1. Werra-Rundschau
  2. Sport
  3. Lokalsport

„Oftmals fehlt Verbindlichkeit“ - Interview mit Kreisjugendwart über Situation im Fußball

Erstellt:

Von: Marvin Heinz

Kommentare

Demhat Kaplan (Korbach II) beim Kopfball gegen Lennard Gez (rechts).
In Gesprächen mit Jugendleitern und Trainern stelle man immer wieder fest, dass die Verbindlichkeit der jungen Spieler- und Spielerinnen oftmals fehle. Die Flexibilität, wie sie andere Freizeit- und Sportmöglichkeiten böten, könne der Fußball nicht schaffen, sagt Fußball-Kreisjugendwart Tim Jeanrond. (Symbolbild) © bb

Mit dem neuen Kreisjugendwart Tim Jeanrond sprachen wir zum Abschluss der Spielzeit 21/22 über die Situation im heimischen Jugendfußball im Werra-Meißner-Kreis.

Tim, wie viele Jugendspieler und -mannschaften zählen wir im Kreis?

In der zu Ende gehenden Saison 2021/2022 waren auf Kreisebene 104 Mannschaften von 16 Vereinen beziehungsweise Jugendspielgemeinschaften in den verschiedenen Altersklassen im Spielbetrieb aktiv.

Rund 60 Prozent aller Nachwuchskicker bleiben auf dem Weg in den Seniorenbereich auf der Strecke. Warum?

Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Natürlich hat uns die Corona-Pandemie geschadet und einige Spieler haben in der fußballfreien Zeit Spaß an anderen Dingen gefunden. Die Vielzahl an Angeboten neben dem Fußball führt dazu, dass auch andere Sportarten und vor allem neue Freizeitbeschäftigungen ausprobiert werden.

Das Angebot ist in beiden Fällen in den letzten Jahren stark gewachsen und macht die jungen Menschen neugierig. In Gesprächen mit Jugendleitern und Trainern stellen wir auch immer wieder fest, dass die Verbindlichkeit der jungen Spieler- und Spielerinnen oftmals fehlt. Die Flexibilität, wie sie andere Freizeit- und Sportmöglichkeiten bieten, kann der Fußball nicht schaffen.

Was ist in der Vergangenheit schiefgelaufen?

Der Fußball muss sich natürlich auch an die eigene Nase fassen. Allzu oft verlieren wir Spieler und Spielerinnen, weil sie aufgrund überzogener Leistungserwartungen die Lust am Fußballspielen verlieren.

Der hohe Leistungsdruck und die oft überzogene Erfolgserwartung von Vereinen – und vor allem Eltern – helfen den Kindern und Jugendlichen nicht bei ihrer Entwicklung. Wir brauchen eine neue Definition vonErfolg im Jugendfußball und dürfen dazu nicht nur reine Ergebnisse zu Rate ziehen.

Im Kreis gibt elf Spielgemeinschaften mit diversen Trainings- und Spielorten. Kann da überhaupt noch Identifikation zum Stammverein entstehen?

Es ist sicher ungleich schwieriger unter solchen Umständen eine Identifikation zu einem Verein entstehen zu lassen. Leider ist es vielen vor allem kleineren Vereinen nicht mehr möglich, eigene konkurrenzfähige Mannschaften auf den Platz zu bekommen. Ich bewundere jeden, der das noch hinbekommt. Für die Vereine bieten die Jugendspielgemeinschaften auch Vorteile in der Zusammenführung von Kompetenzen und Nutzung von Synergieeffekten.

Viele unserer JSGs machen eine tolle Arbeit – auch über den reinen Spielbetrieb hinaus. Durch die Einführung der neuen Spielformen und die Möglichkeit, Mannschaften schon mit vier Spielern melden zu können, erhoffen wir uns, diesem Trend entgegenzuwirken und zumindest im Kinderfußball wieder mehr Vereine statt Jugendspielgemeinschaften im Spielbetrieb zu haben.

Im unteren Jugendbereich soll durch Funino ein gegenläufiger Trend erzeugt werden. Deine Meinung?

Das Pilotprojekt des HFV stellt die Entwicklung des einzelnen Spielers in den Vordergrund. Der richtige Ansatz? Auf jeden Fall. Ich bin ein großer Freund der neuen Spielformen und habe es in dieser Saison genossen, den Spielbetrieb gestalten zu können. Die neuen Spielformen haben auf viele Herausforderungen im Kinderfußball eine Antwort und geben einen ganz anderen Raum zur Entwicklung als es die bisherigen Spielformen konnten.

Neue Erkenntnisse aus der Lernforschung treffen auf wissenschaftliche Erkenntnisse zu Ballkontakten, Dribblings und Toren pro Spieler. Der DFB tut gut daran, diese neuen Spielformen ab 24/25 zum Standardprogramm im Kinderfußball zu machen. Wir werden als KJA in den nächsten beiden Übergangssaisons alles tun, um die Vereine, Trainer und Eltern für die neuen Art des Kinderfußballs zu begeistern. Die Kinder schließe ich hier aus, da die vergangenen Turniere gezeigt haben, dass ihre Begeisterung längst da ist.

Zur Person

Tim Jeanrond (38) studierte nach seinem Abitur in Gießen BWL. Danach führte ihn der Weg zurück nach Sontra, wo er mit seiner Frau lebt. Seit 2021 ist er selbstständig und bietet Coachings für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung an. Er übte bereits im Vorstand des TV Sontra ein Vorstandsamt aus, bis er bei der SG Sontra bis 2021 Vorsitzender war. Seit diesem Jahr ist er Fußball-Kreisjugendwart.

(Marvin Heinz)

Auch interessant

Kommentare