Politische Pause: Steinmeier spendet seiner Frau eine Niere

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Steinmeier spendet seiner Frau Elke Büdenbender eine Niere.

Berlin - SPD-Fraktionschef Steinmeier zieht sich vorübergehend aus der Politik zurück. Schon an diesem Dienstag will er seiner Frau eine Niere zu spenden. Von allen Seiten gibt es dafür Hochachtung.

Trotz der unverkennbar schweren Situation zeigt Frank-Walter Steinmeier Haltung. Doch die Anspannung ist ihm anzumerken. Ganz kurzfristig hat die SPD an diesem Montag, als sich eigentlich alles um die Rente mit 67 drehen sollte, zu einem Presseauftritt geladen - was meist ein sicheres Zeichen für turbulente Entwicklungen ist. Niemand will vorher verraten, was los ist. Nein, ein Rücktritt Steinmeiers als SPD-Fraktionschef stehe nicht im Raum, heißt es lediglich beruhigend.

Was der 54-Jährige dann zu sagen, nehmen auch viele hartgesottene Journalisten mit viel Anteilnahme zur Kenntnis. Es gehe um nicht weniger als das Leben seiner Frau Elke Büdenbender, erklärt Steinmeier. Die 48-Jährige leide seit Monaten an einer sich ständig verschlechternden Nierenschwäche und brauche nun dringend eine Organtransplantation. Wegen der langen Wartezeiten für Spenderorgane habe man sich in der Familie für eine Lebendspende entschieden. “Ich werde selbst der Organspender sein“, verkündet Steinmeier.

Sie waren die Chefs der SPD

Sie waren die Chefs der SPD

Bereits an diesem Dienstag sollen er und seine Frau operiert werden. Am Montagnachmittag begannen die Vorbereitungen in der Klinik. “Für einige Wochen“ werde er deshalb auf der politischen Bühne nicht präsent sei, sagt Steinmeier. Geregelt sei, dass sein Stellvertreter Joachim Poß, der “dienstälteste Abgeordnete“, ihn in dieser Zeit vertritt.

Er hoffe aber, schon im Oktober wieder seine Arbeit aufzunehmen. Die Ärzte hätten ihm versichert, dass es auch mit einer Niere für ihn keine Einschränkungen geben werde. “Sie werden mich in alter Frische wiedersehen“, zeigt sich der Sozialdemokrat zuversichtlich. Die Medien bittet er eindringlich, in den nächsten Wochen seine Privatsphäre zu respektieren.

Steinmeier hatte bereits am Sonntagabend die engste SPD-Führung informiert. Eher nur noch Nebensache war danach die Entscheidung über den neuen SPD-Rentenkurs, zu dem der Fraktionschef nur mit einiger Mühe seinen Segen gegeben hatte. Von einer “bedrückenden Nachricht“ spricht der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Sie mache deutlich, “wie unwichtig manchmal politische Meinungsverschiedenheiten sind“. Gabriel fügt hinzu: “Wir sind in den nächsten Tagen und Wochen bei ihm. Es fehlt uns ein wichtiger Mensch. Aber er wir ja wiederkommen.“

Vorstoß: Erhöhung der Spendenbereitschaft

Auch vom politischen Gegner kommt Anerkennung, wie Steinmeier das Private über das Berufliche setzt. Die Kanzlerin telefoniert mit ihrem einstigen - und meist sehr geschätzten - Vizekanzler. Die Erkrankung von Steinmeiers Frau habe sie “traurig und besorgt“ gemacht, lässt Angela Merkel anschließend mitteilen.

Auch Guido Westerwelle, Steinmeiers Nachfolger als Außenminister, greift zum Telefon, um dem Ehepaar “alles Gute für die Bewältigung der schwierigen Situation“ zu wünschen. Als “Vorbild“, das das schwierige Thema der Organspende stärker in die Öffentlichkeit trage, lobt FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler den SPD-Spitzenmann.

Der Zufall will es, dass am Montag Abgeordnete einen Vorstoß starten, um die Spendenbereitschaft zu erhöhen. Jährlich etwa 1000 Menschen müssten in Deutschland sterben, weil kein geeignetes Organ vorhanden sei, rechnen sie vor. Die Wartezeiten liegen inzwischen bei sechs Jahren. Zum Überleben sei bis dahin häufige Dialyse (Blutwäsche) notwendig. Steinmeier selbst trägt seit seinen Studententagen einen Organspenderausweis mit sich. Damals drohte die Erblindung seines linken Auges. Durch eine Hornhaut-Transplantation wurde dies verhindert.

Johannes Rau mit einer Niere Bundespräsident

Der sich rapide verschlechternde Zustand von Elke Büdenbender, mit der Steinmeier seit 15 Jahren verheiratet ist und eine 14-jährige Tochter hat, war auch engeren Parteifreunden nicht bekannt. Auffällig war lediglich, dass die regelmäßigen Urlaube der Familie in einer angemieteten Ferienwohnung in der Nähe von Bozen seltener wurden. Seit der Bundestagswahl vor einem Jahr, als sie ihren Mann bei der Kanzlerkandidatur entgegen früheren Gewohnheiten auch öffentlich unterstützte, trat die Richterin am Berliner Verwaltungsgericht kaum noch öffentlich in Erscheinung. Eine “klasse Frau“, schwärmte Ex- Kanzler Gerhard Schröder einmal über die charmante, selbstbewusste und unprätentiöse gebürtige Siegerländerin.

Steinmeier ist nicht der erste Spitzenpolitiker, der sein Amt für die Familie vorübergehend ruhen lässt. Franz Müntefering trat 2007 als Arbeitsminister zurück, um seine krebskranke Frau Ankepetra bis zu ihrem Tod zu pflegen. Erst danach wurde er wieder in der Politik aktiv. Dass man auch mit einer Niere noch für Spitzenämter geeignet ist, zeigte nicht zuletzt Johannes Rau. Dem damaligen NRW- Ministerpräsidenten wurde 1992 die linke Niere entfernt. Sieben Jahre später wurde er zum Bundespräsidenten gewählt.

dpa

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