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Putin-Biograf zum Ukraine-Krieg: „Die Konflikte werden noch lange dauern“

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Von: Alexander Eser-Ruperti

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Hoffnungsschimmer im Krieg: Die Berichte über Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine mehren sich. Doch wohin können sie führen? Hubert Seipel im Interview.

Kiew – Die Lage im Ukraine-Krieg ist nach wie vor dramatisch – und damit hoch emotionalisierend. Ein nüchterner Blick auf die Ereignisse ist schwer, doch notwendig, wenn es um die Frage nach möglichen Lösungen geht. Zuletzt verdichteten sich die Hinweise auf ein in Kürze anstehendes Treffen zwischen Russland und der Ukraine. So wollen die Außenminister Sergej Lawrow und Amtskollege Dmytro Kuleba direkte Verhandlungen über die Zukunft der Ukraine aufnehmen.

Ukraine-Krieg: Biograf von Wladimir Putin sieht in den Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland nur einen Ausweg

Doch wohin können diese Gespräche führen, was wären derzeit realistische Möglichkeiten für ein Kriegsende? Im Interview mit kreiszeitung.de hat der renommierte Journalist und Putin-Biograf Hubert Seipel seine Einschätzung gegeben. Seipel sieht mit Blick auf die Situation in der Ukraine derzeit nur eine Lösung: Was Wladimir Putin angeht, glaubt er, dieser müsse auch innenpolitisch einen hohen Preis für den Ukraine-Krieg zahlen.

Herr Seipel, sehen Sie eine Lösung des Ukraine-Konflikts? Wenn, ja, wie könnte diese aussehen?

Der Preis des Konflikts wird ein neutraler Status der Ukraine sein wie einst Österreich oder Finnland nach dem Zweiten Weltkrieg und dazu die Autonomie des Donbasses. Das wird die Ukraine selbst sehr hart treffen und die Konflikte werden noch sehr lange dauern. Aber eine andere Lösung sehe ich derzeit nicht. Wir haben die Sache zu leicht genommen.

Inwiefern?

Wir müssen uns fragen, ob wir nicht gesehen haben, dass dieses Land überfordert, wenn es sich zwischen Europa und Russland entscheiden muss; ob wir die Entschlossenheit Russlands unterschätzt haben, das mit der Ukraine wirtschaftlich, aber auch historisch emotional eng verbunden ist. Das hatte 2013 der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu Protokoll gegeben und er hatte recht.

Zu sehen ist eine Ukraine-Fahne mit „Peace“-Zeichen in der Mitte. Ukraine-Krieg: Für einen Frieden in der Ukraine sieht der renommierte Journalist und Putin-Biograf Hubert Seipel derzeit nur eine Lösung. (Symbolbild)
Ukraine-Krieg: Für einen Frieden in der Ukraine sieht der renommierte Journalist und Putin-Biograf Hubert Seipel derzeit nur eine Lösung. (Symbolbild) © Antti Yrjönen/Antti Yrjönen/dpa

Die Ukrainer zeigen viel Patriotismus und Nationalstolz im Kampf gegen das übermächtige russische Militär. Für wie wahrscheinlich halten Sie eine langfristige Besatzung der Ukraine durch Russland? Droht Putin gar ein langjähriger Unruheherd in Form einer Widerstandsbewegung?

Dass es Widerstand geben wird, zeigen nicht nur die Meldungen über die Rekrutierung amerikanischer oder britischer Söldner, die gerade die Runde machen. Aber auch viele Ukrainer, die westlich orientiert sind, werden es bleiben. Das ist der politische Sprengsatz. Trotzdem gibt es aus meiner Einschätzung wohl keine andere Lösung für die nahe Zukunft, um zu deeskalieren. Es gilt, was Tolstoi vor über Hundert Jahren gesagt hat. Alle wollen die Welt verändern, aber keiner sich selbst. Auch Putin nicht.

Welche Chance auf tatsächliche Selbstbestimmung kann es für die Ukraine zwischen Russland und dem Westen in Zukunft geben?

In absehbarer Zeit keine, so wie ich die Lage einschätze.

Hubert Seipel zum Ukraine-Krieg: „Das größte Problem im Leben ist die Realität“

„Putin-Versteher“ galt schon vor Russlands Angriffskrieg in der Ukraine als Diffamierung. Für die militärische Aggression kann es kein Verständnis geben, aber: Kommt man im ernstgemeinten Interesse des Friedens umhin, sich mit den russischen Positionen und ihrem Zustandekommen auseinanderzusetzen?

Verstehen ist nun mal die journalistische Voraussetzung für eine rationale Auseinandersetzung mit Interessen und den Gründen und Zielen des anderen. Das heißt ja nicht, dass Sie diese teilen. Wenn Sie nur noch Glaubensbekenntnisse ablegen, weil sie auf der richtigen Seite stehen, können Sie den Job vergessen. Und wenn Sie Haltung damit verwechseln, dass Sie sich einen Stahlhelm aufsetzen und in den journalistischen Schützengraben gehen, um nicht als Kollaborateur zu gelten, haben Sie möglicherweise ein angenehmeres Leben und fühlen sich wohl, aber haben den Beruf verfehlt. 

Bilder aus dem Krieg lösen in mir ebenso Entsetzen und Wut aus. Dagegen ist man machtlos, diese Emotionen kann allerdings nicht die Frage ausklammern, wie und warum es so weit kommen konnte. Die ARD hat vor einigen Monaten den Film „Leben und Sterben für Kabul“ von 2009 wieder ins Programm genommen, als die Amerikaner uns damit schockten, einfach aus Afghanistan abzuziehen, ohne uns als Verbündete zu fragen. Ich hatte damals schon vorhergesagt, dass wir mit der Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch falsch lagen und auch nicht gewinnen würden. 

Journalist Hubert Seipel steckt bei einer Buchpräsentation den Kopf zusammen mit Russlands Präsident Wladimir Putin.
Renommierter Journalist und Verfasser mehrerer Bücher: Hubert Seipel im Jahr 2016 zusammen mit Russlands Präsident Wladimir Putin. © Mikhail Klimentyev/Sputnik/Kreml

Was heißt das nun konkret?

Ich kann mit der Vorstellung wenig anfangen, die da sagt: Wer unsere Position in Zweifel zieht, ist ein Verräter und arbeitet für den Gegner. Das größte Problem im Leben ist die Realität, hat ein englischer Analytiker geschrieben. Und die tut weh, aber deswegen dürfen Sie sich nicht ausschließlich in Empörung verlieren, weil Sie sich auf der richtigen Seite glauben.

Ukraine-Konflikt: Sanktionen treffen Russland hart – „Putin wird einen innenpolitischen Preis zahlen“

Im Krieg ist immer die Rede von einem Defensivkrieg. Ähnlich lautet das Narrativ auch bei Putin und seinem Angriffskrieg. Wie fallen die Reaktionen auf den Krieg in Russland aus, wie sehr wird dieser Erzählweise gefolgt?

Der Krieg ist immer ein Tabubruch. Die Erzählung, dass jede Seite einen Kampf führt, der einem von der anderen Seite aufgezwungen worden ist, ist auf beiden Seiten die Rechtfertigung für die Lage, die nicht erst seit dem Maidan Umsturz vorhersehbar war. Bis kurz vor dem Krieg war Putin mit 73 Prozent noch bei weitem der populärste Politiker. Die Sanktionen werden die Menschen hart treffen. In Russland hat sich das innenpolitische Klima schon verschärft. Putin wird einen innenpolitischen Preis dafür zahlen. Wer 2000 geboren wurde, kennt als russischen Präsidenten bewusst nur Wladimir Putin. Sein Image im Ausland ist ohnedies spätestens seit dem Maidan-Umsturz und der Krimkrise nicht mehr reparabel.

Welche Möglichkeiten eines Kriegsendes gibt es, bei dem alle Seiten, inklusive Putin, das Gesicht wahren würden?

Nur eine für die absehbare Zeit: die Neutralität der Ukraine.

Kriege sind nicht nur immer ein Tabubruch, sie kennen auch unter einem Großteil der Bevölkerung quasi nur Verlierer – da ist der Ukraine-Krieg keine Ausnahme. Auf dem Weg, den Hubert Seipel skizziert, gibt es vorerst keinen Raum für die tatsächliche Selbstbestimmung der Ukraine zwischen Russland und dem Westen, die Situation ist festgefahren. Die aktuell geplanten Gespräche zwischen den beiden Konfliktparteien sind ein kleiner Hoffnungsschimmer für Frieden in einer Situation, an deren Ende wohl kaum eine zufriedenstellende Lösung für die Ukrainerinnen und Ukrainer stehen wird – und das vermutlich für lange Zeit.

Hubert Seipel ist ein deutscher Journalist und preisgekrönter Dokumentarfilmer. Der Politikwissenschaftler schrieb für den Stern und arbeitete für den Spiegel als Auslandskorrespondent. Er führte das weltweit erste Fernsehinterview mit Wistleblower Edward Snowden, das die ARD im 26. Januar 2014 ausstrahlte. Über Wladimir Putin verfasste der Journalist bereits mehrere Bücher. (Dies ist Teil eins aus einem zweiteiligen Interview) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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