Langjähriger Kapitän beendet zugleich aktive Karriere

Kassel Huskies: Der neue Sportliche Leiter Manuel Klinge im Interview

Manuel Klinge im Nationaltrikot bei den Olympischen Spielen in Vancouver 2010.
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Bei den Olympischen Winterspielen 2010: Manuel Klinge im deutschen Nationaltrikot.

Die Kassel Huskies haben einen neuen Sportlichen Leiter. Es ist Manuel Klinge. Im Interview spricht der Rekordspieler des aktuellen Eishockey-Zweitligisten, der nach seiner Knieverletzung 2017 das Team bereits als Teammanager betreute, über seine neue Aufgabe.

Das sagt Manuel Klinge über...

die Entscheidung Karriereende: Im ersten Jahr nach der Verletzung habe ich gehofft, dass wir noch einmal etwas hinbekommen. Doch dann wurde immer klarer, dass eine Rückkehr aufs Eis nicht mehr möglich ist. Ich bin von der Berufsgenossenschaft sehr gut unterstützt worden, habe einen neuen Bildungsweg eingeschlagen, das Fernstudium zum Fachwirt Sport begonnen, und mich in die Aufgabe als Teammanager gestürzt.

den Umgang mit der Entscheidung: Die Zeit nach der Verletzung und der Operation war nicht einfach. Natürlich hatte ich mir meinen Abschied anders vorgestellt. Aber ich habe trotz allem versucht, optimistisch zu bleiben und mir die Frage gestellt: Wie wäre die Entscheidung ausgefallen, wenn ich sie frei hätte fällen können? Und heute sehe ich es so: Die Entscheidung wurde mir abgenommen.

den nächsten Karriereschritt: Ich bin jeden Tag dankbar über diese Möglichkeit. Joe hat mir von Anfang an jede Option geboten ohne zeitlichen Druck. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mehr Verantwortung zu übernehmen.

die neuen Aufgaben: Ich kann ab jetzt aktiv die Zukunft der Huskies mitgestalten. Darauf freue ich mich sehr. Meine Tätigkeit wird wirksam mit Blick auf die neue Saison. Anders als als Teammanager bin ich künftig für die komplette Kaderplanung verantwortlich – in Abstimmung mit Trainer Tim Kehler und Joe. Klar kenne ich viele Spieler gut, es sind Freundschaften entstanden. Aber jetzt bin ich quasi ihr Arbeitgeber. Ich muss jetzt die Perspektive wechseln und mich viel intensiver mit Spielern auseinandersetzen, auch mit jungen. Als ehemaliger Aktiver habe ich sicher den Vorteil, dass ich mich sehr gut im Sport auskenne, Spieler besser einschätzen kann, wenn ich sie erstmals im anderen Trikot sehe, ein Netzwerk im Eishockey habe. Ein reiner Betriebswirt wiederum beherrscht Dinge, die ich mir noch aneignen muss.

den Jobwechsel in Zeiten von Corona: Das ist keine einfache Situation, weil wir nicht wissen, wann und wie wir zum normalen Spielbetrieb zurückkehren können. Das größte Problem ist dabei die Ungewissheit, dass derzeit nichts zu hundert Prozent planbar ist. Aber ich sehe es als Herausforderung, an der man wachsen kann. Die Probleme werden mehr, aber es heißt für mich, dass man Lösungen finden muss. Und das betrachte ich als meine Aufgabe.

Höhepunkte der Karriere: Da gibt’s zwei herauszunehmende Momente, die beide mit sehr viel Emotionen zu tun haben. Dieses eine Spiel gegen Duisburg hat mich sehr bewegt und auch mental sehr mitgenommen. Denn es stand ja alles auf der Kippe. Es war das letzte Spiel der Oberliga-Endrunde 2014, es ging um die Teilnahme an der Aufstiegsrunde oder aber, ob alles hier am Ende gewesen wäre.

Der Glaube der Mannschaft, die Geschlossenheit, diese Brüderlichkeit auf dem Eis – ich bekomme selten Gänsehaut, aber bei der Erinnerung daran bis heute noch. Auch, weil ich zunächst gedacht habe, dass uns dieses 1:1 nach 60 Minuten nicht reichen würde. Ich war so leer und dachte, wir müssen noch ein Tor schießen, um innerhalb der 60 Minuten zu gewinnen. Erst unser Betreuer auf der Bank hat mich darauf hingewiesen, dass der eine Punkt uns reicht. Dass wir 1:2 nach Penaltyschießen verloren haben, war letztlich egal.

Der zweite Moment waren die Olympischen Spiele 2010. Zum einen, weil sie so überraschend kamen, und das aufkommende Glücksgefühl unvergesslich ist, wenn man vom Trainer hört, dass man dabei ist. Zum anderen, weil ich neben dem Eis so viele besondere Persönlichkeiten erleben durfte. Auf dem Weg zur Eröffnungsfeier beispielsweise saß im Shuttlebus ein Athlet neben mir, den ich nicht kannte. Wir haben freundschaftlich gesprochen. Als ich ihn gegoogelt habe, stellte sich raus: Das war Shaun White, der Snowboarder. Erst dann wusste ich, was der in Nordamerika für ein Superstar war. Das sind Momente, die bleiben.

Rückschläge: Klar, die erste Zeit nach der Verletzung. Als mir bewusst wurde, ich habe das jetzt alles nicht mehr, ich kann nicht mehr mit meinen Jungs aufs Eis, wir können uns nicht mehr Ziele stecken und die im besten Fall gemeinsam erreichen. Das hat an mir gezehrt, aber auch das habe ich versucht, ins Positive zu kehren: Was habe ich stattdessen, was kann ich tun, um den anderen zu helfen? Und jetzt mache ich den nächsten Schritt, und hoffe, dass ich das Kasseler Eishockey positiv beeinflussen kann. Sportlich enttäuschend waren Dinge wie das Ausscheiden gegen Halle im ersten Oberliga-Jahr, als wir die Erwartungen nicht erfüllt haben.

prägende Personen: Alle Trainer haben mir etwas mitgegeben. Ganz besonders Milan Mokros. Er hat mich in meiner jungen Karriere sehr geprägt und geformt in Sachen Disziplin und Zusammenhalt, und dass harte Arbeit sich auszahlt.

seine Starting Six: Michi Christ, Sven Valenti, Alex Heinrich, Shawn McNeil, Petr Sikora und Hugo Boisvert waren prägende Spieler. Wir sind zusammen durch dick und dünn gegangen. Und wir waren immer die, auf die das Gute und Schlechte zurückgefallen ist, vor allem zu Oberligazeiten. Es wurde schon immer von uns erwartet, dass wir die Mannschaft zusammenhalten, dass wir dafür sorgen, dass das Klima stimmt. Das ist uns allen in den meisten Fällen gut gelungen.

das Erfolgsmodell Kasseler Jungs: Es ist ein Stück weit einmalig, weil wir eine Vielzahl an Jungs mit Bezug zum Kasseler Eishockey hatten und haben. In diese Richtung sollte es ein Stück weit auch künftig gehen. Dass man auch künftig den Augenschein auf Jungs mit Kasseler Bezug legen sollte.

die damalige Rückkehr nach Kassel: Das war der verrückteste Schritt meiner Karriere, einer, den mir zwei, drei Leute ermöglicht haben. Mannheim war ein sehr guter Arbeitgeber. Aber die Jungs haben in der Hessenliga vor einer wahnsinningen Kulisse gespielt, und ich fand es so toll, was hier passierte und wollte ein Teil davon sein. Ich wollte meinen Beitrag leisten, Kassel wieder dorthin zu führen, wo wir meiner Meinung nach hingehören. Nämlich in die DEL. Und das ist auch mein Ziel als Sportdirektor.

(Von Frank Ziemke und Michaela Streuff)

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