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Polens Schweine-Krise: Züchter suchen Auswege – mit Öko oder „back to the roots“

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Von: Aleksandra Fedorska

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Ein Ferkel in einem Stall nahe Lublin. Die Schweinezucht in Polen ist im Umbruch. (Archivbild)
Ein Ferkel in einem Stall nahe Lublin. Die Schweinezucht in Polen ist im Umbruch. (Archivbild) © imago stock&people/teutopress

Über Jahre lebten polnische Schweinezüchter ganz gut davon, Ferkel aus Dänemark zu mästen und das Fleisch mit Gewinn zu verkaufen. Die Lage hat sich geändert.

Warschau/Lublin – Die polnischen Schweinezüchter haben ein außerordentlich schlechtes Jahr hinter sich. In den ersten 11 Monaten des Jahres 2021 ist die Anzahl der gezüchteten Tiere um mehr als 30 Prozent zurückgegangen, wie das Agrarfachportal farmer.pl schreibt. Ende November 2021 war der Schweinebestand in Polen* auf nur noch 9,9 Millionen Stück geschrumpft - 1,36 Millionen weniger Tiere als zu Jahresbeginn; ein Rückgang von 12,1 Prozent.

Das ist das niedrigste Niveau seit etwa 70 Jahren. Problematisch ist dabei auch der starke Rückgang des Sauenbestandes. Hier stehen minus 10 Prozent zu Buche. Dahinter steckt ein langfristiger Trend - der nicht nur Polen betrifft. Aber auch die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat ihren Anteil*. Viele Züchter ziehen mittlerweile bemerkenswerte Konsequenzen. Stichwort: „back to the roots“.

Polen in der Schweinzucht-Krise: Ein eigentümliches Modell gerät an seine Grenzen

So erschreckend die Zahlen des Jahres 2021 sind: Sie sollten im Zusammenhang mit einer mehrjährigen Entwicklung gesehen werden. Seit Jahren schon signalisierten die polnischen Experten, dass sich in der Schweinezucht verstärkt ein internationales Geschäftsmodell entwickelt hat. Es bestand daraus, bevorzugt dänische Absetzferkel der Rasse DanBred zu importieren und in Polen zu mästen. Die Idee war denkbar einfach und brachte zumindest bis zur Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest im Land relativ gute Einnahmen für die Landwirte.

Zahlen veranschaulichen das Modell: Vor der Corona-Pandemie* konnten sogenannte Absetzferkel in Dänemark für etwa 120 bis 130 Euro erworben werden. Die Kosten der Mast in Polen lagen bei 50 bis 60 Euro. Im Verkauf brachte das Schwein dann etwa 210 Euro.

Mit der massiven Ausbreitung der ASP, die sich zunächst in Ostpolen, dann immer weiter nach Westen ausbreitete - wo besonders in der Region Wielkopolska die Schweinezucht stark professionalisiert worden war - stiegen die Kosten für die Züchter stark an. Die umfangreichen Hygienemaßnahmen, wie etwa Duschen vor dem Eintreten in den Stall, haben zusätzliche Investitionen verursacht. Das Geschäftskonzept mit den dänischen Absetzferkeln brachten das Vorgehen an den Rand der Rentabilität brachten. Und das obwohl eine Erstattung in Höhe von 50 Prozent der im Kalenderjahr getätigten Ausgaben für den Kauf von Desinfektionsmatten, Desinfektionsmitteln, Sicherheitsschuhen und sonstiger Hygienesicherheit von Gebäuden, in denen Schweine gehalten werden, beantragt werden konnte.

Polen: Schweinepest bereitet weiter Probleme - Staat hilft beim Ausstieg aus der Zucht

Das nächste entscheidende Punkt: Der polnische Staat unterstützt die von ASP betroffenen Züchter finanziell beim Ausstieg aus der Schweinezucht. Bis Ende November 2021 haben 773 Züchter die entsprechende Unterstützung bekommen, die insgesamt umgerechnet 400.000 Euro betrug. Darüber hinaus wurden betroffenen Schweinezüchtern zinslose Darlehen angeboten, damit sie ihren sonstigen Verbindlichkeiten gegenüber Banken nachkommen können. Schließlich können die Züchter auch Ausgleichszahlungen beantragen, um ihre Einkommenseinbußen aufgrund von ASP zumindest etwas ausgleichen.

Im Februar 2022 wird Polen in das achte Jahr mit der Afrikanischen Schweinepest eintreten. Allein 2021 gab es 124 Infektionsherde. Zu den Problemen mit der hochansteckenden Krankheit kamen letztes Jahr Preissteigerungen bei den Futtermitteln, einschließlich Proteinkomponenten, hinzu. Im Verlauf des Jahres 2021 war in der Praxis keine rentable Produktion mehr möglich.

Polen in der Schweinezuchtkrise: Lupinen und die „Puławska“ helfen gegen neue Probleme

Rein betriebswirtschaftlich sind die polnischen Züchter gezwungen, die Ausgaben für teures Futter zu reduzieren. Im Fokus stehen eiweißhaltige Futtermittel. Noch vor wenigen Jahren wurde Soja hinzugefüttert. Doch Soja ist mittlerweile international gefragt. Nun kommen eigene, traditionellere Lösungen in den Fokus: Bauern steigen inzwischen auf selbstangebaute Erbsen und Lupinen um.

Der Rückgriff auf alte Zeiten gehen aber noch tiefer. Einige Bauern erweitern ihren Bestand um alte Schweinerassen. Zu den heimischen Rassen gehört in Polen etwa die „Puławska“. Diese Tiere sind gesundheitlich robuster* und pflegeleichter aber geben weniger Fleisch. Auf der anderen Seite können Züchter auf staatliche Zuzahlungen setzen, die für den Erhalt des heimischen Erbgutes je Schwein 251 Euro betragen.

Das Fleisch der heimischen Rassen unterscheidet sich geschmacklich von dem konventionellen Fleisch und kann daher sogar als Spezialität vermarktet werden. Die Handelskette Auchan Polska hatte das Fleisch der Schweinerasse Puławska schon 2010 in ihr Sortiment aufgenommen. Während die Schweinezüchter gerade in der Region Lublin, wo die Schweinerasse schwerpunktmäßig am stärksten vertreten ist, einen festen Großabnehmer finden, kann Auchan sein Image als Stütze der lokalen Landwirtschaft und Tradition pflegen. Beide Seiten scheinen mit dem Arrangement zufrieden zu sein.

Eine rentable Lösung ist auch die Direktvermarktung in Hofläden. Auch hierfür eignet sich das als regionale Spezialität geltende Fleisch besonders gut. Gleichzeitig aber müssen die Höfe in der Lage sein, einen solchen Verkauf auch zu organisieren. Das gelingt größeren Höfen natürlich besser. Sie haben die die Möglichkeit, Personal und Örtlichkeiten für den Hofverkauf bereitzustellen. (Aleksandra Fedorska)*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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