Die sportliche Leistung meines Lebens (54) Geher aus Eschwege mit schier unzähligen Triumphen

17 Medaillen bei Europameisterschaften: Die sensationelle Laufbahn des Gernot Mittag

Für Gernot Mittag (Startnummer 664) einer seiner größten Erfolge: Bei den Europameisterschaften 2005 in Portugal gewann der Eschweger Geher in vier Wettbewerben vier Medaillen. Darunter auch Gold in der Mannschaftswertung.
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Für Gernot Mittag (Startnummer 664) einer seiner größten Erfolge: Bei den Europameisterschaften 2005 in Portugal gewann der Eschweger Geher in vier Wettbewerben vier Medaillen. Darunter auch Gold in der Mannschaftswertung.

Jeder Sportler hat Wettkämpfe, die ihm in Erinnerung bleiben. Wir erzählen diese Geschichten in unserer Serie „Die sportliche Leistung meines Lebens“. Heute: Geher Gernot Mittag.

Die Erfolgsquote heimischer Sportler in den vergangenen Jahrzehnten bei Deutschen, Europa- oder Weltmeisterschaften ist beeindruckend. So manches Edelmetall aus Bronze, Silber oder Gold belohnte die großartigen Leistungen der Aktiven verschiedener Sportarten aus der Region, die mit der deutschen Spitze mithalten konnten.

So wie Gernot Mittag, der erfolgreiche Eschweger Geher, der in rund 40 Wettkampfjahren neben vielen deutschen Titeln 17 Medaillen allein bei Europa- und Weltmeisterschaften der Seniorenklasse gewann. Eine beeindruckende Bilanz, wie sie bisher noch kein Senioren-Geher Nordhessens vorweisen kann.

Höhepunkt Portugal

An einen Wettkampf erinnert sich Gernot Mittag besonders: die EM 2005 im Straßengehen in Vila Real de Santo/Portugal. „Das war ein Höhepunkt in meiner Geher-Karriere, denn in 48 Stunden habe ich in vier Wettbewerben vier Medaillen gewonnen.“ Gold sicherte sich das deutsche Geherteam mit Mittag über 10 km, Silber über 30 km. Jeweils Bronze eroberte der Eschweger in den Einzelwertungen über 10 und 30 km. 2006 in Posen/Polen gab es Mannschafts-Silber über 20 km (EM). 2008 in der M 70 startend, feierte Mittag das WM-Gold mit der Mannschaft über 10 km Straße im französischen Clermont-Ferrand und Bronze im Einzel. 2014 der letzte große Wettkampf bei der Senioren-WM in Lyon, als das deutsche Team über 10 km Silber gewann. Besonders gern denkt Mittag an die sechs Jahre (2004-2010) zurück, in denen er für den ASV Erfurt startete. Im Team mit so bekannten Gehern wie den Olympiasiegern Christoph Höhne und Hartwig Gouda. Mittag lobt vor allem die „gute Kameradschaft in der Mannschaft“, die vorbildliche Betreuung, die Ehrungen durch die Stadt Erfurt. „Hier habe ich meine schönste Wettkampfzeit verbracht.“ Aber auch seine Heimatstadt Eschwege belohnte Mittags überragende Leistungen. 2014 zeichnete ihn der Magistrat als „Sportler des Jahres“ aus.

Zur Person

Gernot Mittag wurde am 13. Februar 1938 in Sternberg im Sudetenland geboren. Die Familie kam 1946 nach Eschwege, er besuchte hier die Schule. Ging mit 16 Jahren zur Ausbildung bei der Post nach Offenbach. 1959 zurück nach Eschwege, heiratete, arbeitete bei der Post. Trat der TSG Jahn/Eintracht bei und wurde Mitglied im Postsportverein Eschwege, bei dem er sich auch im Vorstand engagierte. Startete als Leichtathlet zunächst über Kurz- und Mittelstrecken. Wechselte 1974 ins Lager der Geher und steigerte durch konsequentes Training ständig seine Leistungen. Ab 1990 zählte Mittag zur deutschen Spitze der Senioren-Geher, sammelte zahlreiche regionale und 13 deutsche Titel. International war 2002 die Mannschafts-Weltmeisterschaft des deutschen Teams über 10 km Straße in Riccione der erste große Erfolg. Mittag gewann in den folgenden Jahren bis zum Ende der Karriere 2017 insgesamt 17 Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften.

Start an Mittelstrecke

Seit frühester Jugend war der 1938 geborene Gernot Mittag auf dem Sportplatz zu finden, der eine zweifache sportliche Karriere hinter sich hat. Als Jugendlicher und später als Wettkämpfer waren die Sprint- und Mittelstrecken von 100 bis 800 Meter sowie ein gelegentlicher Mehrkampf das Feld, in dem sich der Angestellte bei der Post um die Siege und Medaillen stritt. Als B-Jugendlicher lief er die 100 Meter in 11,8 Sekunden. In der Ära Eddy Harthaus startete Mittag ab 1960 in der Leichtathletik-Truppe der TSG Jahn/Eintracht, die auf Bezirks- und Landesebene den Wettkämpfern aus Kassel, Gießen und Frankfurt so manche Medaille wegschnappte. Siege von Mittag über die Mittelstrecken von 400/800 Meter waren dabei.

Kurios, wie Gernot Mittag Kontakt zum Geher-Sport bekam. Das war 1974, als ein Eschweger Leichtathletikteam beim Sportfest auf der Melsunger Freundschaftsinsel startete. Er wollte eine Mittelstrecke laufen, übersah aber, dass es kein Angebot gab, nur Geher-Wettbewerbe. „Ich meldete, um nicht umsonst mitgefahren zu sein, startete, und fand Gefallen am Geher-Sport“, erinnerte sich der damals schon 36-Jährige. Mit der Konsequenz: eifrig weiter trainieren und bald Erfolg haben, obwohl die Umstellung vom Laufen zum Gehen wegen der strengen Regeln auch für ihn nicht einfach war. Die erste gute Platzierung im Kasseler Auestadion mit Platz 20 in einem starken Feld über 20 Kilometer.

Trainingsprogramm

Das war der Start in eine erfolgreiche Geher-Karriere. Dieser Sport mit seiner besonderen Technik und Regeln ließ auch einen älter werdenden Gernot Mittag nicht mehr los, der fortan aber seine Konkurrenten in der Senioren-Klasse suchte. Um sich zu verbessern, nahm er ein großes Trainingsprogramm auf sich, das er auch eisern durchhielt. Fast täglich auf den Wegen des Werratales trainierend, manchmal belächelt, bereitete er sich auf die ersten Starts vor. Zunächst in Altersklassen-Wettbewerben für Uniformierte bei Post, BGS und Polizei, später aber auch im Trikot des SC Meißner bei offiziellen Geher-Meisterschaften.

Die ersten Erfolge auf Landes- und Bundesebene stellten sich bald ein. Um mit Gleichgesinnten, die in Eschwege fehlten, auch in einer Mannschaft starten zu können, schloss er sich Geher-Gruppen in Kassel, Groß-Gerau, Ortenau und Erfurt an, und das öffnete dem Eschweger das Tor zu den großen Erfolgen in Mannschaften, die er in Straßen-, Hallen- und Bahn-Wettbewerben in Europa erreichte.

Große Siege

In Nordhessen war Mittag ab 1990 unumstritten erfolgreichster Geher der Seniorenklasse. Waren es zunächst Landestitel in Hessen und Baden, kamen ab 1990 deutsche Meisterschaften hinzu. Mittag führte Buch: „Es waren 13 deutsche Titel in verschiedenen Altersklassen auf Bahn, Straße und in der Halle.“ 1998 und 2002 gewann er den deutschen Geherpokal und in Länderkämpfen war er ebenfalls eingesetzt.

Mittags Erfolgsserie hievte ihn in die erste Reihe deutscher Senioren-Geher, die bei Europa- und Weltmeisterschaften an den Start gingen. Es spricht für seine Klasse, dass Gernot Mittag in diesen Jahren 17 Medaillen (Gold, Silber, Bronze) eroberte, die nun den heimatlichen Medaillenschrank schmücken. Erster internationaler Erfolg war Platz 5 bei der Bahn-EM 1998 in Cesenatico/Italien, die erste Mannschaftsmedaille gab es 2002 bei der WM in Riccione. Eine Auswahl weiterer Erfolge: 1999 Vize-Europameister in der Halle über 3000 Meter in Malmö/Schweden, 2002 Mannschafts-Weltmeister 10 km Straßengehen in Riccione.

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Von Siegfried Furchert

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