Boykott im Osten

Ukrainer wählen neuen Präsidenten

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Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko steckt ihren Wahlzettel in die Urne. Sie wurde am Sonntag von ihrem Mann und ihrer Tochter begleitet.

Kiew/Donezk - Hoffnung im Westen - Angst im Osten. Millionen Wähler wollen in der Ukraine mit ihrer Stimme erreichen, dass im Land wieder Frieden herrscht. Doch längst nicht jeder kann abstimmen.

Überschattet von Kämpfen gegen prorussische Separatisten hat die Ukraine einen neuen Präsidenten gewählt. Unter dem Schutz bewaffneter Polizisten gaben Millionen Ukrainer am Sonntag mitten in der schwersten Krise des Landes ihre Stimme ab. In Kiew sowie im Westen der früheren Sowjetrepublik bildeten sich in vielen Wahllokalen Schlangen. Dort verlief die Abstimmung ruhig. In den von Aufständischen kontrollierten Regionen im Osten öffnete nur ein Teil der Wahllokale. Als aussichtsreichster Kandidat galt der frühere Minister und Schokoladenfabrikant Pjotr Poroschenko.

In der an Russland angrenzenden Ostukraine berichteten örtliche Medien von vereinzelten Übergriffen moskautreuer Kräfte auf Wahlstellen. Viele Einwohner der Gebiete Donezk und Lugansk trauten sich demnach nicht zur Wahl oder fanden keine Möglichkeit zur Stimmabgabe vor.

Bis zum Nachmittag 40,4 Prozent Wahlbeteiligung

Bis zum Nachmittag hatten nach offiziellen Angaben 40,4 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Die Wahlleitung räumte ein, dass sich aus vielen Bezirken die Zwischenergebnisse verzögerten. Das Parlament hatte eigens festgelegt, dass die Wahl gilt, auch wenn nicht überall im Land abgestimmt werden kann.

Der favorisierte Kandidat Poroschenko kündigte an, für Stabilität zu sorgen. „Die Bewaffneten müssen von den Straßen der Städte und Dörfer verschwinden“, sagte der Milliardär in Kiew. In den Umfragen lag die Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko mit deutlichem Abstand auf Platz zwei.

Die Ukraine ist seit der Amtsenthebung und Flucht von Präsident Viktor Janukowitsch ins russische Exil Mitte Februar ohne gewählten Staatschef. Schafft keiner der insgesamt 21 Kandidaten die absolute Mehrheit, gibt es am 15. Juni eine Stichwahl.

Die Regierung in Kiew, die EU und die USA hoffen, dass die Abstimmung die Lage in der Ukraine stabilisiert. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Samstag im Gespräch mit Vertretern internationaler Medien bekräftigt, Moskau werde das Votum respektieren, sprach aber nicht ausdrücklich von einer „Anerkennung“.

3000 Wahlbeobachter aus 20 Ländern

Die Regierung in Kiew hatte die Rekordzahl von etwa 3000 internationalen Wahlbeobachtern aus rund 20 Ländern eingeladen. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) kündigte an, mit etwa 1000 Experten im Einsatz sein, darunter nach Angaben von Außenminister Frank-Walter Steinmeier rund 100 Deutsche.

Insgesamt waren etwa 35 Millionen Menschen wahlberechtigt. Mit eingerechnet sind auch die Einwohner der Schwarzmeerhalbinsel Krim, die Russland gegen internationalen Protest annektiert hatte. In den von Separatisten teilweise kontrollierten östlichen Gebieten leben etwa 6,5 Millionen Menschen

Die Abstimmung sollte bis 20.00 Uhr Ortszeit (19.00 Uhr MESZ) dauern. Bei der Wahl in der zweitgrößten Stadt Charkow im Nordosten gab es im Tagesverlauf keine Zwischenfälle. Dagegen öffnete in den Gebieten Donezk und Lugansk nur ein geringer Teil der Wahllokale.

Die Gebietshauptstadt Lugansk ist vollständig unter Kontrolle prorussischer Separatisten. In zwei Städten wurden zudem die Bürgermeisterwahlen abgesagt. In der Region halten moskautreue Kräfte zahlreiche Verwaltungsgebäude besetzt. Sie haben sich nach umstrittenen Referenden von Kiew losgesagt.

Es kommt immer wieder zu Gefechten mit Regierungstruppen. Dabei wurden nach Angaben aus Kiew in der Nacht zum Sonntag zwei ukrainische Soldaten getötet. Nahe der Separatisten-Hochburg Slawjansk gerieten ausländische Reporter unter Beschuss. Dabei wurden ein italienischer Fotograf und ein ukrainischer Übersetzer getötet.

In Kiew waren die Einwohner zugleich zur Wahl eines neuen Bürgermeisters aufgerufen. In letzten Umfragen lag Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko deutlich in Führung. Er hatte 2006 und 2008 bei der Abstimmung jeweils verloren.

dpa

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