WR-Serie: Die Sportliche Leistung des Lebens

Tischtennisspieler David Diehl hat den Krebs besiegt - und zwei Einzel gewonnen

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Nach seiner Fußball-Laufbahn machte er sich im Tischtennis einen Namen: David Diehl. Unser Foto zeigt ihn im Trikot seines Göttinger Vereins TTV Geismar. Nach seiner Krebserkrankung stand er wieder an der Tischtennisplatte.

Alle Sportler haben Wettkämpfe bestritten, die ihnen ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Dazu haben wir die Serie „Die sportliche Leistung des Lebens“. Heute: David Diehl.

Die Geschichte von David Diehl beginnt ganz anders als die vorigen Ganz-Seiten-Storys, bei denen Sportler von ihren größten Momenten berichten. Glücksgefühle, Tränen der Freude und schier grenzenlose Begeisterung erlebte der heute 37-Jährige, der im Werra-Meißner-Kreis aufgewachsen ist und in der Region Fußball und Tischtennis spielte, zwar auch. Doch im Gespräch mit dem Wahl-Göttinger wird von der ersten Sekunde an klar, dass eben diese Aspekte nur einen ganz geringen Teil seiner Geschichte einnehmen.

David Diehl hatte Krebs.

Ein Sportler, der beim Fußball zu den schnellsten Spielern des Kreises zählte. Einer, der topfit war und der sich auch von einer Kreuzband-Verletzung nicht runterziehen ließ. Diehl ist jemand, der wieder aufstand, wenn er fiel. Und genau dieser Einstellung verdankt er heute sein Leben.

"Ich war nicht nur unten, sondern ganz unten. Weiter runter ging es kaum."

Vor rund zweieinhalb Jahren war Diehl am Boden. „Ich war nicht nur unten, sondern sogar ganz unten. Weiter runter ging es kaum“, erzählt er, „denn am 11. Dezember 2017 wurde bei mir Krebs im lymphatischen System diagnostiziert. Ähnlich wie Leukämie. Was ich dann erlebt habe, das war die Hölle.“

Er gibt an, dass er zuvor nach einem grippalen Infekt eine weintraubenartige Verwucherung am Kiefer bemerkte. „Mir war klar, dass das nichts Gutes sein

kann.“

Sechs Chemo-Therapien, 18 Bestrahlungen

Wie groß der Schock nach dem ersten Krankenhausaufenthalt war, das muss an dieser Stelle nicht erläutert werden. „Am 4. Januar 2018 habe ich die erste Chemo bekommen. Insgesamt waren es sechs in zweiwöchigen Abständen. Zudem 18 Bestrahlungen. Ich hatte kompletten Haarausfall und Geschmacksverlust.“ So die Vorgeschichte.

Nach der fünften Chemotherapie lag er auf der Intensivstation. „Da sah es echt nicht gut aus für mich“, sagt er und fährt fort, dass er ohne seine Frau und seinen Sohn diese Zeit niemals überstanden hätte. „Ich war psychisch und physisch total am Ende.“

Zurück ins Leben gekämpft

Nach den Behandlungen musste er sich ins Leben zurückkämpfen. „An Sport war nicht zu denken. Das war kilometerweit weg, völlig utopisch. Ich musste erst mal versuchen, wieder nach etwas greifen zu können. Das ging alles nicht. Ich konnte nicht mal einen Kugelschreiber halten. 

Mir war klar, dass es noch ein langer Weg sein wird, bis ich wieder richtig im Leben angekommen bin.“ Infolge der Krebs-Behandlungen habe er nicht nur seinen Tastsinn verloren, sondern auch 40 Kilo zugenommen. „Cortison eben.“

Es kam knüppeldick: Frau hat sich von ihm getrennt

Aufgeben kam aber nie infrage. Auch nicht dann, als er zwar leichte Fortschritte machte aufgrund der therapeutischen Maßnahmen, sich dann in der Mitte des Jahres 2018 aber seine Frau von ihm trennte und er finanziell „ganz große Sorgen“ hatte. „Es kam knüppeldick.“ Was ihn hochgehalten hat? „Meine Familie und der Charakter. Ich gebe nicht auf. Ich war schon immer ein Kämpfer.“ Trotz dieser Rückschläge.

Diehl blickte nach vorn, er wollte leben und wieder die Dinge tun, die ihm zuvor so große Freude bereitet hatten. Sein gesundheitlicher Zustand besserte sich und plötzlich wurde der Traum Realität – er konnte wieder an sportliche Betätigung denken, ohne sich zu wundern, so utopische Gedanken zu haben. Kurz nach seinem 36. Geburtstag am 23. August 2018 durfte er den Schritt wagen und erstmals „seine“ Tischtennishalle des TTV Geismar, für den er seit 2011 spielt, betreten. Natürlich mit Schläger in der Tasche.

Zurück im Training

"Es war, als hätte ich ein Stück meines alten Lebens zurückerhalten."

„Ich mache die Hallentür auf, die Leute gucken mich an. Sie erkennen mich kaum, weil ich ja so zugenommen und keine Haare habe. Aber dann, dann war es wie früher. Die Leute nehmen dich in den Arm, alles war so herzlich. Und so jemand wie ich, der immer Mannschaftssport betrieben hat, der vermisst diese Gemeinschaft. Es war in dem Moment, als hätte ich ein Stück meines alten Lebens zurückerhalten.“

David Diehl bemerkt im Gespräch Gänsehaut an seinen Armen, während er an diesen Abend und an den Moment denkt, als er zum ersten Mal wieder an der Platte stand. „Endlich wieder den Schläger in der Hand halten und den Ball über das Netz spielen.“ Auf diesen Moment hatte er lang gewartet. Ein noch größerer sollte folgen.

Rückkehr an die Platte

Nervös wie ein Kind vor der Einschulung sei er gewesen an jenem Mittwochabend im September 2018. An einem Tag, an dem er zum ersten Mal seit fast einem Jahr wieder zu einem Tischtennis-Ligaspiel seines TTV Geismar am Tisch stand. „Wie man es dann eben so macht, so habe ich meine ersten beiden Bälle voll ins Netz gehauen“, sagt Diehl und lacht beiher, amüsiert sich beim Gedanken an seine etwas holprige Rückkehr an den Tisch. Dass diese aber überhaupt möglich war, bezeichnet er rückblickend als „Wahnsinn“. Neun Monate zuvor unterzog er sich seiner ersten Chemotherapie. Er kämpfte ums Überleben. „Nun aber stand ich also zum ersten Mal wieder am Tisch. Dieses Gefühl, das war das Größte, was ich je erlebt habe. Ich hatte in meiner Karriere unzählige Fußball- und Tischtennisspiele absolviert und viel erlebt. 

"Ich habe das krasseste Spiel meines Lebens gespielt"

Aber an diesem Abend in Geismar, da habe ich das krasseste Spiel meines Lebens gespielt. Einige Monate zuvor hätte ich nie gedacht, dass ich überhaupt jemals wieder meinen Lieblingssport ausüben würde. Und plötzlich habe ich mein Trikot wieder an und stehe am Tisch. Einfach geil!“ In den drei Wochen vor seinem ersten Serienspiel hatte er dreimal trainiert. Allein dass dies geklappt hatte, das sei schon sensationell gewesen. „Am ersten Spieltag stand das vereinsinterne Kreisligaduell zwischen Geismar III und Geismar IV an“, sagt der Göttinger, „ich war in der Dritten aufgestellt und sollte es mal probieren.“ Er stimmte zu. Als Diehl zu seinem ersten Doppel aufgerufen wurde, an die Platte trat, da wurde es ihm ganz anders. „Ich war so angespannt. Es hat es sich die ganze Zeit angefühlt, als würde ich das entscheidende Meisterschaftsfinale spielen. Dass ich dieses Gefühl erleben durfte, darum ging es. Das hat mir alles bedeutet. Ich bin wieder da! Das wusste ab heute jeder. “ Die Aufregung sollte sich den ganzen Abend nicht legen. „Jeder Ballwechsel war wie bei einem Matchball“, sagt er, der in den Monaten davor so vieles durchgestanden hatte. Nach kurzer Anlaufzeit im Doppel setzte er sich mit seinem Partner klar durch. Und auch in den Einzeln lief es erstaunlich gut. Konditionell habe er noch arge Probleme gehabt, „aber das Händchen war sofort da“, freut er sich. Mit 11:7, 11:8, 11:3 besiegte er in seinem ersten Einzel Uwe Nolte, im zweiten Einzel ließ er ein 11:5, 7:11, 11:7 und 12:10 folgen. Erneuter Sieg. Was für eine Rückkehr! „Das war die Belohnung für den harten Kampf, den ich gekämpft habe.“

Das ist David Diehl

David Diehl (37) ist im Werra-Meißner-Kreis aufgewachsen und jahrelang sportlich in der Region aktiv gewesen. Geboren in Frankfurt am Main, zog es ihn mit seiner Familie nach Portugal, ehe die Diehls nach Nordhessen zogen. 

In den 1990er-Jahren war er Gründungsmitglied des TTC Hilgershausen im Tischtennis und spielte später beim TTC Wellingerode und dem TTV Dudenrode; Fußball spielte er in Kammerbach, Weidenhausen und bei der SG Germerode/Abterode/Vierbach. Er zählte zu den schnellsten Stürmern im Kreisgebiet. 

Seit 2011 lebt er in Göttingen-Geismar und arbeitet als Sachbearbeiter bei einem Unternehmen. Im Dezember 2017 wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. Er ist nach eigenen Angaben geheilt und komplett krebsfrei. Er gründete einen Treffpunkt in Göttingen für junge Erwachsene mit Krebs. Diehl hat zwei Kinder.

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