schwanger werden.“

„Das ist nicht bösartig gemeint”, sagt Waldhauer. Es habe sich um Running Gags und Scherze gehandelt. 

Mehrere Frauen, mit denen Dirk Waldhauer und sein Freund zu tun hatten, werden in dieser Zeit schwanger. Mindestens zwei Frauen rauchen oder trinken während der Schwangerschaft, als sie bei Waldhauer in der Wohnung sind, wie Fotos zeigen. 

Waldhauer bestreitet das nicht. „Eine Person, die hat prinzipiell immer geraucht und Bier getrunken während der Schwangerschaft. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Die Frau hat man in der Stadt auch immer nur mit einer Flasche Bier gesehen. Also ich habe sie nicht dazu ermutigt.” In der Bierflasche der anderen Schwangeren sei Wasser oder Apfelsaft gewesen. Zum Thema Rauchen sagt er in ihrem Fall: „Eventuell hat sie auch inhaliert für die Fotos, das mag sein.”

Das System hinter den Treffen bei Waldhauer

Manche der Jugendlichen hätten Freundinnen mitgebracht, erinnert sich Anna. Mit denen sei es später zu Videoaufnahmen und zum Teil zu sexuellen Handlungen gekommen. Tatsächlich tauchen in den Videos neue Mädchen und Frauen auf, die etwa im Videotitel als Freundin aus der Schule bezeichnet werden. „Dann wurde was getrunken, dass sie lockerer werden. Und wenn es erst nur das T-Shirt war oder nur der BH. Er hat es schrittweise gemacht.“

Auch das belegt ein Video. Darin ist zu hören, wie Waldhauers Freund bei einem Treffen ein Mädchen bedrängt, das bekleidet dabei sitzt. „Warum machst du eigentlich nicht mit, du Luder? Einen Striptease oder irgendwas machst du auch nicht?“, fragt er sie. „Nur obenrum?“, bohrt Waldhauer nach. Das Mädchen sagt nicht viel im Video und wirkt verunsichert. Später sagt Waldhauers Freund: „Komm, zieh dich mal mit aus.“ Waldhauer gibt an, soweit er sich erinnern könne, sei das so abgesprochen gewesen.

Aus einigen Videos wird  deutlich, dass die Mädchen und jungen Frauen einer Veröffentlichung der Aufnahmen nicht zugestimmt haben. Im Gegenteil.

Eine Frau, mit der sich Waldhauer beim Geschlechtsverkehr filmt, sagt im Video: „Wenn das jemand mal anguckt…“

Waldhauer: „Ach, das guckt sich keiner an. Wer soll sich das angucken?

Sie: „Ja, weiß ich, wem du’s zeigst?“ und später: „Ich will nur nicht, dass das Gesicht so richtig direkt drauf ist.“

Waldhauer: „Ne“ – dabei filmt er sie so, dass man ihr Gesicht sieht. 

Zum diesem Vorwurf, entgegen der Absprachen das Gesicht mitgefilmt zu haben, sagt Waldhauer: „Kann sein.”

Solche falschen Versprechungen finden sich in vielen der Videos, die heute noch öffentlich sind. 

Wie alt sind die Frauen in den Videos wirklich?

Bei der Recherche fällt auf, dass viele Mädchen in den Videos extrem jung wirken. Von einigen der Betroffenen wurden Personalausweise hochgeladen, die Daten darin hat Ippen Investigativ überprüft. Aus den verifizierten Geburtsdaten wird klar, dass mindestens zwei der jungen Frauen vor der Kamera noch Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren waren. Die Videos sind damit verbotene Jugendpornografie. Sie haben zum Teil über Hunderttausend Klicks. Bei weiteren jungen Frauen gibt es ebenfalls Hinweise, dass sie noch keine 18 Jahre alt waren. 

Manchmal scheint zudem nicht ganz klar zu sein, ob die Mädchen Jugendliche oder sogar noch Kinder sind. In den Videos fallen entsprechende Bemerkungen.

In einem Video fragt der Freund Waldhauers in dessen Beisein eine Frau: „Wann habe ich denn das erste mal bei dir die Fotze rasiert?“ Sie sagt: „Da war ich 16.”

In einem anderen Video sagt Waldhauers Freund in dessen Anwesenheit zu einem Mädchen: „Was habt ihr Jugendlichen eigentlich sonst noch im Kopf außer eure Bravo-Zeitschriften lesen und Christina Aguilera angucken?“ In einem anderen Video mit Waldhauer wird von einer Zwölfjährigen gesprochen, mit der es für ein Treffen leider nicht geklappt habe. 

Sexuelle Handungen mit Mädchen unter 14 Jahren bestreitet Waldhauer. „Ich habe nie Sex mit einer Zwölfjährigen gehabt. Es kann auch kein Video davon geben. Es kann sein, dass irgendwas gezeigt wurde und behauptet wurde, dass sie zwölf ist. Das ist gut möglich.“ Und: „Wir mochten doch schon Frauen, die sexuell selbstbestimmt sind. Und mit sexuell selbstbestimmt meine ich, dass sie wissen, was sie da tun und das auch wollen.“ In vielen Videos wirkt das anders.

Kam es zu einer Vergewaltigung?

In einem Video ist eine junge Frau mit Dirk Waldhauer und dessen Freund zu sehen. Zu dem Freund sagt sie beim Sex: „Fass mich nicht an, meine Mutter riecht das, mein Vater riecht das.“ Als der Freund anal in sie eindringen will, sagt sie nein. Dirk Waldhauer hält sie daraufhin fest und sagt: „Sie ist unsere Sex-Sklavin.“ Sie will, dass er sie loslässt, doch er behält sie fest im Griff. Waldhauer fasst ihr in die Poritze, sie sagt nein, er macht trotzdem weiter. 

Er: „Du musst einfach nur sagen, das gefällt mir nicht, dann höre ich sofort auf.“

Sie: „Na toll und wenn ich das sage, machst du weiter.“

Er: „Nö, mache ich nicht.“

Sie: „Hör auf.“

Er hört auf, leckt seinen Finger ab, sagt „dann kann ich ihn ja reinstecken“ und dringt offenbar mit seinem Finger in sie ein, während er sie festhält. Sie sagt: „nein“; er lacht. 

Drei erfahrene Strafrechtsanwältinnen haben sich für uns mehrere Videos angeschaut, auch dieses. Ihrer Einschätzung nach zeigt das Video eine Vergewaltigung, zumindest nach aktuellem Strafrecht. Nach der alten Gesetzeslage seien Waldhauers Handlungen in diesem Video womöglich nicht strafbar. Bis zur Gesetzesänderung 2016 reichte ein „nein“ nicht aus. Wer sich über das alleinige „nein“ einer Person hinwegsetzte, machte sich nicht der Vergewaltigung strafbar. Zwei Expertinnen sehen dennoch den Anfangsverdacht auf Vergewaltigung nach altem Strafrecht gegeben, da Waldhauer die Frau im Video festhält. In weiteren Videos sehen die Expertinnen Hinweise auf sexuelle Nötigung und Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger.

Waldhauer sagt, diese Vergewaltigung habe es nicht gegeben: „Das war reine Spielerei. Ich war einfach nicht drin. Das war Drehbuch, das war so abgesprochen. Deswegen sage ich: die Filme spiegeln nicht die Realität. Also sowas machen wir nicht. Er war nicht drin. Er war im Prinzip nur weggeknickt, dass es vielleicht so aussieht, als ob er drin wär.” Später äußert er sich in einer Nachricht so dazu: „Zu dem Video mit Finger im Po, möchte ich ohne es gefunden zu haben bemerken, dass ich mir sicher keinen Finger in den Mund stecke, der gerade in einem Anus war.”

Das Video, das möglicherweise eine Vergewaltigung durch Dirk Waldhauer zeigt, wird im Juni 2017 auf zwei Pornoplattformen hochgeladen. Drei Monate später steht er als Direktkandidat der PARTEI zur Wahl für den Deutschen Bundestag. 

Ippen Investigativ liegen zudem Videos vor, in denen Waldhauer Geld als Druckmittel einsetzt und Jugendliche beziehungsweise Frauen zu sexuellen Handlungen drängt, die sie klar ablehnen. 

Einmal bietet Waldhauer, damals 40 Jahre alt, einer Minderjährigen mehr Geld, falls sie beim Blowjob erbricht. Dazu sagt er: „Das ist eine Frage, die kann man machen. Meiner Meinung nach. Aus heutiger Sicht, dass jetzt zehn Jahre irgendwo dazwischen liegen, ist das nicht mehr machbar und nicht mehr tragbar. Es ist aber wirklich eine Frage ohne jeden Druck.“ 

Waldhauer behauptet, er habe ein „nein” der Mädchen und Frauen respektiert. „Selbst damals ist nein bei uns schon nein gewesen.” Allerdings sagt er auch: „Es wird eventuell nochmal nachgefragt, aber wirklich nachgefragt und nicht irgendwie provoziert.” Im Video klingt das dann so:

Waldhauer, während die Jugendliche ihn oral befriedigt: „Da leg ich auch noch was drauf, wenn du kotzt dabei”.

Die Jugendliche sagt nichts.

Er: „Wenn du richtig kotzt, dann lege ich was drauf.” Wenig später sagt er erneut: „Wenn du dabei kotzt, gebe ich dir einen Fuffi.”

Sie erwidert: „Du bist gemein.”

Er: „Das machen wir.”

Sie: „Nein”.

Er: „Wieso gemein? Ist doch deine Idee, ob du dir einen Fuffi verdienst oder nicht.” Und: „Du musst doch wissen, ob du dabei kotzt oder nicht”.

Sie: „Nein, ich will aber nicht kotzen.”

Er: „Es gibt aber einen Fuffi dann, sonst gibt’s nur 30.”

Sie: „Egal”.

Er: „Egal ist dir das, ob du einen Fuffi kriegst oder ob du 30 kriegst?”

Im Gespräch sagt Waldhauer, das Alter des Mädchens sei ihm nicht bekannt gewesen. Da die Polizei das Mädchen einmal bei seinem Freund abgesetzt habe, nachdem es aufgegriffen worden sei, habe er angenommen, es wäre volljährig. „In dem Zusammenhang bin ich auch davon ausgegangen, dass die Polizei keine Minderjährigen bei irgendeinem 40-jährigen Onkel abliefert”, sagt er. Ob es einen solchen Einsatz der Polizei Erfurt tatsächlich gab, ist unklar. Man habe dazu nichts recherchieren können, erklärte die Polizei Erfurt auf Anfrage, was aber auch mit einer Umstellung des Systems zusammenhängen könnte.

Nach dem telefonischen Konfrontationsgespräch äußert sich Waldhauer in einer Nachricht so zum Video: „Es ist ein Film, nicht die Realität. Alles Show.” 

Anna erzählt, dass es sexuelle Handlungen gegen ihren Willen durch Dirk Waldhauer gegeben habe. In Videos ist zu hören, wie Anna nein sagt und zu sehen, wie sich Waldhauer darüber hinwegsetzt. 

Über solche Szenen sagt Waldhauer generell, das sei in allen Fällen so abgesprochen gewesen. Anna sagt, manches sei abgesprochen gewesen. Bei vielem sei es aber so gewesen, „dass ich es nicht wollte“. 

Der Fall Waldhauer und das Zögern der Ermittlungsbehörden

Bereits im Sommer 2021 hatten wir eine 14-seitige Linkliste zu entsprechenden Videos an die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) geschickt, die die Liste wiederum an die Kinderpornografie-Abteilung des BKA weitergab. Dabei wurden auch die Kontaktdaten einer Frau mitgeteilt, die bereit war, zu den Vorfällen eine Aussage zu machen. Bei dieser Frau hatte sich sechs Monate später noch niemand gemeldet.

Als wir Anfang Februar nachfragen, was mit den Links denn in der Zwischenzeit passiert sei, leitet die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wenige Tage später ein Ermittlungsverfahren gegen zwei Männer ein – wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauchs Jugendlicher sowie Veröffentlichung und Besitz von Jugendpornografie. Wer die beiden Männer sind, dazu macht die Generalstaatsanwaltschaft keine Angaben. Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat das Verfahren übernommen, wollte aber keine Angaben zu den Beschuldigten machen. Nachdem Dirk Waldhauer Ippen Investigativ gegenüber einen Teil der Vorwürfe einräumte, bestätigte die Polizei Erfurt, dass es sich bei einem der Tatverdächtigen um Dirk Waldhauer handelt.

Unter den Links, die im Sommer an das BKA weitergegeben wurden, waren zwei Links zu den Aufnahmen, die offenbar eine Vergewaltigung zeigen. Gelöscht wurde nur eines der Videos, das andere blieb weiter online. Im Videotitel stand der echte Vor- und Nachname der Frau sowie ihr Wohnort. Das Video sammelte mehr als 340.000 Klicks. Wieso lässt das BKA dieses Video nicht löschen, obwohl es sensible Daten der Frau enthält und offenbar ihre Vergewaltigung zeigt?

Und auch bei dem Video, das gelöscht wurde, fällt etwas auf: Der Nutzer, der es hochgeladen hat, wurde nicht gesperrt. Dabei war der Link zu dessen Profil ebenfalls in der Linkliste enthalten. Auf seinem Profil blieben andere Videos online, die die Betroffene zeigen. Mindestens eins davon zeigt offenbar einen weiteren Übergriff durch Dirk Waldhauer an der Frau.

„Die Inhalte, die der von Ihnen übersandten Linkliste zu entnehmen waren, wurden seitens des Bundeskriminalamtes strafrechtlich bewertet”, erklärt das BKA. Für strafrechtlich relevante Inhalte seien Löschanregungen übermittelt worden. Das BKA könne jedoch keine  Löschung von in Deutschland strafrechtlich relevanten Inhalten bei im Ausland ansässigen Providern durchsetzen. Wenige Tage später werden die genannten Videos dann doch gelöscht.

Waldhauer selbst sagt, er habe mit den Veröffentlichungen nichts zu tun. Ein anderer habe sich Zugriff zu seinen Daten verschafft und würde die Aufnahmen verbreiten. Wer die Videos und Fotos hochgeladen hat, lässt sich durch die Recherche nicht belegen. Waldhauer gibt im Gespräch an, er habe einen Stalker, den er bereits mehrfach angezeigt habe. „Ich möchte keine Namen nennen”, sagt Waldhauer dazu. Es liefe jedenfalls eine Kampagne gegen ihn. Er habe keine Dokumente und kein Aktenzeichen, die seine Anzeigen belegen würden. Weder die Polizei Erfurt noch die Staatsanwaltschaft Erfurt konnten entsprechende Anzeigen in ihren Systemen finden.

Es gibt ein Profil auf einer Pornoseite, das Waldhauer zuzuordnen ist. Dieses Profil ist mit Nutzern befreundet, die einen Teil des von uns gesichteten pornografischen Materials hochgeladen haben. Waldhauer räumt ein, dass ihm das Profil gehört und er mit den Nutzern über die Plattform befreundet ist – um zu sehen, was sie hochladen und Löschanfragen an die Plattform zu schicken, wie er sagt. 

Waldhauer und die PARTEI - wie geht es weiter?

Eine Laube auf Waldhauers Grundstück ist laut einer entsprechenden Facebook-Seite bis heute „offizieller Veranstaltungsraum des Ortsverbandes“ der PARTEI Erfurt. 

Die Grenzen zwischen Waldhauers politischer Arbeit und seinem fragwürdigen Verhalten im Privaten verschwammen mitunter: In der Laube, die als Veranstaltungsraum der PARTEI Erfurt dient, fotografierte sich Waldhauer nackt vor einer mit PARTEI-Stickern beklebten Wand und lud das Foto auf sein Pornoprofil hoch. „Es hat mit der Partei gar nichts zu tun, da bin ja nur ich alleine nackt drauf”, sagt Waldhauer dazu. „Ich kann machen, was ich will, ich bin eh politisch verbrannt.”

Auf Anfrage teilt der Vorsitzende des Landesverbands der PARTEI mit, dass Dirk Waldhauer keine Ämter mehr bekleide. Die Vorwürfe seien „teils viele Jahre alt“ und hätten „parteiinterne Konsequenzen“ gehabt. Bei einer weiteren Konfrontation mehrere Monate später erklärt er: „Seit dem Bekanntwerden erster Vorwürfe bezüglich eventuell sexuell fragwürdiger Handlungen wurde Dirk Waldhauer bei keiner Direkt- bzw. Spitzenkandidatenaufstellung mehr berücksichtigt.” Er gibt zudem an, er wolle eine Aussprache mit Waldhauer führen und über weitere Schritte entscheiden.

Martin Sonneborn, Parteivorsitzender der PARTEI, wird hingegen deutlicher: „Da sich im Fall von Herrn Waldhauer nun der Verdacht erhärtet, dass die Grenze zur Strafbarkeit klar überschritten ist, haben wir als Bundesvorstand ohne zu zögern beschlossen, ein Parteiausschlussverfahren zu beantragen.” Auch die Antidiskriminierungskomission der Bundespartei habe man informiert.

Die Folgen der Treffen

Anna ist inzwischen Mutter. Sie sagt, dass sie den Kontakt zu Dirk Waldhauer abgebrochen habe, als sie Mitte 20 war, weil es ihr mit den Treffen schlecht ging. „Ich habe mich schmutzig gefühlt, ich habe mich einfach für meine Kinder auch nicht mehr wohlgefühlt in meiner eigenen Haut.“ Sie verdrängt das Erlebte – bis sie ihre Bilder im Internet entdeckt. 

Sie zeigt Waldhauer wegen der Veröffentlichung an. Sie habe den Beamten gesagt, dass sie auf einigen Aufnahmen minderjährig sei. „Die haben mir wenig Erfolg versprochen.“ Die Ermittlungen werden eingestellt. In der Begründung heißt es, Waldhauer sei nicht vorbestraft und der Anzeige werde mangels öffentlichen Interesses nicht nachgegangen. Dabei waren schon zum Zeitpunkt der Anzeige Aufnahmen mutmaßlicher sexueller Übergriffe im Internet zu finden. 

„Ich habe nicht das Gefühl, dass mir zugehört wird“, sagt Anna, „ich habe eher das Gefühl, dass es nur abgetan wird.“ So, als habe Dirk Waldhauer „einen Freifahrtschein für alles“. Ähnlich geht es anderen Frauen. Manche gehen aufgrund solcher Erfahrungen nicht mehr zur Polizei und versuchen, die Videos selbst aus dem Netz zu löschen. Das pornografische Material wird von verschiedenen Nutzern und auf unterschiedlichen Seiten immer wieder neu hochgeladen. Auch Anna versucht auf eigene Faust, löschen zu lassen. Eine Pornoseite fordert von ihr einen Nachweis, dass sie die Rechte an den Videos besitzt, auf denen sie noch minderjährig ist.

„Das Internet vergisst nie“, sagt Anna. „Man versucht zu verdrängen, doch mit jedem Bild, was eingestellt, was gesehen, geliked wurde, wird der Druck schlimmer.“ 

Bis heute, sagt Anna, werde sie jeden Monat von fremden Männern kontaktiert. Sie fragen, ob sie Anna für sexuelle Dienste kaufen können.

Öffentlich distanziert hat sich die Partei bis Redaktionsschluss nicht von Dirk Waldhauer. Er war zuletzt Anfang Mai 2022 für DIE PARTEI unterwegs. Auf Facebook ist er prominent auf Bildern des Thüringer Landesverbandes zu sehen. Auf seiner Facebook-Seite steht weiterhin, er sei „der beliebteste Politiker Deutschlands“.

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