DIE SPORTLICHE LEISTUNG MEINES LEBENS (53)

Gerd Strauß war als Eschweger der größte Weidenhäuser

Auf dem grünen Sofa der Werra-Rundschau-Redaktion in Eschwege: Gerd Strauß aus Eschwege.
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Auf dem grünen Sofa der Werra-Rundschau-Redaktion in Eschwege: Gerd Strauß aus Eschwege.

Jeder Sportler hat Wettkämpfe, die ihm in Erinnerung bleiben. Wir erzählen diese Geschichten in unserer Serie „Die sportliche Leistung meines Lebens“. Heute: Ex-Weidenhäuser Erfolgstrainer Gerd Strauß aus Eschwege.

Er ist durch und durch Eschweger, er ist durch und durch Sportler, der in vielen Bereichen im Ballsport aber auch als Solist über außergewöhnliches Talent verfügte. Die Rede ist von Gerd Strauß, der sowohl beruflich als Pädagoge viel für junge Menschen getan hat, aber auch erfolgreich auf dem sportlichen Sektor, wo er persönlich, zunächst als Handballer, eine feste Größe beim ETSV war. Und er gab im Trainerbereich sein Wissen und seine Erfahrung gerne weiter und durfte zur eigenen Freude miterleben, wie sich aus manchem zarten Pflänzchen eine stolze Blume entwickelte.

Es wird sicherlich viele heimische Sportler wundern, dass Gerd Strauß die sportliche Leistung seines Lebens nicht in Eschwege sieht, nein, er schreibt seine Erfolgsgeschichte rund acht Kilometer weiter westlich. „Der SV Adler Weidenhausen ist bis heute tief in meinem Inneren verankert. Und als Steigerung sage ich: Er wird es für alle Zeiten bleiben. Die Ära, die mein sportliches Leben prägte wie keine andere, begann 1983. Während eines Elternsprechtages an den Beruflichen Schulen in Eschwege hat mich mein Lehrerkollege Wilfried Münscher gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, eine Fußballmannschaft zu trainieren? Spontan habe ich zugesagt, obwohl ich nicht wusste, was da auf mich einprasseln würde. Schon gar nicht war abzusehen, dass dieser impulsive Entschluss 13 Jahre in Folge bis 1996 nach sich ziehen würde“, macht Gerd Strauß beim WR-Gespräch deutlich, dass Fußball auf dem Chattenloh fortan sein Leben bestimmte und sich noch einmal in der Saison 2000/2001 ein weiteres Engagement angeschlossen hat.

„365 Tage im Jahr stand der Verein im Vordergrund bei allen meinen Überlegungen, die sich jeden Tag bei mir im Kopf bewegten. Und meine kontinuierliche Arbeit führte dazu, dass der SV Adler Jahr für Jahr seinem Namen alle Ehre machte und permanent höher geflogen ist“, spannt Gerd Strauß den Bogen zum unvergessenen Relegationsspiel zur Landesliga gegen Flieden, „das wir, ganz bitter für mich, am 4. Juni 1995 vor 1000 Zuschauern durch zwei individuelle Fehler mit einer vermeidbaren 1:2-Niederlage quittieren mussten. Das Duell wurde sogar im Info-Kanal im Fernsehen übertragen, der SVA war auf Sendung“, so der 69-Jährige, der aufgrund seiner vielen vorgegebenen taktischen Varianten von einigen eingefleischten Adler-Fans als „Otto Rehhagel von Weidenhausen“ bezeichnet wurde.

Wilfried Münscher, der ja großen Anteil an der Verpflichtung von Gerd Strauß hatte, beobachtete das Wirken seines Berufskollegen intensiv. Die Adlerlegende wörtlich: „Die Identifikation mit dem Verein und dem Dorf spielte in den Gedanken von Gerd eine entscheidende Rolle. Der Spruch Adler, flieg, Adler, sieg, Adler, zeige allen deine Krallen, Adler, greife an, ist als Idee vom Trainer geboren, genau wie der Adler, der auf den damaligen Eintrittskarten seine Krallen präsentierte“, erklärt Münscher, dass Gerd Strauß der Zeit voraus und sehr oft als Eschweger der größte Weidenhäuser war.

Ich habe jedem gesagt, dass der Verein ihm nicht dankbar sein muss, sondern er dankbar sein muss, dass er beim SVA aktiv sein kann.

Gerd Strauß

Gerd Strauß an dieser Stelle: „Ich habe jedem Spieler, der nach Weidenhausen wechselte, gesagt, dass der Verein ihm nicht dankbar dafür sein muss, sondern er dankbar sein muss, dass er beim SVA aktiv sein kann.“ Auch seine Motivations-Psychologie genoss einen hohen Stellenwert: „Unser Goalgetter Uwe Feige musste sich mal mit dem Ansatz von Ladehemmung auseinandersetzen. Da habe ich ihm einen Zehnmarkschein als Glücksbringer gegeben, den er in einen seiner Fußballschuhe stecken sollte. Pech hatte dann nur ich, weil er mir den Talisman natürlich nicht wieder zurückgegeben hat.“

Einer weiteren Trainertätigkeit ist er während seiner Zeit beim SV Adler parallel und mit der gleichen Leidenschaft im Jugendbereich bei Eschwege 07 nachgegangen. Die Mannschaft um seinen Sohn Kilian hat er von frühester Kindheit bis hoch zur A-Jugend gefördert. Und bevor die Jungs dann in den Seniorenbereich aufgestiegen sind, zündete Gerd Strauß 2004 mit einem Trainingslager in Tunesien eine Rakete. „Schon am Flughafen in Paderborn wurde uns Aufmerksamkeit geschenkt. Vor allem wegen des Outfits. Bis auf meinen Sohn hatten alle Spieler einen Anzug an, ganz so wie die Bayernstars auf dem Weg zum Champions-League-Match. Und nach der Landung hielten es die tunesischen Zollbeamten für angebracht, mich als Trainer zu erst abzufertigen. So bin ich an der Schlange der Touristen vorbeigeschlichen.“

Apropos Touristen: „Die staunten im Hotel über die Disziplin meiner Jungs und feuerten uns bei einem Trainingsspiel gegen eine tunesische Männermannschaft an, das wir logischerweise haushoch verloren“, sagt Gerd Strauß zu dem „großartigen“ Tunesien-Trip.

Mit zehn Jahren hat 1961 der sportliche Weg von Gerd Strauß beim damaligen TV Eschwege 1861 begonnen. Geräteturnen und Leichtathletik unter den späteren ETSV-Ehrenvorsitzenden Herbert Fritsche und Willi Ernesti, Handball bei Klaus Wohllust in der damaligen Struthturnhalle, dem Treffpunkt aller Jugendhandballer des Landkreises sowie der Schulmannschaften. „Und dann kam unser Glücksfall Manfred Mummert, ein Trainer, der fachlich und menschlich in der Lage war uns, einen wilden Haufen, immer wieder aufs Neue zu motivieren. Er führte uns in den Seniorenhandball“, machte Gerd Strauß beim WR-Gespräch deutlich, dass der anhaltende Abwärtstrend mit der sofortigen Kreismeisterschaft gestoppt wurde und 1972 der Weg über die Bezirksleistungsklasse mit Spielerkollegen wie Werner Rüberg, Jürgen Haferburg, Peter Mende, Bernd Bogatsch, Gerhard Meister und Hans-Jürgen Hugo bis zur Verbandsliga führte und somit eine erste große Hallenhandball-Ära beim ETSV eingeläutet wurde.

„Nach meinem Studium, das mich zwischen 1971 und 1976 nach Darmstadt führte, habe ich mich wieder dem Eschweger TSV angeschlossen, der noch immer in der Verbandsliga spielte, jetzt im neuen Handball-Tempel Heuberghalle. Obwohl wir wieder bis in die Kreisklasse abgestiegen sind, habe ich als Spielertrainer und Trainer dem Verein die Stange gehalten, bis 1983 der SVA für mich einen völlig neuen Pfad ebnete“, so der waschechte Dietemann, der vom Handballer zum Fußballtrainer wurde.

Gerd Strauß, der seit 2004 als zweiter Vorsitzender an der Seite von Markus Claus beim ETSV, dem größten Sportverein im Werra-Meißner-Kreis, steht, hat auch seine Liebe zur Sportgeschichte entdeckt und sich als Autor, speziell dem Erstellen von Chroniken, gewidmet. Für ihn leidet ohne historische Bezüge die Identifikation innerhalb eines Vereins. Neben zahlreichen Vorträgen über den Werdegang der ETSV-Abteilungen, dabei waren ihm Wertvorstellungen wie Fairness, Rücksichtnahme, Akzeptanz des Schwächeren oder das Ertragen von Niederlagen ganz wichtig, hat er regelmäßig Beiträge aus alten Zeiten für die ETSV-Hallenzeitschrift geschrieben und im Jahr 2000 seine Chronik über den ETSV-Handball dem leider viel zu früh verstorbenen Ralph John gewidmet.

Zusammen mit Jürgen Hinske hat Gerd Strauß zum 90-jährigen Bestehen der SV 07 Eschwege eine historische Sammlung erstellt. Und sein jüngstes Werk dieser Art war das Jubiläumsbuch zum 100-jährigen Bestehen des SV Adler Weidenhausen. Dazu kommt seine Festrede, die zu halten für ihn selbst eine besondere Ehre bedeutete und die keine Steigerung zulässt. Inhaltlich interessant, spannend, tiefgründig und mit reichlich Humor gespickt, durfte er sich über den lang anhaltenden Applaus der Jubiläumsgäste freuen.

„Bei meinen vielfältigen sportlichen Aktivitäten oder bei meinem Engagement im Ehrenamt ist die Familie oftmals zu kurz gekommen. Und schon deshalb war es für mich eine Selbstverständlichkeit, den Wunsch meiner Frau, die sich 2002 die Teilnahme am Hamburg-Marathon zum Ziel gesetzt hatte, zu unterstützen. Ich habe ein Trainingsprogramm zusammengestellt und sie zunächst mit dem Fahrrad begleitet. Als mir aber die Blicke von Passanten auf den Keks gingen, entschloss ich mich kurzerhand auch zur Teilnahme. Es war ein ergreifendes Gefühl, als wir nach viereinhalb Stunden, die wir uns nach dem Trainingskonzept selbst vorgegeben haben, Hand in Hand durchs Ziel gelaufen sind“, möchte Gerd Strauß diesen Augenblick nie mehr missen.

Zur Person

Gerd Strauß (69) wurde am 22. August 1951 in Eschwege geboren und ist ein waschechter Dietemann geblieben. Sein Abitur hat er noch an der FWS abgelegt, ehe er 1971 bis 1976 in Darmstadt studierte. Nach dem Referendariat in Fulda bekam er eine Anstellung an den Beruflichen Schulen, ehe er in den letzten Jahren am Oberstufengymnasium unterrichtete und noch zum Studiendirektor befördert wurde. Er ist seit 42 Jahren verheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Mädchen und ein Sohn hervor und stolz schaut das Paar auf die beiden Enkeltöchter. Strauß war erfolgreicher Handballer und avancierte zu einem der besten Trainer der Region. ht

Von Harald Triller

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