Benefizspiel im Auestadion am Mittwoch

Interview mit Fußball-Profi Hassan Amin: „Afghanistan ging es nie gut“

Hassan Amin.
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War zuletzt für den SV Meppen aktiv: Fußballer Hassan Amin wird morgen beim Benefizspiel im Auestadion sein.

Hassan Amin hätte gern selbst mitgespielt. Weil er sich aber Ende Mai eine Patellafraktur zugezogen hat, kann der 29-Jährige morgen im Auestadion nur zuschauen.

Kassel – Dabei sein will er trotzdem, beim Benefizspiel für Afghanistan ab 18 Uhr, das Harez Habib, Ex-Spieler des KSV Hessen Kassel, gemeinsam mit dem Klub organisiert hat. Ein Allstar-Team des KSV trifft auf eine Auswahl afghanischer Freunde. Wir haben vorab mit Amin, der aus Darmstadt stammt, 25 Mal für die afghanische Nationalmannschaft auflief und dessen Eltern in Afghanistan geboren wurden, über die Zustände in dem Land gesprochen, das von den Taliban übernommen wurde.

Herr Amin, erst einmal gute Besserung.

Danke. Ich hätte wirklich gern auf dem Platz gestanden. Ich bin aber immer noch in der Reha. Ich hatte gehofft, dass es schneller geht. Die Kniescheibe ist gebrochen. Es war ein Zweikampf Knie gegen Knie. Ich versuche gerade, wieder fit zu werden und dann einen Verein zu finden.

Seit wann kennen Sie Harez Habib?

Ich glaube, wir haben uns 2009 kennengelernt. Über den Fußball. Wir waren bei einem Freizeitturnier in einer Mannschaft. Da hatten wir das erste Mal Kontakt.

Warum ist es Ihnen so wichtig, dass Sie morgen vor Ort sind – auch wenn Sie nicht spielen können?

Was Harez da auf die Beine gestellt hat, ist einfach eine großartige Sache. Ich kenne das Stadion gut. Ich habe selbst häufiger mit Mannheim und Darmstadt in Kassel gespielt. Das waren immer tolle Begegnungen, eine tolle Stimmung. Ich habe nur gute Erinnerungen. Mit Kevin Nennhuber habe ich übrigens auch mal bei Mannheim zusammengespielt.

Die Bilder aus Afghanistan hat man vor Augen. Wie ist Ihre Betroffenheit?

Meine Familie ist glücklicherweise nun komplett raus aus Afghanistan. Ich habe in den vergangenen Wochen mehrere Interviews geführt, da habe ich nie gesagt, dass mein Onkel noch in Kabul war. Weil er eben noch da war und gekämpft hat, um rauszukommen.

Das klingt dramatisch.

Er ist mittlerweile zum Glück in Deutschland. Ich habe ihn schon gesehen, wir haben gesprochen. Er hat mit erzählt, wie es war.

Möchten Sie das mit uns teilen?

Er sagt, am Flughafen in Kabul war es ein Kampf. Ein riesiges Durcheinander. Die Amerikaner haben häufig in die Luft geschossen, haben Tränengas verwendet. Jeder hat nur auf sich selbst geschaut. Es gab keine Rücksicht. Es war ein Kampf ums Überleben.

Für jemanden hier ist das kaum vorstellbar.

Ja, das geht mir auch so. Es war extrem heiß. Die Menschen dort haben tagelang am Flughafen ausgeharrt. Mein Onkel hat gesagt, er war irgendwann so durstig, dass er fast kollabiert ist. Aber wenn du aus der Menge gehst, um etwas zu trinken, dann musst du dich danach wieder nach vorn kämpfen. Es ging nicht anders, er ist raus, hat Kraft getankt, getrunken, gegessen. Dann hat er sich nach vorn gearbeitet. Es waren wenige Bundeswehrsoldaten da. Ein Amerikaner hat ihn dann reingewunken. Er musste lange laufen. Dann kamen Bundeswehrsoldaten, haben seinen Pass überprüft. Irgendwann ist er mit einem Flugzeug nach Usbekistan gekommen, dann in die Schweiz, dann nach Frankfurt.

Er hat es geschafft.

Er schon. Aber er hat auch erzählt, dass viele Menschen umgekippt, ums Leben gekommen sind. Da war dieser Kanal, den man auch auf vielen Bildern gesehen hat. Alles war voll mit Urin und Kot. Und wenn die Amerikaner geschossen oder Tränengas verwendet haben, sind immer wieder Menschen in den Kanal gefallen, waren voll mit Exkrementen.

Warum war Ihr Onkel überhaupt in Kabul?

Er hat dort noch ein Haus und ist hingeflogen, um Dinge zu regeln, Sachen mitzunehmen, bevor die Taliban kommen. Es hieß, das dauert noch mehrere Monate, man habe nichts zu befürchten. Auf einmal waren sie da.

Was glauben Sie, wie sich das Land nun entwickelt?

Die letzte Regierung war korrupt, hat Geld veruntreut. Der Präsident soll ja mit vielen Millionen Euro geflohen sein. Zuletzt hatten Menschen mehr Freiheiten, vor allem Frauen. Aber Afghanistan ging es nie gut. Man hat sich nie sicher gefühlt. Es gab immer Attentate, Bomben sind explodiert. Die Menschen sind daran gewöhnt. Ich glaube aber nicht, dass die Taliban moderater geworden sind. Die Vorzeichen sind nicht gut. Ich kann jeden jungen Menschen verstehen, der das Land verlassen möchte. Es gibt keine Perspektive. Von den Milliarden, die geflossen sind, ist nichts an die Menschen gegangen. Die Zustände sind schockierend. Man hat ein mulmiges Gefühl auf der Straße. Es kann immer etwas passieren. Und die Menschen wundern sich eher, wenn nichts passiert.

Haben Sie eine Erklärung, wie die Machtübernahme in diesem Tempo passieren konnte?

Ich weiß, dass viele kämpfen wollten, die Regierung aber gesagt hat, man sei in Friedensgesprächen mit den Taliban. Die Menschen sind aber auch kriegsmüde. Sie wollen nur Frieden und einen halbwegs vollen Magen.

Warum ist so ein Benefizspiel trotz allem wichtig?

Am Ende des Tages sind uns hier die Hände gebunden. Wir können nur Zeichen setzen, damit die Menschen in Afghanistan sehen, dass wir sie nicht vergessen haben. Wir leiden mit ihnen, hängen am Handy und vor dem Fernseher. Die Afghanen brauchen Hoffnung und Kraft. Wir können nur emotional und moralisch Beistand leisten. (Maximilian Bülau)

Zur Person

Hassan Amin (29) wurde in Darmstadt geboren. Seine Eltern stammen aus Afghanistan und kamen in den 1980er-Jahren wegen der sowjetischen Intervention nach Deutschland. Amin ist nach einer Verletzung derzeit vereinslos. Der Linksverteidiger spielte für Darmstadt, Frankfurt II, Mannheim, Saarbrücken und Meppen. Er ist ledig und hat keine Kinder.

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