Von Trikots, Trainern und Torjägern

Vor Ort beim Benefizspiel für Afghanistan im Auestadion: Ein Abend in Schwarz-Rot-Grün

(von links) Yousuf, Hassina und Younus Azizi.
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Mit der afghanischen Fahne: (von links) Yousuf (4 Jahre alt), Hassina (8) und Younus (6) Azizi aus Baunatal.

Lange überlegen musste keiner, als er von Harez Habib gefragt wurde. Überlegen, ob er am Benefizspiel für Afghanistan teilnehmen möchte, das am Mittwochabend im Auestadion ausgetragen wurde.

Kassel – Der Erlös geht an zwei deutsche Organisationen, die Menschen und vor allem Kindern in dem Land helfen, das nun von den Taliban beherrscht wird. „Ich war gleich bereit“, sagt Holger Brück, der bei den KSV-Allstars auf der Trainerbank saß. Die ehemaligen Fußballer des KSV Hessen Kassel trafen auf eine Auswahl afghanischer Freunde. Wir waren vor Ort.

Vor dem Spiel

Am Stadioneingang steht eine Kinderschlange und bietet Lose an. Zu gewinnen gibt es unter anderem Trikots von den Bundesligaprofis Nadiem Amiri, Karim Bellarabi – und auch das Oberteil, das Thorsten Bauer, der Kasseler Fußballgott, später im Spiel tragen wird. Mit Unterschriften. Im Stadion ist die Stimmung gelöst. Die Trainerduos sitzen zusammen. Holger Brück und Bernd Lichte betreuen die Allstars, Mirko Dickhaut und Wolfgang Zientek die afghanische Auswahl. Es wird über die Vergangenheit gesprochen. Brück habe mal einen Gegenspieler am eigenen Strafraum getunnelt, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Zientek ist zunächst der Meinung, dass er das als Mitspieler nicht so gut gefunden hätte. Alle kommen zu dem Schluss: Wer es kann, kann es machen.

Ob es Trainingseinheiten vor dem Benefizspiel gab? „Allein heute gab es drei. Und wir kommen gerade frisch aus dem Trainingslager vom Sensenstein“, sagt Lichte. Dickhaut schmunzelt. Das ist natürlich Quatsch. Ärger um die Plätze in der Startelf gab es nicht. „Wer auf der Bank sitzt, sitzt auf der Bank“, so Brück. Pragmatisch. Keine Widerworte.

Der Anstoß

Es ist schon ein paar Minuten nach 18 Uhr, als die Partie angepfiffen wird. Und dieser Anstoß ist ein besonderer. Er wird von Fatema Haydari ausgeführt, einer Fußballerin aus Kassel, die für die deutsche U15-Nationalmannschaft aufläuft – aber auch noch mit den Jungs in der U14 des VfL Kassel kickt. Haydari hat afghanische Wurzeln. Für ihre Ballberührung gibt es viel Applaus.

Auf der Tribüne

482 Zuschauer sind gekommen. Unter ihnen sind auch Ghulam Azizi und seine drei Kinder Hassina (8 Jahre alt), Younus (6) und Yousuf (4) aus Baunatal. Sie haben – wie viele andere – Fahnen und Schals dabei. Alles in Schwarz-Rot-Grün – die Farben der afghanischen Flagge. Die Taliban haben dieser Flagge nun die Anerkennung entzogen. „Wir haben Verwandte in Afghanistan. Wir wollen Unterstützung zeigen. Die Taliban können uns nicht regieren“, sagt Ghulam Azizi.

Das Spiel

Ein Benefizspiel hat ja sportlich häufig nicht den ganz großen Stellenwert. Der erste Treffer ist aber mehr als sehenswert. Und passenderweise erzielt ihn der Organisator. Harez Habib schlenzt den Ball für die Afghanistan-Auswahl in den linken Winkel. Schon vor dem Anpfiff war der 39-Jährige ziemlich viel unterwegs. „Ich bin mit allem beschäftigt, nur nicht mit dem Spiel“, sagt er lachend. „Wenn ich die Namen und Jungs sehe, bin ich zufrieden“, fügt er an. Wie viel Geld am Ende zusammengekommen ist, wird erst in den kommenden Tagen endgültig feststehen.

Thorsten Bauer dreht anschließend mit einem Doppelpack die Partie. Obaidullah Karimi schlägt zurück. 3:2 für die Auswahl Afghanistans. Pause. Dann ist wieder Bauer zur Stelle. 3:3. Die Allstars gehen durch Daniel Beyer in Führung. Ein Doppelpack von Yama Panahi sowie Treffer von Imal Schersadeh und Nauwid Amiri entscheiden die Partie aber mit 7:4 für die afghanischen Freunde.

Die 62. Minute

Es gibt einen Moment während dieses Benefizspiels, der die Stimmung trübt. Swen Meier, Finanzvorstand des KSV Hessen und früher Torhüter, steht bei der Afghanistan-Auswahl zwischen den Pfosten. Als Spezialaushilfskraft wird er angekündigt. In der 62. Minute liegt Meier plötzlich im Strafraum, hat große Schmerzen. Er wird vom Platz getragen, muss mit dem Krankenwagen abtransportiert werden. Meier hat sich wohl die Achillessehne gerissen. Als Habib nach dem Abpfiff noch einmal zu den Zuschauern spricht, wünscht er deswegen vor allem dem 43-Jährigen gute Besserung. Die Zuschauer applaudieren noch einmal. Dann bewegt sich die schwarz-rot-grüne Menschentraube Richtung Stadionausgang. (Maximilian Bülau)

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