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Polens Kohleausstieg: Die schwere Aufgabe, sich von der Kohle als Energiegarant zu lösen

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Von: Aleksandra Fedorska

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Für Polen ist der Kohleausstieg sowohl ökonomisch, mental als auch sozial ein langer und schwieriger Prozess.

Warschau – In Polen war es 2020 gelungen, den Anteil der Kohle an der Energieerzeugung endlich unter die Marke von 70 Prozent zu drücken. Im Folgejahr kam dann der Rückschritt auf 80 Prozent. Es scheint, als würde der Weg zum vollständigen Kohleausstieg im Jahr 2049 länger und schwieriger werden.

(Das Verhältnis Polens zu Brüssel und Berlin ist nicht einfach. Die Erklärungen dafür sind mehrschichtig, kommentierte Merkur.de-Korrespondentin Aleksandra Fedorska kürzlich ganz persönlich.)

Seit Jahrzehnten stehen die Kohlereviere im Süden des Landes und in geringeren Ausmaß auch im westlichen Teil der Woiwodschaft Wielkopolska im Fokus der polnischen Energiepolitik. Die Bergleute haben traditionell eine sehr effiziente gewerkschaftliche Vertretung und wissen ihren Einfluss politisch einzusetzen. Aus Angst vor der Reaktion der Kohlekumpel wurden grundlegende Veränderungen vermieden. Allerdings ändert sich die Beschäftigungssituation im Bergbau zunehmend, je mehr Wettbewerb und Marktkräfte auf die umstrittene Branche einwirken.

Der Kohleausstieg in Polen verläuft langsam – Lange Jahrzehnte der Versäumnisse rächen sich

„Einige können sich daran erinnern, wie in den Fernsehnachrichten der Kohleabbau von 180 bis 190 Mio. Tonnen als großer Erfolg gefeiert wurde und die Beschäftigung in der Kohleindustrie 400.000 Menschen erreichte. Heute haben wir eine Produktion von 54 Mio. Tonnen pro Jahr und eine Beschäftigung von rund 80.000 Bergleuten. Alle Regierungen, unabhängig von den politischen Vorzeichen, hatten einen mehr oder weniger ähnlichen Ansatz. Sie wollten milde Veränderungen über die Vorruhestandsregelungen und Sozialhilfeleistungen. So haben wir hier in Schlesien die höchsten Renten und die jüngsten Rentner des ganzen Landes”, fasste der Experte Andrzej Dercz von ILF Consulting Engineers Polska die Situation in den polnischen Medien zusammen.

Rauch und Wasserdampf steigen aus den Schornsteinen und Kühltürmen im Kohlekraftwerk Laziska bei Kattowitz. Der mehrstündige «Climate Ambition Summit» am 5. Jahrestag des Beschlusses des UN-Klimaabkommens wird per Livestream übertragen.
Rauch und Wasserdampf steigen aus den Schornsteinen und Kühltürmen im Kohlekraftwerk Laziska bei Kattowitz. Der mehrstündige «Climate Ambition Summit» am 5. Jahrestag des Beschlusses des UN-Klimaabkommens wird per Livestream übertragen. © Monika Skolimowska/dpa

Viele polnische Experten betonen, dass der eigentliche notwendige Wandel überhaupt erst wegen der steigenden Emissionspreise möglich geworden ist. Über den hohen Preis für Emissionen kann viel mehr für den polnischen Kohleausstieg erreicht werden als es die Politik vermag. Dies betrifft besonders die Einstellung der regierenden Parteienkonstellation, die sich als Verteidiger der polnischen Kohleregionen aufspielt, obwohl sie längst wissen müsste, dass die Zeit gekommen ist, mit der Kohle abzuschließen.

Im Februar 2021 verabschiedete Polen* sein strategisches Vorgehen in der Energiepolitik bis 2040. Demnach soll der Anteil der Kohle am nationalen Energiemix bis 2030 auf 56 Prozent oder 37,5 Prozent im Falle des Szenarios mit hohen CO2-Emissionspreisen sinken. Der Anteil der Erneuerbaren soll bis dahin bei 23 Prozent liegen. Ein Jahrzehnt später, bis 2040, soll Kohle bereits nur noch einen Anteil von 28 Prozent der Energieproduktion oder 11 Prozent bei hohen Preisen für CO2-Emissionszertifikate ausmachen. Andererseits sind die Investitionen für die Entwicklung erneuerbarer Energien bis zu diesem Zeitpunkt bereits mit über 40 Milliarden Euro veranschlagt. Im Einklang mit dem Sozialabkommen, das die Regierung mit den Bergbauvertretern unterzeichnet hatte, soll die letzte Bergwerk in Polen im Jahr 2049 geschlossen werden.

Polens Ausstieg aus der Kohle: Kohlerevier in Wielkopolska macht Hoffnung und steigt bis 2030 aus

Vielen geht der Kohleausstieg mittlerweile viel zu langsam. Einerseits geht es um die enormen finanziellen Belastungen, die mit diesem Wirtschaftszweig verbunden sind, der Hauptgrund aber sind die gesundheitlichen Folgen der Kohle als Energieträger. In den letzten Jahren haben sich polnische Haushalte, Kindergärten und Schulen Luftreinigungsgeräte gekauft, damit in der besonders emissionsreichen Heizsaison zumindest in den Innenräumen die Normen eingehalten werden können. Die Akzeptanz des späten Kohleausstiegs schwindet damit auch in den Kohlerevieren selbst.

„Schlesien stößt 13-mal mehr Schadstoffe aus als der Durchschnitt für ganz Polen, ganze 37 der am stärksten verschmutzten Städte Europas liegen in Polen, die meisten davon natürlich in Schlesien. Neue Daten zu emissionsbedingten vorzeitigen Todesfällen geben eine Schätzung von 90.000 an”, erklärt Dercz.

(Tschechien und Polen haben sich im Konflikt um das Kohlekraftwerk Turów auf einen Kompromiss geeinigt. Doch der Streit um Energie und Umweltschutz endet damit nicht.)

Dass es auch anders gehen kann, beweist das kleinere Kohlerevier in Wielkopolska, wo es mit der Kohle schon 2030 zu Ende sein soll. Dies ist auch wohl deshalb möglich, weil die Beschäftigtenzahlen mit 6.000 Arbeitern, die dort im Bereich Bergbau tätig sind, derart überschaubar ist, dass keine großen sozialen Konsequenzen zu erwarten sind. Doch ganz ohne Folgen ist ein Kohleausstieg nicht möglich, wie die Region rund um Konin zeigt. Seit Jahren wandern vor allem junge und gut ausgebildete Menschen ab und verlassen die Stadt. Umso wichtiger ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Der Fabrikneubau von Johnson Matthey in Konin gibt da zumindest für den Arbeitsmarkt neue Hoffnung. Wichtig ist es allerdings auch für die ganze Region, eine neue Formel für die weitere Entwicklungsperspektive nach der Kohle zu entwickeln.

Kohleausstieg in Polen: Schlesischen Kohlereviere sind von Mentalitätswandel noch weit entfernt

„Umso mehr, als dass wir viele Projekte haben, unter anderem die Schaffung eines Zentrums für die Nutzung von Wasserstoff und erneuerbarer Energie. Wir zählen auch auf die schnelle Entwicklung der Geothermie. Im Jahr 2015 machten wir Bohrungen, die zeigen, dass wir Wasser mit höchster Temperatur im Land haben - 97,5 Grad Celsius. Wir werden uns auch im Bereich der kohlenstoffarmen Wirtschaft und der nachhaltigen Energie weiterentwickeln”, sagt Maciej Sytek, der die Entwicklung der Woiwodschaft als Bevollmächtigter für den Strukturumbau verantwortet.

Die schlesischen Kohlereviere sind von diesem Mentalitätswandel weit entfernt, obwohl die gesundheitlichen, finanziellen aber auch mentalen Kosten kaum noch zu ertragen sind. Statt sich der Wahrheit zu stellen, verweisen sie gern auf die letzten Monate, wo sie quasi systementscheidend waren. Ohne die Kohleverstromung wäre es in der zweiten Jahreshälfte 2021 sowohl in Polen, als auch in Deutschland, der Slowakei und in Tschechien zappenduster geworden. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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