„Es fehlt einer, der den Rachen mal so richtig aufreißt“

Interview mit Schalke-Fan Andreas Pleyer aus Eschwege über Abstiegsangst und Hoffnung

Fußballer Ozan Kabak im Trikot des FC Schalke 04
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Niedergeschlagen: Schalkes Ozan Kabak.

Fußball-Bundesligist FC Schalke 04 steht mit nur 3 Punkten aus 9 Spieltagen am Tabellenende und steckt in einer historischen Krise. Wir haben mit einem Fan gesprochen.

Seit über 40 Jahren ist Andreas Pleyer Fan von Fußball-Bundesligist FC Schalke 04. In dieser Zeit hat er unzählige wunderbare Momente erlebt und es gibt vieles, was ihn voller Stolz über seinen Lieblingsverein sprechen lässt. Doch das liegt alles Jahre zurück. Die Gegenwart sieht ganz anders aus. Der Eschweger war selten so frustriert wie in diesen Tagen und Wochen. Und der 50-Jährige, der die Fußball-Abteilung des SC Niederhone leitet, hat nur wenig Hoffnung, dass der Klassenerhalt geschafft werden kann. Am Sonntag spielt Schalke gegen Leverkusen. Ein Interview.

Andreas Pleyer vom SC Niederhone

Andreas, wie erträgst du als eingefleischter S04-Anhänger die Übertragungen deiner Schalker in dieser Saison?

Das geht, weil ich kein Sky habe und daher in den meisten Fällen nur am Samstagabend in der Sportschau die Zusammenfassungen sehe. Aber das, was ich da dann erlebe, das reicht völlig aus, um zu erkennen, dass das gar nichts ist, was abgeliefert wird. So, wie wir derzeit spielen, steigen wir ab. Da gibt es keine zwei Meinungen.

Wieso?

Hierfür reicht der Blick auf die Tore, die wie fangen. Das ist Wahnsinn. Die Spieler stehen nur Spalier. Wenn du so einfach Gegentore kassierst, dann hast du in der Bundesliga nichts zu melden. Ein weiteres Problem ist, dass Schalke keine Führungsspieler hat. Die Torhüter sind viel zu ruhig, die Abwehr ist mit sich selbst beschäftigt, aus dem Mittelfeld kommt viel, viel zu wenig und im Sturm – ja, da ist überhaupt nichts los. Den meisten Spielern will ich hier aber nicht mal einen Vorwurf machen, denn die Fehler sind in den letzten Jahren passiert.

Das musst du erklären.

Nach Rudi Assauer ging es bergab. Als Manager hatten wir dann Horst Heldt, der fähig war und ein glückliches Händchen bewiesen hat. Da hatten wir noch riesige Ansprüche und haben international gespielt. Aber dann wurde 2016 Christian Heidel geholt und dann lief schon fast gar nichts mehr zusammen.

Aber Schalke wurde doch Vizemeister in der Saison 2017/18?

Ja, das stimmt, aber schon unter dem damaligen Trainer Domenico Tedesco wurde richtig schlechter Fußball gespielt. Ähnlich wie jetzt. Heidel hat auf Namen gesetzt und nur danach eingekauft. Ein prominentes Beispiel ist hier Sebastian Rudy. 16 Millionen wurden für einen ausgegeben, der überhaupt nicht zu Schalke passt. Und leider gibt es viele solcher Beispiele. Heidel hat Schauspieler geholt, überhaupt nichts hat geklappt. Bei Mainz hatte er die Trainer Klopp und Tuchel, mit denen er sich gebrüstet hat. Bei uns hat er aber gar nichts hinbekommen – ein André Breitenreiter wurde auf Platz fünf entlassen. Heidel war insgesamt wohl überrascht mit der Strahlkraft, die Schalke nun mal hat und dass es eben doch ein ganz anderes Kaliber ist als der FSV Mainz 05.

Heidel allein ist aber sicher nicht der Schuldige, oder?

Nein, natürlich nicht. Ich ziehe hier mal eine Parallele zum einst so großen Hamburger SV, der es nach jahrelangem Missmanagement geschafft hat in die 2. Liga abzustürzen. Die sind daran gescheitert und abgestiegen, weil der Vorstand nur aus Geschäftsleuten bestanden hatte. Du brauchst Fußball-Fachleute unter den großen Entscheidungsträgern, die den Fußball lieben und leben. Das ist bei uns leider genau so, wie es beim HSV war. Und wenn wir so weitermachen, blüht uns das gleiche Schicksal. Christian Heidel hat aber auch vergessen, die jungen Spieler, die aus der Knappenschmiede kommen, frühzeitig an den Verein zu binden.

Du meinst, dass viele Spieler aus der eigenen Jugend, die ein Gesicht des Vereins werden sollten, sonst noch länger bei Schalke geblieben wären?

Genau, da gibt es ja viele Beispiele. Sead Kolasinac oder Joel Matip, um nur mal zwei zu nennen. Unser neuer Sportvorstand Jochen Schneider macht das jetzt. Nur wir haben jetzt das Problem, dass wir bei den jungen Spielern aus den eigenen Reihen bei Weitem nicht mehr die Qualität haben, wie es mal war. Die vergangene Woche mit den Suspendierungen und dem ganzen Chaos hat gezeigt, dass es einige Spieler gibt, denen total die Einstellung fehlt. Solche Spieler haben bei Schalke 04 nichts verloren.

Also kann der Weg nur lauten, dass auf die eigene Jugend gesetzt wird, oder?

Absolut. Es kann keinen anderen geben. Du hast kein Geld, um in der nächsten Transferphase im Winter neue Spieler zu kaufen, die dich voranbringen. Für die Zukunft kann es nur den Schritt geben, auf die eigenen Leute zu setzen und Spieler zu holen, die zur Philosophie des Vereins passen. Das muss man probieren. Wenn überhaupt, dann können diejenigen etwas reißen, denen der Verein etwas bedeutet, die sich zumindest ein bisschen mit ihm identifizieren. Ein Spieler wie Daniel Caligiuri wurde mehr oder weniger weggeschickt, so einer fehlt uns an allen Ecken und Enden. Es fehlt einer, der seinen Rachen mal so richtig aufreißt.

Was macht dir Hoffnung für die nächsten Spiele?

Eigentlich nur Mark Uth. Er ist einer, der zumindest versucht voranzugehen. Und ich hoffe, dass der jetzt eingeschlagene Weg konsequent weitergegangen wird. Denn dann lässt das zumindest für die Zukunft hoffen.

Auch wenn die Zukunft 2. Bundesliga heißt?

Ja, klar. Wenn du auf die eigenen Leute setzt, alles versuchst und mit wehenden Fahnen absteigst, dann verzeiht dir das jeder Schalke-Fan. Anfreunden kann man sich jetzt natürlich nicht damit, aber wenn man ehrlich ist, dann muss man sich eingestehen, dass es nun mal so kommen wird, wenn keine enorme Besserung eintritt. So, wie es im Moment ist, ist es einfach nur katastrophal und das ist nicht Schalke. In den 1990er-Jahren sind wir mit Jungs aus den eigenen Reihen aufgestiegen und mit Leuten wie zum Beispiel Ingo Anderbrügge, die – so sage ich jetzt einfach mal – den Charaktertest bestanden haben. Da müssen wir wieder hinkommen.

Von Nico Beck

Zur Person

Andreas Pleyer (50) ist seit früher Kindheit Fan vom FC Schalke 04. „Beim Fußballspielen auf der Straße war ich immer Klaus Fischer, weil sich die anderen sofort Beckenbauer, Müller und Co. gesichert haben. Fischer war Schalker und so bin ich zu Schalke 04 gekommen“, erinnert sich Pleyer. Er ist ein so leidenschaftlicher S04-Fan, dass er von Freunden sogar „Ebbe“ genannt wird in Anlehnung an den legendären Stürmer Ebbe Sand. Sein Herzens- und Heimatverein in der Region ist der SC Niederhone, bei dem er die Fußball-Abteilung führt. Er arbeitet als Bauarbeiter, hat eine Tochter und lebt in Eschwege.

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